ich stelle mich vor   (lks)      und                    RAdsportepisoden (rts)

Am 18.10.1949 wurde ich in Olten geboren. Meine ersten 33 Jahre erlebte ich in Hägendorf (SO), wo ich auch die Primar- und Bezirksschule besuchte. Nach einer dreijährigen kaufmännischen Lehre in einer Schuhfabrik in Olten fand ich meine Lebensstelle bei der SBB in Olten. 1982 zog ich nach Olten, wo ich zusammen mit meiner Gattin heute immer noch wohne. Nach mehr als 42 Jahren im gleichen Betrieb liess ich mich mit 62,5 Jahren frühpensionieren.

 

Ein Entscheid,  den ich nie bereute, denn es war mir seither noch nie langweilig. Entweder malte ich oder schrieb an den Radsportepisoden

Diese finden Sie auf der rechten Hälfte dieser Seite.   Viel Spass !

 

Ueber die Malerei berichte ich auf der Seite nebenan (Button Werk anklicken),     die

 

               Radsportepisoden

 

finden Sie untenstehend

  Verzeichnis Radsportepisoden  nach Ablaufjahr 
1 erste Velotouren 1964  
2 mein erstes Rennen 1966  
3 erste Touren im Verein 1966  
4 eine Kiste Hühner 1967  
5 ein Stein im Brett 1967  
6 Handschlag gilt 1967  
7 vergebliche Mühe 1968  
8 Oberpeinlich 1968  
9 Wie aus dem Lehrbuch 1972  
10 Die Speckseite 1969  
11 s' Landei 1971  
12 der Kannibale 1971  
13 Umweg statt Abkürzung 1971  
14 Ma-Fahren haben eigene Gesetze 1972  
15 die Spanientour 1972  
16 der kleine Finger und die ganze Hand 1972  
17 ohne Mentaltrainer 1972  
18 autofreie Sonntage 1973  
19 Journée Velocio 1974  
20 Sporen und Peitsche 1974  
21 Verkehrshindernisse anderer Art 1974  
22 von Azimuten und Koordinaten 1974  
23 und erstens kommt es anders… 1974  
24 12 Stunden alleine in der Mandschurei 1975  
25 Pech im Elsass und am Rhein 1975  
26 vom Deeser 1975  
27 der Röstigraben 1976  
28 in Luxembourg 1978  
29 ausgebremst und skalpiert 1979  
30 Müsterli vom Bolliger Max 1979  
31 lohnende Umwege, zu schnell abgeladen 1979  
32 Timing Total 1981  
33 zu schön, um wahr zu sein 1982  
34 falsch gepokert 1983  
35 der Hungerast 1983  
36 von Boningen nach Zermatt 1986  
37 Indianerlis 1987  
38 Quer durch die Schweiz 1987  
39 Schlammschlacht(en) 1988  
40 dunkle Wolken über dem VC Born 1988  
41 Rechtsumkehrt 1989  
42 Briefmarken Tour de Suisse 1942 1989  
43 Wie in Trance 1989  
44 mein erstes Mountain-Bike 1989  
45 d'Chuttle putzt 1991  
46 Auf den Spuren von Wilhelm Tell 1991  
47 lustige Touren 1992  
48 Zurücklehnen und denken 1991  
49 Hamstern im Kanton Zug 1992  
50 in den Freibergern 1992  
51 wenn der Hammermann zweimal klingelt 1994  
52 MTB-Marathon mit Hindernissen 1995  
53 MTB-Rennen im Jura 1995  
54 MTB-Marathon im Welschen 1995  
55 Glück im Unglück 1996  
56 Köpfchen 1996  
57 die Ledermedaille 1996  
58 Anton zieh die Bremse an 1998  
59 wenn die Geier kreisen 1999  
60 im Luzerner Hinterland 2000  
61 Interview mit Dieter Runkel 2003  
62 Geschichte Quer - und Bike-Cup 2003  
63 ein Veilchen 2005  
64 von weiteren MTB's 2005  
65 schlagfertig 2006  
66 es chalberet der Schitterstock 2006  
67 Höhenflug und Untergang der VRT 2007  
68 ach Wölfli 2005  
69 und nochmals von Wölfli 2005  
70 Nachwuchsprobleme 2008  
71 ein Zweier Pitralon 2010  
72 ein kleiner dicker Biker 2012  
73 Zeitreise 2012  
74 im Wandel der Zeit 2013  
75 schneller als die Eisenbahn 2013  
76 schon wiederr einen Plattfuss 2014  
77 Umweg über den Grenchenberg

2014

 

 
78 red täitsch

2014

 

 
79 Rückblick

2017

 

80

81   

Die PIN-Phase                              

auf dem falschen Fuss erwischt

 

1995/96

2015

 

 
       
       
       
       
       
       
       

 

 

1 erste Velotouren

 

Als Buben hatten wir noch kein eigenes Velo. Man durfte das Fahrrad des Vaters benutzen oder dasjenige der Mutter. Da meine Mutter nicht velofahren konnte, hatte sie auch keines und so blieb mir nur Vater’s alter Göppel vorbehalten.  

Den Ausdruck „Göppel“ hörte er allerdings gar nicht gerne. Das wohl über zwanzig Jahre alte schwere, blaue Dreigangvelo hatte er sich während den Kriegsjahren bei Hellbach in Wangen gekauft zum stolzen Preis von Fr. 450.--.  Wir können uns nicht mehr vorstellen, wie viel Geld das damals war. Er hat mir einmal anvertraut, das Velo habe er sich auf Raten gekauft. Der Velohändler habe ihn dazu ermuntert, denn er sei nicht der Einzige, der das so mache. Dieser Betrag entsprach damals fast zwei Monatslöhnen und so scheint es mir mehr als verständlich, dass Vater so viel an seinem Velo lag. Item, ich durfte es also hie und da benutzen. Da ich Ende Primarschulzeit noch nicht so gross war, wie als Erwachsener, konnte ich nur damit fahren, wenn ich unter dem Oberrohr in die Pedalen trat. Mit meinen zu kurzen Beinen war dies die einzige Möglichkeit, mich fortzubewegen.

Wie ich einem alten Testblatt vom Vorunterricht entnehme, wog ich damals 39 kg bei einer Grösse von 136 cm. Inzwischen hat sich eine Zahl mehr als verdoppelt. Welche wohl ?  Als ich dann die Aufnahme-prüfung zur Bezirksschule mit Bestnoten bestand, erhielt ich ein Velo. Kein Neues natürlich, sondern eine Occassion für 45 Franken. Immerhin, es war ein alter Halbrenner und erst noch mit einem Uebersetzungswechsel dran. Vorne hatte es allerdings nur ein Kettenblatt, doch auch damit war gut zu fahren. Wir waren ja nicht verwöhnt und somit anspruchslos.  .

 

 

 

 

 

Die allererste Tour führte mich mit meinem Nachbarsbuben Urs nach Kestenholz ins Gäu. Die 15 km Hinfahrt und dann wieder zurück erschienen uns bereits als lange Tour, vor allem auch darum, weil es bis zur Tante von Urs noch steil hinauf ging.   

Ein andermal hatten wir es aber ganz gross im Sinn. Mit einem andern Schulkollegen, ebenfalls ein Urs, fuhren nur mit einem Bidon voll Wasser nach Biel. Von dort aus bogen wir nach Sonceboz ab und fuhren mehr schlecht als recht über den Pierre Pertuis. Nun plagte uns der Hunger. Da wusste Urs Rat. Sein Grossvater war vor Urzeiten Kassier der lokalen Milchgenossenschaft gewesen. Als die runden Milchmarken durch Sechseckige ersetzt wurden, erhielten die Enkelkinder diese zum Spielen. Die spielten aber nicht damit, sondern plünderten in grossem Umkreis alle Automaten. Die Marken hatten genau die Dimension und das Gewicht eines Einfränklers.  Getränke gab es damals noch keine am Automaten, aber Schokolade und Chrömli. So deckten wir uns im Jura bei jedem Bahnhof mit Verpflegung ein. Das Getränk hatten wir im Bidon und an jedem Brunnen wurde Wasser nachgefüllt. 

Wenige Wochen später schaute die Polizei beim Grossvater von Urs vorbei und fragte diesen aus. Dieser wusste logischerweise von nichts und wir kamen alle ungeschoren davon. Kurz vor Court schauten wir auf der Karte nach und entdeckten eine Strasse über den Binzberg. Diese sollte uns den Umweg über Moutier ersparen. Wir waren beide erschöpft. Bei Nebel und bald einsetzendem Nieselregen bezwangen wir den Binzberg, der mit 1‘006 m.ü.M. auch heute noch ein happiger Brocken ist. Die Strasse wurde immer schlechter und ganz oben mussten wir noch einige „Kuhgatter“ öffnen, um passieren zu können. An ein Umkehren war nicht zu denken, das gab uns der Kopf auch nicht zu. Immerhin ging es dann steil nach Gänsbrunnen 

hinunter und dann bis ins Tal leicht abwärts. Ab Balsthal bis zu unserem Wohnort Hägendorf war es relativ flach und dort kamen wir auch halb kaputt an.

 

In den nächsten Wochen hatten wir genug vom Velofahren, doch bald zeigte sich eine weitere Gelegenheit. Als Fan von Grasshoppers  Zürich wollten wir das Nationalliga-Spiel FC Basel : GC in Basel besuchen. Klar fuhren wir mit dem Velo hin. Das ging alles gut und auch der Match war spannend. Das Resultat weiss ich nicht mehr, aber es bleibt mir in guter Erinnerung, dass wir in der falschen Kurve standen. Als wir GC lautstark anfeuerten riefen uns die Basler Fans neben und hinter uns zu: „Halt d’Schnurre do vore, sunscht kriegsch  eini an d’Ohre“.  Wir Landeier wussten uns nicht anders zu helfen,  als uns in einer anderen Ecke des Stadions das Spiel zu Ende zu sehen. Die Heimfahrt war etwas Besonderes: Bereits nach Pratteln brach die Dunkelheit herein. Wir hatten zwar Licht am Velo, aber als Buben war es uns unheimlich. Bei den Baustellenwagen befürchteten wir, dass das Wagen von Zigeunern seien. Meine Oma hat oft erzählt, dass Vater als kleiner Junge nicht alleine draussen spielen durfte und seine beiden Schwestern auch nicht. Die waren nämlich alle stroh-blond und es ging die Mär um, die Zigeuner entführen blonde Kinder, weil sie selber oft nur Kinder mit schwarzen oder dunkelbraunen Haaren hatten.

Urs war ebenfalls strohblond und deshalb schien es uns gefährlich. Nachdem wir diese „Gefahrenherde“ hinter uns gelassen hatten, begann der Kampf am oberen Hauenstein. Ich hatte wieder mal einen in den Schuhen sitzen. Bereits nach Waldenburg ging gar nichts mehr. Urs, der bereits damals viel stärker fuhr als ich, redete mir gut zu und musste mich immer wieder ermuntern, einen Gang grösser zu schalten, damit wir vor Mitternacht noch nach Hause kämen. Als alles nichts mehr nützte, legte er mit in jeder Kurve – mitten auf die Sicherheitslinie – ein Sugus-Täfeli. Dies sollte mir ein Ansporn sein, um mich weiter vorwärts zu bewegen. Als mir das Absteigen und das Aufheben des Lockvogels dann doch zu anstrengend war, liess ich auch das sein.  

Ein andermal hatten wir vor, einen Onkel von Urs in Selzach zu besuchen. Der sei grosszügig und tische immer ein gutes Zvieri auf. Da er nicht zu Hause war, gab es leider nichts. Er war Pfarrer und die Haushälterin neu. So konnte sie Urs nicht kennen, weil er ihr noch nie begegnet war. Ausweisen konnten wir uns auch nicht und so zogen wir unverrichteter Dinge wieder ab. Da uns der Hunger aber doch mehr plagte, als wir zugeben wollten, gruben wir im Garten einige Rüebli aus, wuschen diese am Brunnen und taten uns daran gütlich. Auch von dieser Tour sind wir wieder nach Hause gekommen, sonst hätte ich ja diese Geschichte nicht schreiben können.

2  Mein erstes Rennen

 

Beim Fussballspielen im

FC Hägendorf hat es mir zwar wegen den Kollegen gefallen, „Tschutten“ konnte ich aber noch immer nicht. Nach sieben Jahren – meistens auf der Ersatzbank – liess ich mich gerne überreden, es einmal mit Velofahren zu versuchen. 

Sepp, der Vater meines Schulkollegen Urs, arbeitete bei Kleider Frey in Wangen. Gleich nebenan wohnte Walti Gross, ein ehemaliger Radprofi. Diesen kannte Sepp aus seiner Jugendzeit in Hägendorf und so empfahl ihm dieser,  dass sein Sohn Urs es doch einmal an einem Velorennen versuchen sollte. Ein „Würstlihelm“ war schnell gefunden und ein Rennrad hatte er ihm auch zur Verfügung gestellt. In der Schule vernahm ich von seinen Plänen und gemeinsam fuhren wir nach Boningen zu Peter Wyss, dem damaligen Velo-Club-Präsidenten. Er nahm unsere Anmeldung entgegen. Bald einmal waren wir stolze Mitglieder im VC Born Boningen und hatten auch eine Juniorenlizenz in der Tasche. Ohne viel trainiert zu haben, gingen wir an unser erstes Rennen. Einen Helm hatte ich noch keinen, den lieh mir unser Nachbar Hans aus. Es war allerdings ein Motorrad-Helm, und so wurde ich entsprechend ausgelacht. Das Mondia - Rennrad kaufte ich occasion bei Sepp Altermatt, dem ortsansässigen und einzigen Velohändler. Wir hatten uns nichts Leichtes ausgesucht. Ausgerechnet das harte und  lange Rennen von der Aare in den Jura in Obergösgen sollte unser erster Test sein. Achtung, fertig, los, und alle stoben wie wild davon. Bald einmal fanden wir uns am Ende des grossen Feldes wieder und als es nach Winznau beim Tripolis, danach beim Deiss in Trimbach vorbei, in die Steigung auf die Wilmatt hinauf ging, war ich alleine. Oben feuerten uns Gross Walti mit Sophie, Bolliger Max und Ida an. Aber das nützte alles nichts. Die über 90 Kilometer hatten es in sich. Viermal diese Runde, ich glaubte nicht mehr daran, alleine auf mich gestellt, ans Ziel zu kommen. In der letzten Runde erlitt mein Freund Urs einen „Hungerast“, er musste beim „Bergpreis“ absteigen um sich einen Apfel vom Baum zu schlagen. Dazu benutzte er seinen Rennschuh. Dieser blieb aber oben in einer Astgabel hängen, und er war noch immer damit beschäftigt, diesen herunter zu holen, als ich zu ihm aufschloss. Ich wartete auf ihn und gemeinsam fuhren wir in die Abfahrt nach Lostorf und Erlinsbach. Dort hatte ich einen leeren Bidon und füllte diesen am Brunnen mit Wasser. Urs wartete jedoch nicht auf mich und fuhr mir davon. So wurde ich an meinem ersten Rennen Letzter – immerhin war ich aber fertig gefahren. Ich sah nun, was es brauchte und trainierte von da an mehr. Zu Erwähnen ist allerdings auch, dass damals die gesamte Elite der Junioren am Start war und wir so oder so keine Chance auf eine gute Klassierung gehabt hätten.

 

Am nächsten Rennen wurde ich wieder Letzter. Es war am Bergrennen von Malters nach Schwarzenberg. Wir fuhren mit dem Verein mit den Velos hin und zurück und das war mit über hundert Kilometern einfach zuviel. Ich habe das Ganze immer positiv gesehen, denn der Zweitletzte hat mir in dieser Prüfung nur eine Sekunde abgeknöpft. Ich glaubte es kaum, dass einer nur so wenig schneller sein konnte als ich und trainierte nochmals härter.  An der Moral sollte es nicht fehlen und an der Freude auch nicht. Wer sieben Jahre lang beim Fussballspielen kein Tor geschossen hat, lässt sich nach den ersten beiden erfolglosen Rennen auch nicht entmutigen.

3  erste Touren im Verein

 

 Vom ersten Rennen habe ich schon geschrieben, die ersten Touren mit dem Verein waren aber nicht weniger aufregend.

Kürzlich fuhren wir mit dem Verein nach Wikon / LU und kehrten dort in einem Restaurant ein, dabei kam mir diese Geschichte wieder in den Sinn. Es ist zwar schon mehr als 50 Jahre her, ist aber beruhigend, denn damit kommt wenigstens die Hoffnung auf, Alzheimer sei noch weit entfernt. Nebst den Rennen bestritten wir im Verein das Schweiz. Tourenfahren. An die erste Tour mag ich mich noch genau erinnern und zwar, weil ich in einen Sturz verwickelt war. Urs fuhr in Führung liegend in einem Affenzahn die leichte Steigung nach Oberbuchsiten hinauf. Hanssepp, ein Schulkamerad von uns Beiden, war auch im Verein. Er konnte ihm bald einmal  nicht mehr folgen und wusste sich nicht anders zu behelfen, als diesen am Sattel zurückzuhalten, also anzuhängen. Er hängte dann wirklich an, denn als er wieder loslassen wollte, konnte er nicht mehr. Sein Daumen hatte sich an der Sattelstütze oder wo auch immer verfangen und beide stürzten knapp vor mir. Ich folgte natürlich dichtauf und hatte nichts von dem mitbekommen und  fuhr voll in die Beiden hinein. Zum Glück kamen alle drei mit leichten Schürfungen davon. Das sollte uns eine Lehre sein.

  

An der zweiten Abendtour ging es zwar unblutig zu und her, doch bleibt mir auch diese in schlechter Erinnerung.Mein Strassenvelo war defekt und da ich noch ein altes Quervelo besass, nahm ich halt dieses hervor. Es hatte zwar, wie damals üblich, vorne nur ein Kettenblatt und hinten hatte ich als Junior auch nicht die grössten Gänge montiert. Ich dachte mir, dass ich mit 49 x 16 mit den meist älteren Mitgliedern spielend mithalten könne. Denkste ! Bis Balsthal und hinauf nach Welschenrohr ging es noch, als wir aber auf der Rückfahrt von einen heftigen Rückenwind profitierten und erst noch in einem Tempo von über 60 km/h den Hammerrain nach Aedermannsdorf hinunter donnerten, war es um mich geschehen. Hälmi, Richi, Max und Schmied hängten mich gnadenlos ab und der Spott war mir sicher. Erst nach Oensingen warteten die Kollegen auf mich, sonst wäre ich wohl gar nicht mehr nach Hause gekommen.  

 

Eine der folgenden Touren fand dann an einem Sonntag statt.

Im RMS (Rad- + Motor-Sport), der damaligen Verbandszeitung stand unter Sektionsnachrichten:  8 h, VRT Wikon-Adelboden, mehr nicht. Da ich noch nie an einer VRT dabei war, meinte ich, diese führe von Wikon nach Adelboden. Ohne mir genau zu überlegen, wie weit das sei, montierte ich zwei Bidonhalter am Rad. Als mich meine Eltern fragten, wo wir den heute hinwollten, gab ich zur Antwort: nach Adelboden. Meine Mutter kannte sich in Geographie nicht viel besser aus, als ich. Mein Vater hielt das jedoch für unmöglich. Das sei ja eine Tagesreise und ob wir denn da vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück seien. Ich beschwichtigte die Beiden, das werde schon mit rechten Dingen zu- und her gehen. Da wir noch kein Telefon im Hause hatten, konnte ich weder dem Fahrwart, noch dem Präsidenten anrufen, um zu fragen. Wir waren damals noch nicht so modern eingerichtet wie heute. Das Telefon installierten wir erst, als einer meiner Schwestern 1971 beim Telegraphenamt in die Lehre ging. So packte mir meine Mutter vorsorglicherweise einige Stück Brot in Folie ein und gab dazu geschnittenen Speck und Salami, damit ihr „Bübchen“, Lieblingssohn, Erstgeborener und Stammhalter, ja nicht Hunger leide.  Mit einem kleinen Rucksäckli auf dem Rücken fuhr ich zum Treffpunkt nach Boningen. Die andern fragte ich nicht, damit diese nicht meinten, ich habe Respekt oder sogar Angst vor der vermeintlich langen Distanz. Die Fahrt führte über Aarburg und Zofingen nach Brittnau. Bald einmal fuhren wir in Wikon ein und machten Halt im Restaurant Adelboden. Dort war der Start zur Volksradtour. Da dämmerte es mir endlich, es ging mir nicht nur ein Lichtlein auf, sondern eine ganze Flutlichtanlage. Ich musste selbst über mein Missverständnis lachen. Da ich nichts davon erzählte, wusste auch niemand etwas davon. 

Es erkundigte sich auch niemand nach dem Inhalt des Rucksackes. Die meinten wohl, ich habe eine Jacke oder einen Regenschutz drin. 

Brot, Speck und Salami assen mein Kollege und ich auf der Heimfahrt auf der Kappeler Höhe auf einem Bänkli. Ich teilte den Schmaus nur mit ihm, weil er mir versprach, keinem von diesem Vorfall zu erzählen. Nun ist es also doch ans Tageslicht gekommen, was ich alles im Rucksäckli mitschleppte. Viele, die damals dabei waren, sind nicht mehr unter uns und die andern mögen sich ganz sicher nicht mehr daran erinnern.

4  eine Kiste Hühner

 

Bereits vor fünfzig Jahren bestritten wir vom VC Born Boningen das Schweiz. Tourenfahren. Es machten noch viele Vereine mit und so war die Jahresmeisterschaft spannend bis zum Schluss. Pro Teilnehmer gab es einen Punkt, pro zurück-gelegten Kilometer ebenso.

Wurde der Stempel in einem Restaurant geholt, das ebenfalls Verbandsmitglied war (SRB), so gab es Extrapunkte. An den Wochenenden gab es erst wenige Volksradtouren und noch keine Rundfahrten. So fuhren wir unsere Radtouren vorwiegend am Freitagabend ab. Diese führten uns von Boningen aus nach Welschenrohr, Melchnau, Wildegg, Huttwil, Alberswil oder nach Sursee. Die Distanzen betrugen ca. 50 – 70 km, einfach eine Distanz, die innert zwei bis drei Stunden zurückgelegt werden konnte (inkl. Rasthalt). Später bestritten wir Wochenende für Wochenende die Volksradtouren und Rundfahrten. Es gab viele Punkte zu gewinnen und wir freuten uns an den guten Plätzen im Jahresklassement. 

Viel später kamen wir von den Abendtouren weg, denn es wurde mit zunehmendem Verkehr einfach zu gefährlich, in der Nacht zu fahren. Vor allem im Luzerner Hinterland und im Bernbiet (ohne jemandem Nahe zu treten) fuhren am Freitagabend alle in den Ausgang und es hatte einige Raser dabei (heute sind es zwar noch mehr).  

Als wir wieder einmal spät abends bei Dunkelheut von Huttwil her in Einerkolonne durch Langenthal fuhren, hatten wir ein mulmiges Gefühl im Bauch. Einige von uns hatten hinten oder vorne kein Licht am Velo, sei dies aus Nachlässigkeit oder wegen Defekt. Kurz vor Wynau überholte uns ein Motorrad. Kari und Max tippten auf einen Polizisten, der uns weiter vorne sicher aufhalten würde. Peter lachte uns aus und meinte, das sei sicher ein Bauer mit einer Kiste Hühner auf dem Gepäckträger. Er habe keine weissen Handschuhe getragen und auch keinen weissen Helm. Sicherheitshalber lenkte er aber doch ein und einige von uns versteckten sich hinter dem Restaurant zur kalten Herberge, um einige Minuten abzuwarten.

Die andern, vor allem diejenigen, die nichts zu befürchten hatten, fuhren weiter. Leider befand sich beim Restaurant ein Hund im Hof, der uns anknurrte und anbellte. So fuhren wir weiter in der guten Hoffnung, der vermutete Polizist habe sich verzogen. Wir sollten uns irren. Er konnte sogar zählen. Wenn man an zehn Radlern vorbei fährt und weiter vorne nur noch deren vier antrifft, dann kommen sicher noch sechs nach. Und Recht hatte er. Er erwischte uns und es gab die erste Busse, die ich mit beim Velofahren aufgelesen hatte. Seither verlasse ich mich noch mehr auf mein Bauchgefühl, gehe aber auch nie mehr ohne Licht am Rad in die Dämmerung oder Nacht hinaus.

5  ein Stein im Brett

 

 Vor einem halben Jahrhundert hatten wir noch keine ein- heitlichen Clubkleider. Vielleicht ein Trikot für das Mannschaftsfahren, auf keinen Fall aber beschriftete Rennhosen oder Trainingsanzüge. Weil es 1967 weder Radsport Gerber gab, noch einen andern Radsportversand oder ein Velo-Fachgeschäft in der Region, fuhr ich guten Mutes nach Suhr/AG. Ich hoffte bei Kurt Haefeli in Suhr alles zu finden, was ich suchte. Kurt war ein

RS-Kollege unseres damaligen Präsidenten Peter Wyss und er war mir auch von ihm als Velomech empfohlen worden. Der kleine Laden, mehr ein Schuppen, war schnell gefunden. Von Aarau her, der Bachstrasse folgend, musste man diesen unbedingt sehen, ohne lange zu suchen. Dort angelangt stellte ich mich vor, überbrachte die Grüsse von Peter und  brachte auch mein Anliegen vor. Es dauerte wohl mehr als eine Viertelstunde, bis wir zum Handel kamen. Der kleingewachsene Velohändler war redselig und fragte mich nach allem aus, was er noch nicht wusste. Bald einmal erklärte er mir aber auch, dass er nur Rennvelos und Veloteile, Pneus und Schläuche unter seinen Fittichen habe. Seine Frau im Hause nebenan habe die Textilien unter sich. Nicht zuletzt deshalb, weil er nicht jedes mal die Hände waschen und erst noch die Velo-Werkstatt verlassen könne.

Zuerst verkaufte er mir zwei Collés. Diese lagerte er in einem Keller vor dem Haus. Er musste einen schweren Holzdeckel hochheben, um an diese zu gelangen. Diese müsse man so lagern, wie man Kartoffeln lagert, kühl, trocken, aber nicht nass und sie waren erst noch mit Talkum eingerieben. Nachher machte ich mich auf, um im Hause nebenan einen Trainingsanzug zu kaufen. Ich läutete an der Haustür und erschrak nicht schlecht, als diese sofort geöffnet wurde und ein riesiger Bernhardinerhund laut bellend vor mir stand. Dahinter machte sich eine junge, blonde und hübsche Frau bemerkbar, die mich fragend anblickte. Ich war immer noch ein wenig überrascht oder erschrocken ab dem bellenden Hund und fragte sie: Salü, ist Deine Mutter zu Hause ? Da lachte sie hell auf und erklärte mir, dass sie die Mutter sei und nicht die vermeintliche Tochter. Das war mir aber peinlich und ich wurde wohl über beide Ohren rot wie eine reife Tomate. Ich fand einen schweren, wollenen, orange-farbenen Trainer und kaufte diesen. Nachher ging ich wieder zu Kurt rüber, um die Collés zu holen und mich von ihm zu verabschieden. Kaum einge-treten, bemerkte ich, dass er  lachte und auffallend guter Laune war.  Vorher war er nämlich nicht sonderlich gut aufgelegt. Er hatte von meinem Versprecher bereits telefonisch vernommen. Wir kamen nochmals darauf zu reden und er tröstete mich und zeigte Verständnis. Er meinte, das wäre dann viel blöder gewesen, wenn ich seine Frau als Grossmutter angesehen  und mich nach der Tochter erkundigt hätte. So wie es aussah, war er mächtig stolz auf seine von mir mindestens um zwei Jahrzehnte jünger geschätzte Gattin. Von nun an hatte ich bei ihm einen Stein im Brett.

6  Handschlag gilt

 

 

                                                                                 …… und nochmals bei Velomech Kurt Haefeli  

 

Ein andermal, nur wenige Jahre später, fragte Kurt meinen Kollegen Urs, wieso er eigentlich am Militärradrennen von St. Gallen nach Zürich „nur“ Zweiter geworden sei. Wahrheitsgemäss erklärte ihm Urs, dass er einfach nicht schneller habe spurten können, mit dem kleinen 20-er Gang. Dieser war damals Standard am alten Ordonnanzrad. Da meinte Kurt zu ihm: Ich bin mir sicher, dass Du mit Deinen Bärenkräften einen 18-er Kranz den Rüetschberg und den Wildberg hinauf treten kannst. Nachher geht es nur noch abwärts und auf der flachen und langen Zielgeraden in Dübendorf lässt Du die andern um Längen stehen. Er gab ihm einen solchen Zahnkranz als Geschenk mit und Urs montierte diesen. Kurt sollter recht behalten. Genau so war es. Urs siegte bei der nächsten Austragung des Klassikers über 86 km überlegen und wusste auch, wer einen kleinen Puzzlestein zu seinem grossen

                                                

 

Erfolg beigetragen hatte. Von nun an hatte Kurt bei Urs einen Stein im Brett, vielleicht sogar deren zwei.  

Zum Schluss gefährdeten aber wir selber die guten Beziehungen untereinander. Weil Kurt seine Rennvelos der Marke „Flipper“ für Anfänger und Junioren im Sinne der Nachwuchsförderung günstiger anbot, als für Amateure und Hobbyfahrer, kauften wir das eine oder andere Rennrad, um dieses mit kleinem Gewinn weiter zu verkaufen.

Solange die Grösse stimmte, kam er uns nicht auf die Schliche.

Als aber ein Pechvogel mit einem bei mir gekauften Rennvelo bei ihm im Geschäft auftauchte, wurde er stutzig. Er kannte doch jeden seiner Kunden persönlich und diese Person hatte er noch nie gesehen und der fuhr seine Velomarke ! Bald einmal fragte er mich danach und ich musste kleinlaut eingestehen, dass ich das bei ihm günstiger gekaufte Velo mit Gewinn weiterverkauft hatte. Bei einem Stiftenlohn von nur hundert Franken im Monat sei jede Aufbesserung willkommen, egal wie. Er rügte mich zwar deswegen nicht , sondern gab mir den Tipp, lieber für seine Marke zu werben. Er vernehme es dann schon, wenn einer von mir an ihn weiterempfohlen worden sei. So machten wir es auch und hie und da schaute hie und da dennoch etwas heraus.

 

Ein andermal waren wir aber über ihn nicht wenig erbost. Sepp, der Bruder von Urs, hatte bei ihm ein Rennrad bestellt. Weil er ein baumlanger Kerl war, benötigte er einen so grossen Rahmen, den Kurt nicht an Lager hatte. So musste er diesen zuerst anfertigen und dann montieren. Nach zwei oder drei Wochen gebe er dann Bericht, ob das Rad abholbereit sei. Wirklich, Sepp erhielt die Zusage zum Abholen, holte aber das Rennrad mangels Finanzen monatelang nicht ab. Als er das Geld zusammen hatte, fuhr er endlich nach Suhr, um das Velo abzuholen. Die Reise war umsonst, denn Kurt hatte 

das Rennrad bereits weiterverkauft. Wir protestierten heftig und fragten, ob denn ein Handschlag unter Männern nicht Ehrensache sei und nicht ebenso viel wert, wie ein schriftlicher Kaufvertrag. Da meinte Kurt nur: doch, das ist immer noch so wie bei den Viehhändlern, wo der Handschlag gilt. Ob wir denn nicht gewusst haben, dass er bereits mit einem Fünfliber als Anzahlung das Rad nicht mehr hätte ver-

kaufen dürfen ? Nun waren wir ein wenig klüger als zuvor, aber geändert hat es nichts an der Tatsache, dass Sepp die ganze Saison noch mit dem alten Göppel  bestreiten musste.

7  vergebliche Mühe

 

Bei einem Anlass in Meltingen im Schwarzbubenland verkauften einige Mädchen Tombolalose. Wir hatten kaum Geld im Sack, aber zu einem oder zwei Losen reichte es allemal aus und das Glück war mir hold und wie !. Ich gewann einen Blumenständer aus Bambus mit drei Blumenstöcken. Doch anstatt diesen der erstbesten Frau zu verschenken, meinte ich, meine Mutter freue sich an dem Ding. Er war zwar leicht, aber unbequem zum Mitnehmen.  Einen Rucksack hatten wir nicht und so band ich den Ständer mit einer Schnur um den Hals. Diese würgte mich auf der ganzen Fahrt und noch vor Erreichen der Passwang Passhöhe wollte ich diese unbequeme Last loswerden und wegwerfen.

Doch es reute mich und ich dachte an mein Müeti. Die drei Blumen-stöcke steckte ich hinten in meine Trikottaschen. Die wurden immer schwerer und weil noch ein wenig Wasser auslief, gab es da so Spuren an meinem Gesäss, dass man hätte meine können, ich hätte in die Hosen gesch…..

Wir trugen damals noch schwarze Rennhosen und da war das zum Glück nicht so gut sichtbar, wie wenn einer weisse oder hellblaue Hosen getragen hätte. Zu Hause hatte ich den Salat. Der Ständer würgte mich zwar nicht mehr, aber die Blumen waren alle verwelkt und zerzaust. Zudem waren alle drei Trikottaschen heruntergerissen. Da hatte ich viel verdient und erfreut hatte ich damit auch niemanden. Man lernt nie aus und seither habe ich immer ein kleines, zusammenlegbares Rucksäckli bei mir. Man weiss ja nie. 


8 oberpeinlich

 

1968 lud der SRB Schweiz zu einer Sternfahrt nach Beckenried ein. Wir machten am Tourenfahren mit und das es zusätzliche Punkte zu gewinnen gab, besuchten wir auch diesen Anlass. Obwohl die Hin- und Rückfahrt einer Distanz von mehr als hundert Kilometern entsprach, war nie die Rede von einem Begleitauto.Wir fuhren frühmorgens los über Sursee-Neuenkirch und Luzern. Dem Vierwaldstättersee entlang führt uns die Tour dann   Richtung Hergiswil und Stansstad. Vorher gab es bereits die erste Aufregung. Vor Hergiswil bogen wir versehentlich auf die Autobahn ab.

Wir bemerkten es aber gerade noch rechtzeitig und kehrten um. An diesem Sonntagmorgen war viel los. Die Leute gingen noch zur Kirche und da in Stansstad soeben die Messe aus war, standen noch hunderte von Kirchgängern auf der Treppe vor der Kirche und auf dem Kirchplatz herum. 

Wir warteten auf die Nachzügler, um gemeinsam den Rest der Strecke in Angriff zu nehmen, fuhren dabei etwas langsamer und verpflegten uns fliegend. Einer ass eine Banane, ein anderer einen Apfel. Gels und Energiebarren kannte man noch nicht. Urs biss in einen Apfel  und als er diesen gegessen hatte, warf er das „Uerbsi“ in den Strassengraben. Das war mal das eine, aber dass man einem Apfelürbsi unbedingt noch nachschauen musste, war das andere. Weil er sich dabei nicht auch noch auf den Verlauf der Strasse konzentrieren konnte, fuhr in voller Fahrt in einen Verkehrsteiler. Der Sturz verlief glimpflich. Ausser einigen Schürfungen an Knie und am Ellbogen verletzte er sich nicht weiter. Der Würstlihelm mag das Seine dazu beigetragen haben. Aber das Vorderrad war im Eimer. Es wies nicht nur eine riesige acht auf, es war sogar entzweigebrochen. Wie peinlich, einige hundert Zuschauer sahen den Salto und dessen Folgen. Urs schämte sich bis auf die Knochen, dass ihm das vor so vielen Leuten passieren musste. Immerhin applaudierten die Leute nicht auch noch. Das wäre der Gipfel gewesen. Einer sagte zwar: 9,9 Punkte, Doppelsalto mit anderthalbfacher Drehung, ein anderer bot sich aber an, ihm zu helfen. Da es nichts weiter zu helfen gab, als einen Velomech zu finden, machte er dies. Nur wenige Meter vom Dorfzentrum entfernt, gäbe es einen Velohändler. Wir läuteten dort Sturm. Bald einmal erschien ein alter Mann am Fenster, er trug noch das Nachthemd und eine weisse Zipfelmütze. Wir lachten ihn aber nicht aus, denn wir wollten doch etwas von ihm. Er bat uns, einige Minuten zu warten und erschien dann doch bald angezogen in der Türe zu seiner alten Boutique. Dort in der finsteren Kammer sahen wir nur alte Göppel herumstehen. Es waren keine Halbrenner oder Rennräder auszumachen und wir hatten wenig Hoffnung auf eine Lösung. Er bot uns kein neues Vorderrad an, er hatte auch keines, sondern drückte Urs eine Zange in die Hand und befahl ihm, die Speichen von der Nabe zu trennen, damit er wenigstens die Nabe heimnehmen und wieder verwenden könne. Dann fragte er Urs, wie viel Geld er bei sich habe. Wahrheitsgemäss gab Urs an, noch rund zwanzig Franken zu besitzen. Da zog der Velomech aus einem Haufen Gerümpel ein altes Vorderrad von einem Militärvelo heraus. Dieses wies aber nur 26 Zoll auf und er musste die Vorderradbremse abschrauben. Mit einer Schnur befestigte er diese am Lenker. Er setzte das Vorderrad ein und da diesen keinen Schnellspanner hatte, suchte er zwei Flügelmuttern hervor und fixierte das Rad. Dafür verlangte er sechs Franken und ermahnte Urs, ja niemandem zu sagen, woher er das Vorderrad habe. Er wolle dann nicht Schuld daran haben, wenn es zu einem Unfall komme. Mit nur einer Bremse am Rad solle er gut aufpassen bis nach Hause. Uns war geholfen damit und wir fragten dem nicht weiter nach. Im Nachhinein und ohne Sturz oder Unfall nach Hause gekommen, war uns aber doch wohler.Es war wirklich unverantwortlich, wie uns der Mann wieder weiterfahren liess.

9  wie aus dem Lehrbuch

 

Das Mondia-Kriterium in Balsthal war ein traditionsreiches Rennen. Obwohl „nur“ kantonal ausgeschrieben, war der Anlass immer gut besetzt. Die Eliteamateure aus den Verbänden beider Basel und Solothurn massen sich mit den Amateuren und Senioren über 80 Runden und lieferten sich meistens spannende Kämpfe auf Biegen und Brechen. Wie schon erwähnt, lagen mir diese Art Rennen nicht so sehr, weil ich oft Angst hatte, im Felde, Ellbogen an Ellbogen, zu fahren. So liess ich abreissen und wurde wegen Rundeverluste aus dem Rennen genommen. Dennoch konnte ich meine Lehren ziehen. Ich sah, wie abgelöst und wie die Kurven angefahren wurden und vieles mehr. Besonders interessant schien mir die Punkteverteilung. Jede zehnte Runde wurde mit der Glocke und der der roten Fahne ein Wertungssprint angezeigt. Wie gewohnt gab es an den Kriterien für die ersten fünf Wertungspunkte, also  6 ,4, 3, 2 und 1 Pkt.  Die Punkte kamen zur Anwendung, für diejenigen Fahrer, die zeitgleich bzw. innerhalb 30 Sekunden mit dem Sieger im Ziel eintrafen. Alle weiteren 30 Sekunden zurück, wurde erneut unterschieden. Fahrer mit Rundenrückstand waren natürlich noch weiter hinten klassiert. Im beschriebenen Rennen waren die Zeitabstände aber kein Thema, nur die Punkte kamen wegen Zeitgleichheit der Spitzenfahrer zur Anwendung. Dass man dabei auch rechnen lernte, versteht sich von selbst. Dass es aber dabei oft recht knapp zu- und hergehen kann, zeigte folgende Story:

Der starke Elitefahrer Roland Schär, Mondia-Fahrer des VC Gunzgen, wollte vor eigenem Publikum und vor dem Hause des Sponsors, nur eines, den Sieg. Bereits in der ersten von acht Wertungen setzte sich der Gunzger im Sprint durch. Der Basler Amateur Pierre Scherrer wurde Vierter und erhielt 2 Punkte gutgeschrieben. In der zweiten Wertung gewann der endschnelle Basler sogar vor Roland Schär.  Ab der dritten bis zur siebten Wertung holte sich jeweils Roland die volle Punktzahl vor Pierre. Die andern Fahrer im Feld hatten diesem Duo nichts Gleichwertiges entgegen zu setzen. Roland Schär wies deshalb vor Inangriffnahme der Schlussrunde (und Schlusswertung) 40 Punkte auf meinte, das Rennen bereits gewonnen zu haben. So sprintete er im Finale nicht mit und fuhr ausserhalb der punkteberechtigten Ränge ins Ziel. Er hatte die Rechnung aber ohne den Basler (Pierre Scherrer) gemacht. Dieser war erneut von keinem anderen Konkurrenten bezwungen worden und holte sich, die doppelt zählende Punktzahl, also gleich ein ganzes Dutzend Points.  

Rechne !  Beide Fahrer kamen auf je 40 Punkte, bei Punktgleichheit entscheidet die letzte Wertung bzw. der Einlauf. Ob Pierre Scherrer so gut rechnen konnte oder ob er einfach das Reglement gekannt hat, ist mir nicht bekannt. Bei Roland Schär ist mir klar, dass das Manko entweder beim Einen oder Andern lag. Das war für mich ein Musterbeispiel besonderer Art. Obwohl Roli ein lieber Radsportkollege aus Juniorenzeiten ist, mochte ich Pierre den Sieg  auch gönnen. Das ist einfach mal so, wenn David gegen Goliath ausnahmsweise obenaus schwingt.

10  die Speckseite

 

 Als ich in meinem ersten Jahr als Amateur mit dem Rennrad von Oensingen nach Balsthal fuhr, überholte ich einen viel jüngeren Rennfahrer. Ich grüsste und fragte diesen nach seinem woher und wohin des Weges. Er komme aus Wangen, heisse Hansruedi und er wolle ans Kriterium in Balsthal, um das Bubenrennen zu bestreiten, zudem sei er im Boninger Veloclub. Was, im VC Born Boningen, fragte ich. Das sollte ich doch wissen, war ich doch auch Mitglied desselben Vereins und erst noch im Vorstand. Ja, er sei noch nicht dabei, aber habe das im Sinne. So lernten wir uns kennen und er ist heute noch aktiv im Verein, nach über vierzig Jahren. Wie das Rennen ausgegangen ist, weiss ich nicht mehr, weder seines, noch meines. Bald stellte sich aber heraus, dass der Jüngling vor allem am Berg stark fuhr. Kein Wunder, bei dem Fliegengewicht ! Einmal begleitete ich ihn an die schwere Reiat-Rundfahrt in Schaffhausen. Wir fuhren mit der Eisenbahn hin, da er und ich ein GA hatten. Sein Vater war Lokführer und ich arbeitete auch bei den SBB. Er fuhr bei den Anfängern und hielt wacker mit. An diesem hügeligen Strassenrennen wurde er guter Neunter und wir durften auf die Preisverteilung warten. Ich hatte keine Ahnung, was es abzuholen gab. Erstens, weil ich nie so weit vorne klassiert war und zweitens, weil es noch nicht Bargeld in Couverts gab, sondern weil man sich den Naturalpreis aus dem Gabentempel aussuchen durfte. Da gab es viele sogenannte Ladenhüter: z.B: Turnschuhe Gr. 45, Lampenschirme, Bügelbretter, Nachttischlampen usw, also alles Sachen, die nicht unbedingt zuoberst auf der Wunschliste eines jungen Rennfahrers standen. Nach langem Warten kam er an die Reihe und suchte sich eine Felge heraus. Ueber den Wert des Preises lässt sich streiten, aber unbequem war deren Transport allemal. Wir fuhren mit dem Rennrad und dem Rucksack auf dem Rücken zum Bahnhof und die Felge obendrauf. Im Zug und überall stiess er damit an.

Das störte uns und die andern Passagiere wohl auch.  

Ein andermal fuhren wir mit dem Verein auf den Rennrädern nach Malters. Dort fand das traditionelle Bergrennen nach Schwarzenberg statt. Trotz der langen Hinfahrt fuhr Hansruedi erneut stark und musste sich erst im Sprint um den Tagessieg dem starken Basler Harald Wunderlin geschlagen geben. Als Zweiter hatte er so gut abgeschlossen wie noch nie und

suchte sich aus dem Gabentisch eine riesige Speckseite aus. Diese wollte er unbedingt seinen Eltern heimbringen. Wir verlangten im Restaurant, wo die Preisverteilung stattfand, ein Messer und eine Schnur, machten an den beiden Enden ein Loch und zogen die Schnur hindurch. Mit der Speckseite auf dem Rücken fuhr er nach Hause. Unterwegs jagten wir ihm einige Male einen gehörigen Schrecken ein, indem wir ihm zuriefen, es sei ihm ein Hund auf den Fersen, er solle schneller fahren. Ob er denn noch nie davon gehört habe, dass den Letzten die Hunde beissen. Das erste mal war es noch lustig, vielleicht noch ein weiteres mal, dann wurde er wütend und verwünschte uns ins Pfefferland. Es war aber ganz ehrlich nicht der Neid wegen der gewonnenen Speckseite, sondern wir wollten ihn einfach auch einmal an der Führungsarbeit teilhaben lassen. Er war ein typischer Hinterradfahrer und betätigte sich nur an der Führungsarbeit, wenn er energisch dazu aufgefordert wurde. Trotz diesem Wink mit dem Zaunpfahl ist er bis heute ein „Schlüchler“ geblieben.

11  s'Landei

 

 Als junger Radrenfahrer machte ich noch alles. Ich bestritt sowohl Querfeldein, als auch Strassenrennen. Zeitfahren lagen mir besonders. Da ich oft alleine unterwegs war, hatte ich mir eine gewisse Tempofestigkeit angelegt, die allerdings nur in dieser Disziplin etwas brachte. Wenn an Kriterien oder an Strassenrennen unentwegt angegriffen wurde, konnte ich meinen einmal angewohnten Rhythmus nicht mehr steigern und wurde  abgehängt. So versuchte ich es auch ein Jahr lang auf der Rennbahn in Oerlikon. Gusti Glutz aus Aeschi war ein guter und versierter Velomech, der auch schon an der Tour de France mit dem Team des legendären Röbu Hagmann als Mechaniker unterwegs war. Bei ihm kaufte ich für zweihundert Franken ein altes Bahnvelo.

Dabei handelte es sich um einen kohleschwarzen Stahlrahmen, ganz ohne Verzierung. Einzig der Name von Fritz Schär, einem ehemaligen Weltmeister, war am Lenker eingraviert. Darauf war ich stolz, doch zeigte das auch, dass das Rad mindestens zwanzig Jahre alt war. Mit meinem Kollegen Heiri aus Brittnau fuhren wir jeweils am Dienstagabend nach Oerlikon an die Abendrennen. Er konnte oder durfte altershalber noch nicht selber ans Steuer sitzen und musste sich chauffieren lassen. Abends mussten wir alle baldmöglichst in die Federn, denn am andern Tag galt es, ausgeschlafen und recht früh, wieder arbeiten zu gehen. So fuhren mich die Beiden nicht nach Hause, an meinen Wohnort nach Hägendorf, sondern luden mich in Egerkingen bei der Autobahnausfahrt einfach ab. Ohne Licht und ohne Bremsen, mit Starrlauf, fuhr ich dann halb blind Hägendorf zu. Dass ich dabei nie erwischt wurde und noch mehr, dass ich nie einen Unfall hatte, grenzt an ein Wunder.

Am 18. 5.1971, ich weiss es noch ganz genau - hatte ich aber doch einen Unfall und zwar auf der Rennbahn. Nach einigen ersten Versuchen im Einzelstart über einen Kilometer und der Einzelverfolgung nahm ich erstmals an einem Punktefahren teil. Das war ein Handicap-Rennen mit Massenstart, was mir aber nicht so lag. Ich hatte immer noch Angst, in einem grossen Feld zu fahren. An den Kurven lag es diesmal nicht, denn es gab ja keine auf dem Oval. Vielmehr erhielt ich als „Anfänger“ auf der Bahn einen Vorsprung zugesprochen, von dem ich eine Runde lang zehren konnte. Da ich eine viel zu kleine Uebersetzung (49 x 16) montiert hatte, konnte ich wie eine Rakete losdüsen, doch nach besagter Runde war das Pulver schon verschossen. Ich wurde ein- und überholt, nein sogar stehen gelassen. Statt jedoch am untern Bahnrand, auf dem Teppich, zu bleiben, fuhr ich nachdem das Feld an mir vorbeigezogen war, ganz hinauf und fuhr dort weiter. Wie gesagt, es war ein altes Rad und der Shellack (nicht Collékitt)  an den Felgen war ebenso alt wie das Rad. Dieser war spröde und just in dem Moment, als es mir in der Steilkurve vom Druck den Collé von den Felgen riss, fuhr das Feld unter mir durch. Nur einen kurzen Augenblick später stürzte ich hinunter und wie durch ein Wunder, riss ich vom ganzen Rudel Rennfahrer nur den Hintersten mit. Ich verletzte mich nicht schwer, nur einige Schürfungen an Knie, Gesäss und Ellbogen waren im ersten Moment auszumachen. Als ich mich beim ebenfalls gestürzten Fahrer nach seinem Befinden erkundigte, haute er mir eine runter und sagte in seinem typischen Ostschweizer-Dialekt: „Du cheibe blöds Landei, blib in Zuekunft diheime“.  Das war das Ende meiner Rennbahn-Karriere. Ich liess das Rad in Oerlikon und hängte es an den Nagel und zwar nicht nur sprichwörtlich, sondern richtig. Ende Jahr, als die Katakomben frisch gestrichen wurden, musste man den Keller räumen. Das Rad wurde abgeholt und fortan benutzte ich dieses nur noch im Winter auf der Rolle. Mit dem Starrlauf war es das ideale Trainingsgerät. Die Angelegenheit wurde vergessen und niemand sprach mehr davon.

Viele Jahre später, als meine Tochter die Autoprüfung gemacht hatte und mit dem ersten Auto erschien, glaubte ich nicht recht zu sehen. Ihre Autonummer SO 18571 erinnerte mich sofort an diesen Vorfall, auch heute noch. Das war aber ein Zufall, wohl ebenso selten wie ein Lottosechser !

12  der Kannibale

 

Eddy Merckx war unbestritten während mehr als einem Dutzend Jahre die Nummer eins unter den Radsportlern.

Er schien in seinen Erfolgen unersättlich, deshalb wurde er oft in den Zeitungsberichten der Kannibale genannt.

Nebst vielen Weltmeistertiteln gewann er wohl die meisten Klassiker, mehrere Male die Tour de France, den Giro d’Italia, die Spanienrundfahrt und die Tour de Suisse. Der Stundenweltrekord auf der Bahn war wohl etwas vom Eindrücklichsten, was mir von ihm in Erinnerung geblieben ist.Es geht mir aber an dieser Stelle gar nicht darum, alle seine Erfolge aufzuzählen, denn ich will von etwas ganz anderem berichten. Eddy Merckx sah ich erstmals live und persönlich an der Strassenweltmeisterschaft der Berufsfahrer 1971 in Mendrisio. Wir waren mit dem Veloclub auf dem Rennrad über den Gotthard gefahren, um diesem Spektakel beizuwohnen. Und das war es denn auch. Am Samstag schauten wir vom Strassenrand aus an der berüchtigten Steigung von Novazzano den Amateuren zu und später dann

Tour de Suisse 1974 - Durchfahrt in Boningen                     den Damen. Dabei holte ich mir von der Siegerin Anna Konkina aus Russland ein Autogramm, das diese sogar mit

                                                                                                     mit einer Zeichnung versah. Am Sonntag lagen wir ebenfalls am Strassenbord und liessen es uns bei Salsicce und Wein gut gehen. Nach einer Runde war das Feld noch beisammen. Da riss der Portugiese Joaquim Agostinho aus und hatte bald einen Vorsprung von über einer Minute. Wir dachten, der spinne wohl, das war doch viel zu früh. Wirklich, er war nicht etwa ausgerissen, weil er dem Feld auf Nimmerwiedersehen davon fahren wollte, sondern nur, um das Hinterrad  auszu-wechseln. Er hatte wohl die falschen Gänge montiert oder einen Defekt. Das konnten wir nicht in Erfahrung bringe. Wenige Meter vor uns stieg er vom Rad und riss das Hinterrad heraus. Sein Mechaniker eilte sofort herbei und wollte ihm ein Neues montieren. Doch das ist schneller gesagt, als getan, vor allem, wenn man nichts davon versteht. Wir glaubten kaum, was wir da zu sehen bekamen. Er hantierte wild drauflos und machte so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Das grosse Feld war schon lange vorbei gefahren, als der bedauernswerte Pechvogel noch immer auf sein Rad wartete. Entmutigt gab er auf und schlich sich davon. Wir ärgerten uns grün und blau, dass so ein Greenhorn als Betreuer oder sogar als Mechaniker an eine WM geschickt wurde. Also zum weiteren Verlauf des Rennens: Das war an und für sich langweilig. Das grosse Fahrerfeld blieb lange beisammen und nach jeder Runde sagte der weltbekannte Speaker Vico Rigassi dasselbe: "Tutti in gruppo". Seine markante, sonore Stimme wurde dabei immer leiser und zuletzt fast unverständlich. Fies, wir wir waren, führten  wir das auf den wohl reichlich genossenen Chianti oder Barbera zurück. Zwei Runden vor Schluss ging es aber richtig zur Sache. Felice Gimondi, einer der stärksten Italiener war erfolgreich ausgerissen. Niemand setzte ihm nach und die meisten sahen den sehnigen Bergamasken bereits als neuen Weltmeister. Eddy Merckx wartete lange mit seinem Konterangriff, als er an der letzten Steigung antrat und gleich einen vorentscheidenden Vorsprung auf die Meute herausfahren konnte.

Nach wenigen Kilometern hatte er den Ausreisser eingeholt und die Beiden spannten zusammen bis zum Schlussanstieg. Dort griff der Belgier erneut an und da nur noch wenige Kilometer biis ins Ziel zurückzulegen waren, reichte der herausgefahrene Vorsprung allemal aus, um als vielumjubelter und verdienter Sieger im Ziel einzufahren.  

 

Mehr als ein Dutzend Jahre später führten wir in Liestal einen Lauf des Quer-Cups durch. Das waren Trainingsrennen, welche sehr willkommen waren, da diese an den rennfreien Samstagen stattfanden. Meinte Heringa, ein Velohändler aus der Region hatte gleichentags die Eröffnung seines Velo-Fachgeschäftes. Da er die Generalvertretung der Eddy-Merckx-Velos übernommen hatte, war der Star als Ehrengast eingeladen. Der Händler fragte mich an, ob er mit Eddy Merckx bei uns vorbeikommen dürfe und ob dieser als Ehrenstarter willkommen sei. Das war natürlich für uns eine grosse Ehre und für ihn ein guter PR-Gag. Ich sagte gerne zu und die Beiden erschienen auch. Vor dem Start begrüsste ich den Star auf deutsch und französisch, wünschte ihm viel Erfolg und hoffte, seine Räder seien gleich gut und so stabil, wie er als Rennfahrer war. Er freute sich ebenfalls und das Rennen wurde gestartet. Anschliessend plauderten wir noch ein Weilchen zusammen, dann musste ich auf die Jury. Das war für mich und meine Kollegen ein unvergessliches Erlebnis, einmal unser Idol zu sehen und sogar mit ihm zu reden.

Nach dem Rennen glaubte ich aber, meinen Ohren nicht ganz zu trauen. Da fragte doch ein Jüngling den anderen, ob er denn wisse, was das denn für ein Typ gewesen sei.

Die beiden Anfänger hatten noch nie etwas von Eddy Merckx gehört. Mir war sofort klar, dass es sich dabei nicht um Kinder von Rennfahrer handeln konnte, sondern um Quereinsteiger, denn sonst hätten diese bestimmt etwas mit diesem Namen anfangen können. Die beiden waren noch so jung, dass sie noch in den Kinderschuhen steckten, als sich die grosse Karriere des Kannibalen bereits dem Ende näherte. Es zeigte mir aber auch auf, wie schnell Ruhm vergänglich ist.

13  Umweg statt Abkürzung

 

 Ganz am Anfang meiner Karriere meldete ich mich für das Bergrennen von Liestal an. Dieses führte hinauf zur  alti Stell, einem weithin sichtbaren Aussichtsturm in der Gegend Sichtern. Wir fuhren mit dem Rennrad nach Olten und locker über den unteren Hauenstein nach Liestal und absolvierten unser Programm. Nach dem Rennen wollten wir aber nicht den gleichen Weg zurück fahren, sondern über Sissach und Eptingen über den Oberbölchen – Langenbruck – Bärenwil heim nach Hägendorf, wo wir auch wohnten. Unterwegs fuhren die beiden jungen Rennfahrer Loris und Sepp wie die Henker und hängten uns schon auf der Ebene ab. Da meinte Urs, er wisse eine geeignete Abkürzung, so dass wir viel früher zu Hause sein sollten, als die beiden. In Eptingen fuhren wir auf die Autobahn, die noch nicht eröffnet war und kamen bald einmal zum Bölchentunnel. Die Strasse war noch nicht geteert, sondern es hatte nur einen festen Sandbelag. Schon nach der ersten Kurve im Tunnel wurde es dunkler und dunkler. Wir sahen fast nichts mehr. Noch wäre es Zeit gewesen zur Umkehr. Doch daran dachten wir nicht, denen wollten wir es doch mal zeigen, wer mehr „Grips“ im Kopf hatte und wer sich besser auskannte. Weit gefehlt. Sobald wir nicht einmal mehr die Hand vor den Augen sahen, mussten wir absteigen und die Räder vor uns her schieben. Es war zu gefährlich, denn hie und da stiessen die Räder an einen Schachtdeckel oder es war sogar ein Loch im Boden. Nach weit mehr als einer Stunde Fussmarsch sahen wir wieder Licht am Ende des Tunnels und trafen so viel später zu Hause ein, als die beiden Kollegen. Die waren in der Zwischenzeit bereits geduscht und unterwegs im Ausgang. Es sollte uns eine Lehre sein und das machten wir immerhin kein zweites Mal. Wer einen Fehler zugeben kann, hat bereits gewonnen und nicht umgekehrt. Die Kollegen lachten uns deswegen zwar noch lange aus, doch hätten wir das im umgekehrten Falle auch getan.

14  Ma-Fahren haben eigene Gesetze

 

 1972 am kant. Mannschaftsfahren in Olten starteten wir in der Kat. A. Mit Urs Ritter hatten wir einen starken Fahrer im Team, mit Loris Bordini und Hansruedi Widmer zwei ebenso starke Junioren und ich war auch nicht schlecht „zwäg“, obwohl klar der Schwächste des Quartetts. Und wie es so geht, bereits nach wenigen Kilometern musste uns Hansruedi ziehen lassen. Auf Ende Juni war die Uebersetzungslimite für Junioren aufgehoben worden und er durfte erstmals die ganz grossen Gänge treten.  Leider sollte ihm das Auflegen einer  Riesenmühle nicht so gut bekommen, denn er war vorher mehr mit seiner jugendlichen Souplesse und seiner Unbekümmertheit die Berge hinauf gekommen, als mit roher Kraft. Ich wusste, was es also für mich geschlagen hatte. Wir mussten und wollten zu dritt ankommen, da musste ich durchhalten, egal wie. Führen musste ich zwar nicht viel, denn Urs zog uns einfach mit, doch leiden mussten wir alle. Als wir nach Kappel

an der Steinplatte, in der Steigung hinüber nach Boningen, bereits das vor uns gestartete Team

v.l.n.r.: Loris Bordini, Stephan Kainersdorfer, Urs Ritter, Hansruedi Widmer    des RV Solothurn ein- und überholten, war mir klar, dass wir zwar gut unterwegs, aber offen-

                                                                                                                                         sichtlich auch etwas zu schnell gestartet waren. Gerade, als ich meinte, meinen beiden Kollegen nicht mehr folgen zu können, sah das der stärkste Solothurner Fahrer  und gab mir einen Stoss, der mir den Anschluss an das Duo wieder ermöglichte. Er wusste wohl, wie es um mich stand. Das gab mir so viel Moral, dass ich bis ins Ziel durchhielt. Diese flotte Geste werde ich ihm mein Leben lang nicht vergessen, denn das ist gar nicht selbstverständlich.

Nicht zuletzt wegen diesem Vorkommnis konnten wir zum ersten Male nach vielen Jahren wieder einmal den so geschätzten Titel nach Boningen holen.

15  die Spanientour

 

 Am 10. Juli 1972 starteten wir zu viert zu einer dreiwöchigen Velotour. Wir, das waren mein Veloclub- und  Schulkollege Urs, dessen Bruder Sepp und der Italienerjunge Loris. Als wir frühmorgens Richtung Westen losfahren wollten, goss es wie aus Kübeln. So wurde der Start immer wieder verschoben, bis es dann gegen 10 Uhr definitiv losging. Wir hatten alle ein Rennrad, an dessen  Lenker eine kleine Tasche angebracht  war. Oben in einer Plastikfolie war der Streckenplan, den Urs in langer Arbeit geschrieben und gezeichnet hatte. In der Tasche befand sich nur das Wichtigste: Waschzeug, Unterwäsche, einige Reservecollés und Kleinigkeiten. Alles andere hatte ich in einem Koffer aufgegeben als Passagiergut. Dies war möglich, weil ich mit der Freikarte SBB ein Billet lösen konnte via Genf – Bordeaux – San Sebastian – Andorra – Perpignan – Nizza  und zurück nach Genf. Gegen Mittag erreichten wir nach flotter Fahrt Pieterlen. Dort kauften wir im Coop etwas ein und assen und tranken das auf der Treppe, die zum Laden führte. Weiter ging es immer noch bei Regen Richtung Genf. Ausserhalb Genf schien die Sonne erstmals und wir hängten die nassen Klamotten zum Trocknen auf, ebenso die nassen Banknoten. Nach so langer Zeit weiss ich nicht mehr genau, in welchem Hotel wir übernachteten. Es war aber in St. Julien. Loris mag sich sicher noch daran erinnern, denn dort wurde ihm für einen Apfel ein Franc verlangt. Weiter ging die Fahrt nun unter der heissen Sonne Richtung Lyon und St. Etienne. Etwas ausserhalb der Stadt wuschen wir uns im Fluss den Staub von den Füssen und Beinen, da stiess Sepp einen Jubelschrei aus. Wir dachten schon, er habe Gold gefunden oder etwas ähnliches. Das war aber gar nicht so schlecht vermutet, denn im letzten Moment konnte er sich seine Brieftasche schnappen, die ihm beim Bücken aus der Trikottasche gefallen war und nun an ihm vorbeischwamm. Glück gehabt, denn die war am ersten Tag noch ziemlich voll. Nach Tulle, Mussidan und Aurillac veränderte sich die Umgebung ein wenig. Statt endlosen Geraden auf topfebener Strasse, ging es nun in die mehr oder weniger hohen Berge und über Hügelzüge. Wir haben uns in den ersten Tagen gut eingefahren und kamen flott vorwärts.

Ich erinnere mich noch, wie wir auf einer Tomatenplantage nach Wasser fragten und dieses auch erhielten. Der Farmer war ein Algerier oder Marokkaner, der uns stolz seine riesige Plantage zeigte. Er war der Einzige im Ort, der das Wasserecht hatte und alle, die etwas wollten, mussten bei ihm anklopfen. Gegen Abend des vierten Tages  erreichten wir Bordeaux und sahen erstmals von Weitem das Meer mit Sonnenuntergang. Ein schönes Bild. Bis zum Atlantik hatten wir genau tausend Kilometer zurückgelegt. Anderntags ging es bei grosser Hitze geradeaus Richtung Spanien. Entlang der Pinienwälder fuhren wir mehr oder weniger schnell im Gegenwind dahin. Da kam Urs eine „glänzende“ Idee.

Wir bremsten einen der grossen Lastwagen aus, einen richtigen Brummer und nachdem dieser seine Fahrt wegen uns stark verlangsamt hatte, suchten wir dahinter  Windschatten und genossen diesen als willkommenen Schrittmacher. Dies war auch notwendig, wollten wir doch an diesem Tag gegen dreihundert Kilometer zurücklegen. Bei einem Bahnüber-gang musste Sepp aus Sicherheitsgründen bei Tempo 50 abreissen lassen und wir warteten auf ihn. Nur Urs fuhr weiter und war dadurch Stunden vor uns in Bayonne angelangt.

In dieser Zeit kaufte er sich einige Eis und verdarb sich dabei gehörig den Magen. Die nächsten zwei Tage hatte er Durchfall und wie ! Das kann man gar nicht beschreiben, das wissen nur die, die dabei gewesen sind. Wenn die Plumpsklos von links unten bis rechts oben alle gleich braun „gestrichen“ waren, kann man sich den Grund vorstellen. Immerhin, wir wollten gleichentags noch in Spanien eintreffen und haben das erreicht. In Frankreich war Quatorze Juillet, der Nationalfeiertag und da schien uns die Möglichkeit, ein Zimmer zu finden, wesentlich kleiner, als ennet der Grenze. Denkste ! Wir suchten in Bayonne und San Sebastian, dem Grenzort, lange und vergeblich nach einem Logis. Als wir uns schonzum Uebernachten in einem Neubau in der Badewanne eingerichtet hatten, fand Sepp endlich bei belle Helène, einer alten "Jumpfer", eine Schlafgelegenheit. Er sprach am besten französisch von uns, deshalb hatte er immer wieder mehr Erfolg als wir. Er fand ein Zimmer zu horrendem Preis, aber immerhin ein Dach über dem Kopf. Und gut gekocht hat belle Helène auch. Es gab Coq au vin, das hatte ich noch nie gegessen. Wir hatten ausser der Verpflegung keine grösseren Ausgaben und waren noch liquid. Wir profitierten vom starken Franken. Am Bahnhof, als wir unseren Koffer holten und später wieder aufgaben, machten wir Erfahrung mit dem Militär. Damals war noch General Franco an der Macht und es standen überall Soldaten und Polizei mit Gewehren im Anschlag bereit. 

Anderntags fuhren wir weiter Richtung Jaca und Pamplona. So muss es in der Wüste aussehen ! Nur Staub, Steine und braune Erde, heiss war es ohnehin genug. Wir holten uns alle den ersten Sonnenbrand an den Oberschenkeln und an den Armen. Vom vielen Schweiss abwischen von der Stirn, wurde auch die Sonnecrème abgewischt. In Pamplona sahen wir keine Stiere auf den Strassen, das heilige Fest fand an einem anderen Tag statt. Dort  fanden wir aber ein Nachtlager in einem Kloster. Uns war nicht ganz geheuer, weiss auch nicht warum. Es gab ein feines Nachtessen, denn Lamm hatte ich schon damals gerne. Leider war das Fleisch so ungeniessbar, dass wir viel Senf drauf streichen mussten, um den Geschmack zu neutralisieren. Am Schluss wurden fast ebenso viele Knochen vom Tisch getragen, wie vorher auf dem Teller waren. Wir waren anderntags glücklich und schon ein wenig überrascht, dass wir keine Nachwirkungen des Essens verspürten.

 

Nun warteten die ersten Ausläufer der Pyrenänen auf uns. Bei jedem wurde natürlich ein Bergpreis ausgetragen. Da ich am Berg weitaus der schwächste Fahrer war, gaben mir meine Kollegen als „Zückerli“ hie und da eine Vorgabe. Doch ich wurde immer wieder ein- und noch mehr überholt und abgehängt. Gleich zu Beginn der Berge war ich mal so kaputt, dass ich nicht einmal in der nachfolgenden Abfahrt mithalten konnte. Der von den Kollegen angehaltene und nach meinem Befinden gefragte Autofahrer konnte nur sagen:  „Il vient, mais il est très malade“. Unterwegs wollten wir unsere Peseten loswerden und kauften einige Souvenirs, unter anderem auch einen Wassersack aus Ziegenleder.  Das Wasser blieb wirklich lange frisch darin, schmeckte aber nicht sonderlich gut. So mussten wir diesen zuerst mit Coca Cola füllen, um allfällige Bakterien abzutöten und vor allem den Geruch zu neutralisieren. Bald einmal kamen wir zu den ersten richtigen Pässen. Den Col d’Apsin, den Col d‘Aubisque und den Col de Peyresourde kannten wir von der Tour de France her, ebenso den Tourmalet, der mit genau 2‘115 m ein echter Brocken war, steil und lang und ebenso hart. Urs und Sepp machten einen Abstecher nach dem Wallfahrtsort Lourdes und tauchten die Rennvelos ins heilige Wasser. Es nützte alles nichts, denn treten mussten sie immer noch selber. Loris und ich fuhren direkt hinauf zum Tourmalet. Oben verpflegten wir uns am Kiosk mit Reiskuchen und Honigwaffeln. Wie ich an der letzten Reportage von der Tour de France festgestellt habe, ist der Kiosk immer noch an der gleichen Stelle. In der halsbrecherischen Abfahrt  zum Kleinstaat Andorra hinunter stürzte Sepp in einer Kurve. Zum Glück blieb es bei einigen Schürfungen. Er war aber immer noch schneller im Tal unten, als wir. In der Zwischenzeit konnte er sogar einen Coiffeursalon aufsuchen und sich die Haare schneiden lassen. Er war bereits fertig, als wir unten eintrafen. In Argelès-Gazost, immer noch in den Pyrenäen, übernachteten wir in einer kleinen Pension und ich ass erstmals Artischocken. Ob gut oder nicht, wir mussten alles essen, um bei Kräften zu bleiben. Beim Nachtessen zog ein fürchterliches Gewitter über den kleinen Ort und für einige Augenblicke ging das Licht aus. Zum Essen gab es, bestellt oder nicht, eine Karaffe Wasser und ein Viertele Wein pro Person. Am Nebentisch sass ein Paar, das keinen Wein trank. Als das Licht ausging, hatten wir plötzlich zwei Flaschen Wein mehr auf unserem Tisch, als vorher.

Ich weiss bis heute nicht, ob er uns den rübergestellt oder ob einer von uns diesen an sich genommen hat. Egal, es war eine lustige Episode, von der nie mehr jemand gesprochen hat. Am Morgen mussten wir relativ lang auf das Frühstück warten. Der Grund wurde uns bald einmal klar. Erst als das Paar gegangen war, wurde die einzigen Kaffee- und Milch-kanne im Restaurant für uns nachgefüllt. Nach dem Erklimmen von vielen weiteren Hügeln erreichten wir mit Pérpignan den südwestlichsten Punkt von Frankreich. Nun ging es flach der Mittelmeerküste entlang. Bei viel Verkehr und grosser  Hitze erreichten wir Montpellier und bald einmal Nimes und Béziers. Hier war ans Schlafen nicht zu denken. Das Zimmer lag auf der Strassenseite und war sehr lärmig. Mitten in der Nacht pochte es an die Zimmertüre. Der Hotelier weckte uns mit der Bemerkung, unsere Räder seien gestohlen worden. Er fand diese nicht mehr im Gang vor, wo wir diese stehen gelassen hatten. Doch Urs konnte uns beruhigen. Er hatte diese in der Waschküche versorgt, weil er dort einen Hund gesehen hatte, den er für einen guten Wächter hielt. Am andern Morgen verlor ich an meiner Mittelzugbremse eine Mutter. Der lokale Velohändler öffnete erst um acht Uhr und so fuhren meine drei Kollegen mal locker los, ich sollte diese nach erfolgter Reparatur sicher bald wieder einholen. Das Teil war rasch ersetzt und mit weniger als einer Viertelstunde Rückstand nahm ich die Verfolgung auf. In den letzten Tagen hatten wir uns aber alle an einen gewissen Rhythmus gewöhnt und so fuhren meine Kollegen im gleichen Tempo wie bisher und ich auch. Abends um vier traf ich das Trio wieder vor den Toren und der imposanten Stadtmauer von Tarascon. Sie waren keine fünf Minuten zuvor angekommen. Wir waren acht Stunden lang in etwa genau gleich schnell unterwegs gewesen. Leider fanden wir am Bahnhof von Tarascon unseren Koffer nicht vor. Dieser war von San Sebastian aus irrtümlich nach Tarascon bei Barcelonette spediert worden. Es gibt mehrere Orte dieses Namens in Frankreich. Der Mann am Schalter hätte mich fragen sollen, welchen ich meine. Da ich aber den Koffer in Spanien aufgegeben habe, nehme ich an, dass auch er das nicht wusste. So mussten wir uns in Avignon ein Zimmer suchen, was einmal mehr aussichtlos war, denn es war Hochsommer und Ferienzeit.Zudem waren wir ein wenig enttäuscht. Wir waren so naiv, denn wir hofften in dieser Grossstadt die Starsängerin Mireille Matthieu anzutreffen – den Spatz von Avignon. Nach wenigen Kilometern Fahrt wurden wir in Carpentras fündig. Am Fusse des  Mont Ventoux gelegen, war das genau der richtige Ort zum Uebernachten, um am frühen Morgen – noch vor der Hitze - den steilen und langen Aufstieg zu wagen. Wir logierten uns in einem alten Hotel mit einem noch älterem Kellner ein. Es gab nur eine Speisekarte, aber mit sieben Gängen. Das nahmen wir gerne an, denn wir hatten immer einen guten Appetit. Gleich zu Beginn machte uns das alte, runzlige und zitternde  Mannli darauf aufmerksam, dass das Menu wohl sieben Gänge aufweise, der 3. und 5. Gang aber nicht mehr vorrätig seien.  Das machte uns nichts aus und wir nahmen gleich drei mal den 2. Gang und das waren Omelette mit Champignons. Egal, Hauptsache war, dass wir soviel erhielten, wie wir bezahlt hatten. Anderntags stand der Aufstieg auf den Mont Ventoux an. Dieser war sehr steil, führte aber von Norden her durch viel Wald und es war wenigstens weniger heiss, als von der Südseite her, wo es entlang der Strasse nur Sand und Steine gab. Ganz oben wurde ich immer langsamer und auf dem Parkplatz überholte mich sogar eine Frau, die eilig zu Fuss war. Das war der absolute  Tiefpunkt. Aber sofort ging es uns allen besser, denn es stand uns eine fast hundert Kilometer lange Abfahrt bevor. Zuerst besuchten wir wenige hundert Meter unterhalb der Passhöhe das Denkmal von Tom Simpson. Dieser englische Profirennfahrer war am 13. Juli 1967, also erst  wenige Jahre zuvor, bei der Tour de France ums Leben gekommen. Er war das erste bekannte Opfer, das wegen Doping sein Leben lassen musste. Das ging uns allen sehr Nahe, denn ob man das in der Zeitung liest oder ob man an Ort und Stelle sieht, wie die Radtouristen kleine Andenken auf die Gedenkstätte legen, ist zweierlei. Da lagen Mützen, Wimpel, Bidons sowie Grusskarten und Kerzen usw. Doping war bei uns allen nie ein Thema. Als wir zum Jux einmal vor einem Rennen zwei oder drei Kaffeebohnen zur Stimulation einnahmen, machten wir uns darob fast ein Gewissen. Genützt hat es ganz sicher nichts, eher wären wir an den trockenen Bohnen fast erstickt. Die nachfolgende Abfahrt war auch landschaftlich ein Bijou. Rund die Hälfte dieser annähernd hundert Kilometer bis Les Mées fuhren wir entlang der blauen Lavendelfelder. Wie das gut roch ! Bald einmal liessen wir das Zentralmassiv hinter uns und fuhren auf  mehr oder weniger hügeliger Strasse Richtung Nizza. Kurz vor Digne bogen wir Richtung Norden ab, um über den Europas höchsten Pass zu gelangen, den Col de la Bonette. Mit 2‘860 m über Meer ist es ein imposanter Berg. Halb oben, in

St. Etienne-de-Tinée übernachteten wir. Leider hatten wir bis zu diesem Zeitpunkt alle 20 Reserve-Collés aufgebraucht. Die Strassen waren damals denkbar schlecht. Die Fahrweise von uns Vieren sehr unterschiedlich. Urs hatte kaum einen Platten, da er als guter Querfahrer oft und vor allem im richtigen Moment das Rad anheben konnte oder sogar einen Stein oder eine Bordsteinkante über-prang, Loris war leicht und so sparsam, dass er darauf achtete,  ja keinen Defekt zu erleiden. Mit nur drei Verlusten war er noch gut bedient. Ich hatte in drei Wochen sechsmal einen Plattfuss. Sepp war aber gross und schwer und ein wenig unbeweglicher als wir, er donnerte garantiert in das einzige Schlagloch weit und breit und mit gut einem Dutzend Defekten führte er auch diese Rangliste klar an. So machten Urs und Sepp Autostopp, um nach Nizza zu gelangen. Dort deckten sie sich mit einigen Collés ein. Unterwegs stahlen die Beiden einen Velo-Solex. Kurz nach Nizza ging jedoch das Benzin aus und sie waren wieder am Autostoppen. Erst am späten Nachmittag trafen sie im Hotel ein. Sofort machten wir uns trotz schlechter Wetterprognose und Steinschlagwarnung auf, um den Bergriesen zu bezwingen. Für die gut 40 km Aufstieg, vorbei an vielen verlassenen Dörfern und Kasernen, benötigten wir einige Stunden. Es regnete ein wenig und es wurde trotz der Jahreszeit immer kälter. Ich war einmal mehr abgehängt und fast oben erbarmte sich ein Autofahrer meiner und nahm mich bis zur Passhöhe mit. Da Vollmond war, konnte man auch in der Nacht noch gut sehen. Der Mond schien in die mit Regenwasser gefüllten Schlaglöcher und wenn man diese umfahren konnte, war es keine grosse Sache mehr. In rassiger Fahrt erreichten wir Jausiers, das auf rund 1‘200 m gelegen war. Dort fanden wir nur einen Kiosk vor, wo wir unsere Essvorräte aufstockten. An ein Hotel war auf dieser Höhe und um diese Zeit nicht zu denken. Wir fanden drei grosse Kartons von Marlboro, die uns als Nachtlager dienen sollten. Mitten auf der Wiese, in einem Flussdelta legten wir uns zum Schlafen. Sepp fand nichts dergleichen und stahl beim Militär eine Wolldecke. Loris streute rund um unser Lager Schokolade aus, damit die Ratten diese zuerst fressen würden, bevor sie zu uns kämen. Das hatte er von seinem Vater gelernt, der diese Erfahrungen im Militärdienst gemacht hatte. Nach einer kalten Nacht standen wir früh auf und Sepp wollte die „entlehnte“ Decke zurück bringen. Wir rieten ihm davon ab, denn mit dem Militär war sicher nicht zu spassen. Wenn diese bis jetzt nichts vom Verlust der Decke bemerkt hatten, waren wir sicher. Er versenkte diese dann im Fluss und beschwerte sie mit Steinen, um allfällige Spuren für die Suchhunde zu vertuschen. Nach der  Abfahrt erreichten wir Barcelonette und das „richtige“ Tarascon, wo wir endlich unseren Koffer in Beschlag nehmen konnten. Bald einmal trafen wir in Genf ein, wo wir zuerst Bürste und Seife kauften, um unsere Räder zu säubern. Diese sahen aus, als hätten wir Teer, Regenwürmer, Kot und Staub draufgeklebt. Wir wollten gleichentags zu Hause sein, denn anderntags wollten wir beim Bergrennen von Martigny nach Mauvoisin starten. Dort versprachen wir uns gute Resultate, denn wir waren so gut auf die Berge vorbereitet, wie noch nie. Am Nationalfeiertag, also nach drei Wochen Entbehrung, aber vielen schönen Erlebnissen trafen wir müde, aber überglücklich zu Hause ein.

Das Bergrennen wurde übrigens ein voller Erfolg, die Resultate sind mir jedoch nicht mehr bekannt, einzig das Erlebnis zählt. Mir bleibt nur noch in Erinnerung, dass ich der Polizei am Bahnhof von Martigny als Einziger meine Papiere zeigen musste. Als kurzhaariger, braungebrannter Bursche war ich denen viel verdächtiger, als die vielen langhaarigen Hyppies, die zu Dutzenden herumlungerten. Die dachten wohl, ich sei ein entsprungener Sträfling.

16  der kleine Finger und die ganze Hand

 

Nach der Spanientour 1972 waren wir  in guter Form und wollten diese noch zu guten Resultaten nutzen. Nachdem wir tausende von Kilometern in den Beinen und viele lange und harte Aufstiege bewältigt hatten, konnte uns eigentlich nichts mehr erschüttern. Im Herbst fand eines der vielen kantonalen Rennen statt und erst noch in Hägendorf. Da wollten wir dabei sein und uns von der besten Seite zeigen. Es war zwar ein Kriterium, bei dem ich auf Grund der bisherigen Erfahrungen nicht zu viel erwarten durfte. Die schnellen Rennen mit vielen Kurven lagen mir nicht sonderlich, vor allem auch darum, weil ich ein wenig ängstlich war und in jeder Kurve einige Meter verlor, die dann mit einem speziellen Effort wieder aufgeholt werden mussten. Für dieses Rennen legte ich aber alle meine Bedenken zur Seite und legte mir einen Schlachtplan zurecht. Ich hatte vor, einen Blitzstart hinzulegen und dem Feld davon zu fahren. Für die guten Elitefahrer war ich ein kleiner Fisch, ein unbeschriebenes Blatt also, dem es sich nicht lohnte, nachzujagen. Für die Amateure war ich kein ernst zu nehmender Gegner und nachführen sollten sowieso die Elitefahrer. Vom Start weg gelang es mir sofort, mich einige hundert Meter von meinen Verfolgern abzusetzen. Bald wurde es mir ein wenig mulmig zu Mute, ganz alleine voraus zu sein. Die Soloflucht dauerte kaum ein Dutzend Runden, da schlossen die Eliteamateure zu mir auf und liessen mich auch gleich stehen. Diese waren natürlich viel stärker als ich und soeben mit einer noch besseren Form aus der Tour de l’Avenir zurück-gekehrt. Bald einmal fand ich mich am Ende des Feldes wieder, konnte aber gut mithalten. Da vernahm ich aus dem Lautsprecher, dass mir die Jury die erste Verlustrunde aufbrummte. Die glaubten wohl, ich sei überrundet worden, dabei war ich erst von der Spitze ins Feld zurück gefallen. Vom Rad aus konnte ich den Entscheid nicht beanstanden und fuhr weiter. Die Motivation war aber weg und als die Elitefahrer nichts anbrennen liessen und das ganze Feld das erste Mal überrundeten, wurde ich aus dem Rennen genommen. Man hatte mir damit den vermeintlich zweiten und damit entscheidenden Rundenverlust angehängt. Ich musste wohl oder übel aussteigen und beschwerte mich beim Jurywagen. Diese hörten mich aber gar nicht an, sondern reichten mir ein Papier und einen Bleistift, damit ich darauf einen Protest schreiben könne. Zudem musste ich eine Protestgebühr von zwanzig Franken hinterlegen. Nach der Kontrolle des Rundenprotokolles mussten mir die Herren recht geben und zugeben, dass sie geschlafen hatten. Das Depot erhielt ich zwar zurück, entschuldigt hat sich aber niemand bei mir. Einen Pechvogelpreis gab es auch nicht und zum Schluss musste ich mir anhören lassen, dass ich es selber mal auf der Jury versuchen solle, wenn ich doch alles besser wisse. 

Mit 23 Jahren fühlte ich mich aber noch zu jung, um mit dem aktiven Radrennsport abzuschliessen. Als ich dann ein Jahr später einen Unfall hatte, besuchte ich einen Jurykurs und stellte mich an den kantonalen Rennen zur Verfügung. Es war so, wie mir ein Kollege vorausgesagt hatte: Wenn man jemandem den kleinen Finger gibt, will er zum Schluss die ganze Hand. Ich habe trotzdem oder gerade deswegen über vierzig Jahre in der Jury an den Rennen mitgeholfen und mache das heute noch gerne.

17  ohne Mentaltrainer

 

 Immer wieder lese ich, dass die meisten Spitzensportler, aber auch Leute wie Du und ich, einen Mentaltrainer haben. Ob das nötig ist, kann ich nicht beurteilen. Da ich dies nicht studiert habe, muss ich mich in dieser Angelegenheit als Laie bezeichnen und kann deshalb nicht mitreden. Wie ich aber bisher an vielen Beispielen  festgestellt habe, beginnt auch beim Velofahren vieles im Kopf. Vor langer, langer Zeit, so beginnen die meisten Märchen………,  aber das ist wirklich schon lange her und auch kein Märchen. Es war am 3. September 1972 am kant. Strassenrennen in Birsfelden. Harald Wunderlin startete noch bei den Junioren und gewann das Rennen, derweil sich bei den Anfängern  Marcel Summermatter gegen Stefan Mutter, André Wagner, Roland Wunderlin und Kurt Bürgi im Spurt durchsetzte. So gingen wir mit einer Superform von der Spanien-Velotour her an den Start. Das schwere Rennen führte über nicht weniger als 121.5 km. Dabei war mehrmals die Steigung von Liestal aus über die

       René Leuenberger am Balmberg                       Windentaler-Höhe zu bewältigen. Doch wir waren abgehärtet und durchtrainiert, uns konnte nicht mehr viel erschüttern. Wer

                                                                                        drei Wochen lang auf der Ebene Tempo geschunden und fast jeden Pass in den Pyrenäen abgeklopft hat, sollte doch an einem kant. Rennen mit vielen „gewöhnlichen“ Amateuren mithalten können. Unsere Moral war gut, im Kopf stimmte es also. So war es auch. Mein Kollege Urs und ich fuhren vorne mit und bereits nach der ersten Zielpassage zog sich das Feld in die Länge. Ich wollte dort unbedingt die ausgesetzte Durchfahrtsprämie gewinnen, damit ich wenigstens etwas in der Tasche hatte. Den Spurt zog ich an, weil ich glaubte, die liessen mich machen. Leider reichte es nicht ganz, denn der junge Basler Roland Moser zog knapp an mir vorbei. Das passte mir aber gar nicht in den Kram und ich zog durch. So setzte ich mich mit neun anderen Fahrern vom immer noch grossen Felde ab. Da es einige Elitefahrer und gute Amateure dabei hatte, kamen wir schnell voran und hatten die Verfolger bald aus den Augen verloren. (und sie uns auch). Ich konnte und musste nicht führen, denn ich war der krasse Aussenseiter von Allen. Mein Kollege Urs war ebenfalls erstaunt, dass ich mithalten konnte und er meinte zu mir: Jetzt kannst Du mal zeigen, was Du in einem Endspurt zu bieten hast. Dies deshalb, weil ich ihn oft gehänselt hatte deswegen. Wenn er an einem Nat. Rennen mit einer Gruppe ins Ziel kam, war er nie ganz vorne klassiert. Ich rechnete mir  Chancen auf einen guten Platz aus und hielt durch. Zwar hatte sich im letzten Aufstieg ein Sextett abgesetzt, wir waren aber immer noch zu viert, also immer noch in den top ten. Rund einen Kilometer vor dem Ziel, beim Teufelslappen also, kam es zu den ersten Geplänkeln. Als einer des Quartetts antrat, setzte ich diesem nach. Das war ein Fehler, denn das war noch zu früh. Ich hätte warten sollen, bis alle zum Spurt ansetzten. Woher sollte ich das denn wissen, war ich doch noch nie in einer solchen Situation ? Wir wurden wieder eingeholt und als dann wirklich alle voll durchdrehten, zog es mir in den Beinen und ich hatte den Krampf, links und rechts und erst noch in den Waden und in den Oberschenkeln. Das war ein bisschen viel aufs Mal und ich wurde mit geringem Abstand Zehnter, also Letzter vom verbliebenen Quartett. Immerhin hatten wir den ersten Verfolgern mehr als vier Minuten

abgenommen und darauf war ich auch ein wenig stolz. Sieger wurde René Leuenberger vom VC Binningen vor Willi Schenker vom VC Gunzgen und Urs Ritter vom VC Born Boningen. Mehr als zwei Minuten hinter diesem Trio gewann der Solothurner Rudolf Grünig den Spurt um Rang vier vor Roland Moser (VMC Birsfelden) und Felix Bättig vom

VC Gundeli. Beat Lüthi vom VMC Birsfelden hielt mit Max Zimmermann, seinen Clubkollegen und mich im Schach. Im Nachhinein muss ich sagen, obwohl es im Kopf stimmte,

fehlte es anderswo. Nicht am Training, sondern an der Verpflegung. Man schenkte dem, aber auch der Erholung zu wenig Beachtung. Wir tranken damals viel zu wenig. Wenn einer mit zwei Bidons am Velo erschien, wurde er mit blöden Sprüchen ausgelacht. Willst Du nach Amerika oder sogar durch die Wüste fahren ?

18  autofreie Sonntage

 

In den frühen Siebziegerjahren war die Oelkrise. Als Gegenmassnahme wurden die autofreien Sonntage eingeführt und angeordnet. Nur wer einen besonders triftigen Grund nennen konnte, erhielt eine Sondererlaubnis. Die Hin- und Rückfahrt an ein Rennen war kein solcher Grund und so fuhren wir einige Male mit der Eisenbahn an ein Rennen. Das erste Rennen, das an einen autofreien Sonntag fiel, fand in Bümpliz statt. So fuhren wir mit der Bahn nach Bern und mit dem Rad an den Start und wieder retour. Auf der Heimreise sassen wir mit andern Rennfahrern zusammen, darunter war auch Anton aus Basel. Er war ein Spassvogel und lachte viel. Mir gegenüber sass ein  junges und hübsches Mädchen, das von uns von oben bis unten begutachtet wurde. Keiner getraute sich, mit ihr anzubändeln. Da sagte Toni unverhofft zu mir, Kaini, Du hast den Hosenladen offen. Das war mir aber peinlich, und wie ! Ich verneinte und nahm den Rucksack auf den Schoss, damit es ja niemand sehen konnte. Später stellte sich heraus, dass er das nur behauptet hatte, um ein wenig Stimmung zu machen.

 

Ein andermal fuhren wir an ein Quer nach Muntelier bei Murten. Da wir uns am Abend nach der Preisverteilung nicht zu beeilen hatten, blieben wir noch im Restaurant zusammen.

Da bemerkten wir, dass Urs fehlte. Er war mit einer der Ehrendamen abgehauen und stiess erst im letzten Moment vor der Abfahrt des Zuges zu uns. Es blieb dann nicht bei diesem einen Treffen und noch später heirateten die Beiden. Das letzte Rennen, bei dem wir mit der Eisenbahn anreisen sollten, fand in Arbedo, im Tessin statt. Es war ebenfalls ein Quer, ein Internationales sogar. So machte Urs, der damals in der Nationalmannschaft fuhr, mit seinen Kollegen Gilles aus der Westschweiz und Klaus und Ekkehard aus Deutschland in Olten ab. Gemeinsam wollten wir ins Tessin gelangen. Dazu suchten wir am frühen Morgen den Speisewagen auf und nahmen die Jasskarten und den Jassteppich gleich mit.

Wir hofften, es wäre uns beim Spiel weniger langweilig auf der langen Reise. Da erschien der Kellner mit einem Blechschild in der Hand. Darauf stand, dass Kartenspielen im Speisewagen strikte verboten sei. So mussten wir die Segel streichen und zogen uns ins Abteil zurück. Er sprach kein Wort mit uns, sonst hätten wir mit ihm diskutieren können, auch über ein allfälliges Trinkgeld.

19  Journée Velocio

 

 Vor mehr als 40 Jahren lernten Max Bolliger und ich Tony Wiedemer, den Fahrwart des VC Riehen kennen. Die Riehener machten am Schweiz. Tourenfahren des SRB nicht mit, denn nahe der Grenze gelegen, bevorzugten diese Touren ins Elsass und den Schwarzwald. Ohne Tourenbogen, ohne Punkte, einfach nur Radfahren. Sie benötigten keine ausgesteckten Routen, denn das kannte und wollte man nicht. Am Start erhielt man eine Karte in die Hand gedrückt und damit musste man sich orientieren und selber zurechtfinden. Dies als Einleitung: Dieser Tony Wiedemer nahm uns mit an die Brevets ins Elsass, an die Zeitfahren in Mulhouse und an die Berg-fahrten in Todtnau auf den Bölchen. Wir vernahmen dort, dass in St. Etienne (France) ein grosses Rad-Touristentreffen stattfindet. Mit dem Basler Radsport-Journalisten Ernest Laederach und dem damaligen Basler Sportpräsidenten Hans Kammer waren zwei weitere Interessenten dabei. Mit einem VW-Bus fuhren wir bis Neuenburg und dann über den Jura. Ab Champagnolle folgten wir nördlich der Jura-Kette bis Dijon, um dann über Lyon nach St. Etienne zu gelangen. Am Samstag war Einschreiben, Bezug der Startnummern und Besichtigung der Strecke. Am Abend gab es ein Bankett zu Ehren der ausländischen Teilnehmer. Dieses fand im prunkvollen Stadthaus statt. Der Maire de la Ville richtete einige Worte an uns und weitere Reden von Industriellen und Funktionären folgten. Dann wurde ein Lied angestimmt und jedes Land sang etwas aus seiner Heimat.

Hier in St. Etienne war die Veloindustrie beheimatet. Stronglight, Simplex, Huret, Michelin, Peugeot usw. waren die Sponsoren. Anschliessend ging es zum Buffet über. In den folgenden Jahren war das Buffet fest in Boninger Hand bzw. Mund. Von einer Ecke des langen Tisches aus (fr)assen wir uns durch. Bald nahmen wir mit mehr als einem Dutzend Mitglieder daran teil und durften neue Freunde kennen lernen. 

Einmal fuhren wir ab Olten mit der Bahn und erlebten auch, dass die rechtzeitig aufgegebenen Velos am Sonntag noch immer nicht eingetroffen waren. Diese sahen wir erst am Montag wieder auf der Rückreise im Gare de Lyon. Diese mussten aber vorher ordnungsgemäss nach St. Etienne spediert werden und wir konnten diese nicht gleich mitnehmen. Dieser Vorfall gab einen kleinen Dämpfer, vor allem für diejenigen, die zum ersten Male dabei waren. Es gibt viele Geschichten zu erzählen, so etwa von der Verfolgungsjagd, die sich Hugo, Christoph und Alfred lieferten, als das Trio von Algeriern und Marokkanern aus der Bar geworfen und angegriffen wurde – oder vom Polizisten, der kein Wort verstand und der wegen Atemproblemen rückwärts zum Hotelzimmer rausging, als der angesprochene Dolmetscher Reste des erbrochenen Desserts im Bidet von Hand zerdrücken musste, damit diese runtergespült werden konnten  – oder von der Miss-Wahl oben auf dem Berg, bei der nicht nur das schönste Mädchen gewann, es musste auch mit dem Rad hinaufgefahren sein – oder vom nicht ganz so ernst gemeinten Tanzwettbewerb, den Ueli und der Schreibende auf den vorderen Rängen beendeten, doch von den gewonnenen 12 Flaschen Sekt war nur noch eine halbe übrig geblieben. Die anderen hatten diese schon vor Ende des Wettbewerbes ausgetrunken. Von Max gab es immer das gleiche zu erzählen, denn er hat mehr als ein Dutzend mal gewonnen, so gut war er damals noch zwäg. Als er einmal von einem Defekt heimgesucht wurde, musste er den Schlauch wechseln und hat dennoch Zweiter gemacht. Kari und Peter lieferten sich jahrelang ein Duell. In der Steigung war Kari stärker, doch Peter holte jeweils auf dem flachen Zwischenstück, im Schlepptau einer schnellen Gruppe,  wieder auf und der Endspurt war vorprogrammiert. Einmal war dieser, ein andermal jener um Reifenbreite vorne.

 

Doch zum Velozio selber: Wie erwähnt war zur Blütezeit die ganze Veloindustrie in St. Etienne zu Hause. Grund war der, dass 1906 der Einheimische Paul de Vivie den Ueber-setzungswechsel erfand und hier fabrizieren liess. Bisher musste zu Beginn einer Steigung das hintere Rad vom grossen auf den kleinen Kranz gewechselt werden und oben auf dem Berg zur Abfahrt nochmals. Ihm zu Ehren ist auf dem Col du Grand Bois oder auf dem Col de la République, wie er auch genannt wird, ein Denkmal errichtet. Jedes Jahr findet Ende Juni ein Randonnée auf den Gipfel statt. Der Anlass ist zwar als Radtouristentreffen ausgeschrieben, dennoch wird eine Rangliste erstellt. Dabei wird zwischen Touristik und Renn-sport unterschieden. Die Räder der Touristen müssen mit Schutzblechen ausgerüstet sein, ebenso gehören Gepäckträger, Pumpe und Klingel dazu. Beim Rennen wird in Blöcken

à 50 Fahrer gestartet. Die Strecke ist 5 – 8 % steil und 13 km lang. Es wird voll gefahren, für Geplänkel bleibt keine Zeit, vor allem nicht auf dem Flachstück. Ein vorderer Platz in einer Gruppe heisst noch gar nichts, wenn eine andere Gruppe schneller gefahren ist. Oben wird einem kurz nach dem Zieleinlauf die Startnummer abgenommen und man erhält einen Bon für den Verpflegungssack und einen, um das in einem Auto mitgegebene Gepäckstück abzuholen. Im Sack befinden sich nebst Brot, Salami, Schinken Poulet, Pommes-Chips, Senf, Ketchup und Früchten auch eine Flasche Mineralwasser und ein Viertele Rotwein. Nur wenn man die beiden leeren Flaschen retour gibt, wird einem auch eine Glacé ausgehändigt. So entfällt dem Veranstalter nach dem Anlass das Suchen nach leeren Flaschen. Wenn man auch den Franzosen eine gewisse Lockerheit nachsagt, tut man ihnen Unrecht. So gut organisierte Anlässe haben wir bei uns selten oder nie angetroffen.

20  Sporen und Peitsche

 

 Wie bereits im Beitrag „Mentaltrainer“ beschrieben, gibt es Dinge, die im Kopf passieren. Es gibt aber auch Situationen, bei denen man nicht weiss, was die Ursache ist, die sind einfach unerklärlich. Das kann sich negativ, aber auch positiv auf die Leistung auswirken. 1976 bestritten Clubkollege Sepp und ich das Paarzeitfahren im Schupfart. Wir hatten uns damit beileibe keine leichte Strecke ausgesucht. Bereits nach wenigen Metern begann die lange Steigung hinauf zum oberhalb von Wegenstetten gelegenen Flugplatz. Es war Anfang Mai und es wurde erstmals so richtig heiss. Eingefahren  hatten wir uns auch nicht genügend, dann ging es los, und wie ! Ich war die grosse Hitze noch nicht gewohnt, denn ich dachte nach wenigen Kilometern bereits ans Einteilen meiner Kräfte. So konnte ich meinem bisher ebenbürtigen Partner nicht mehr folgen. Er bemerkte meine Schwäche sofort und wartete auf mich. Dann gab es eine Schimpftirade. Ich sei ein Weichei. So nicht ! Wir können immer noch lockern, wenn wir dann müde sind. Ich soll mich wenigstens einmal im Leben so richtig in den Hintern klemmen und zum Schluss schlug er mir (aufmunternd zwar) mit der Hand fest auf den Rücken. Ich weiss, dass er es nicht böse meinte, im Gegenteil, aber im Moment war es ein Schock. So musste sich ein Rennpferd vorkommen, wenn es die Peitsche oder die Sporen spürt ! Ich hatte Sepp selten so poltern gehört, obwohl ich seinen "Katzenstrecker“ (Luzerner) Zorn bereits von andern Anlässen her kannte. Es war, als wenn sich irgendwo bei mir ein Knopf gelöst hatte. 

Mit einer nie gekannten Wut im Bauch fuhr ich weiter, und wie !  Ich hatte keinen Respekt mehr vor der Steigung und das war gut so. Erst in der langen Abfahrt nach Wegenstetten und Hellikon liess ich ihn wieder an der Führungsarbeit teilhaben. In der kurzen, aber ruppigen Gegensteigung nach Zeiningen konnte ich meine grosse Mühle durchtreten und musste erstmals kurz auf Sepp warten. Nur wenige Meter zwar, doch war das eine gute Gelegenheit, um ein wenig Luft zu schnappen und auch miteinander zu reden. Ab da harmonierten wir wieder zusammen, wie selten zuvor. Sogar die letzte „Schleicher“-Steigung von Mumpf nach Obermumpf und bis ins Ziel konnten wir durchziehen. Dort ange-kommen waren wir zwar wie immer total kaputt, aber auch zufrieden, alles gegeben zu haben. Gespannt sahen wir dem Rangverlesen und der Preisverteilung entgegen. Da beim Ziel und in der Festwirtschaft keine Rangliste worden angebracht war, waren wir über unsere Fahrt im Ungewissen. Sicher war es ein gutes Rennen gewesen, doch die Spannung und Ungeduld blieb bis zuletzt aufrecht erhalten. Es machten gegen einhundert Zweierteams mit. Einmalig war auch, dass die Rangliste von hinten nach vorne verlesen wurde. So ab Rang fünzig hörten wir besonders aufmerksam zu, doch wir wurden noch nicht aufgerufen. Als der Speaker dann beim Zwanzigsten angelangt war, freuten wir uns auf einen guten Rang. Als dann aber bereits der Zehnte an der Reihe war, glaubten wir an einen Fehler, denn so weit vorne waren wir noch nie klassiert. War das eine Verwechslung oder hatten die uns gar nicht klassiert ? Das konnte doch nicht sein. Nicht nur wir, sondern auch unsere  Clubkollegen waren erstaunt, die Gunzger Rivalen noch mehr. Zum grossen Erstaunen wurden wir sensationelle Zweite und dies nicht nur in einem „Wurst- und Brotrennen“ sondern hinter einem prominenten und als fast unschlagbar geltendem Duo. Im Nachhinein ist mir immer noch nicht klar, wieso es gerade an dem Rennen so gut gelaufen ist. Wir hatten nicht mehr Kilometer in den Beinen, als in den Vorjahren. 

War’s halt doch im Kopf oder lag es an der Peitsche und an den Sporen ?

21  Verkehrshindernisse anderer Art

 

 An einem anderen Rennen in Gunzgen, einem Nat. Elite-Kriterium durften wir regionale „Gümmeler“ auch mitfahren, um das Feld ein wenig aufzufüllen und wohl auch, um weitere Zuschauer aus dem Bekanntenkreis anzulocken. Es kam alles, wie gehabt. Weit hinten und oft zuhinterst im Felde hatte ich Mühe, mitzuhalten. Als ich etwa zwanzig Meter auf den letzten Fahrer des Feldes verloren hatte, kämpfte ich weiter, statt mich überrunden zu lassen und erst dann wieder voll zu fahren. Ich hatte viel zu wenig Erfahrung in den Kriterien, um effizienter zu sein. 

 

Auf alle Fälle ärgerte ich mich darüber, dass in der Zielkurve, kurz hinter dem Feld, jeweils zwei Mädchen in jeder Runde über die Strasse sprangen. Sie behinderten mich zusätzlich. Statt ein wenig aufzuholen, musste ich nochmals abbremsen und kam meinem Ziel, dem Ende des Feldes, nie näher. Beide trugen kurze Leder-Minijupes und es juckte mich in den Fingern. Als eine von den beiden noch knapper vor mir die Strasse überquerte, als bisher,  schlug ich mit der flachen Hand zu. Genau auf den Po, weder auf den Rücken noch anderswo hin. Ab dieser Runde hatte ich Ruhe und freie Fahrt, spürte allerdings meine Handflächen noch rundenlang. Sie spürte sicher auch etwas und hatte nachher wohl Sitzbeschwerden ? !

 

22  von Azimuten und Koordinaten

 

 Nebst den Volksradtouren und Rundfahrten bestritten wir auch die vom SRB organisierten Orientierungsfahrten. Solche fanden bis vor rund dreissig Jahren im Bernbiet und der Nordwestschweiz statt. Von Meltingen bis Dottikon und Reisiswil, von Heimberg bis Zollbrück  besuchten wir die OF.  Diese fanden ausserhalb der Dörfer, auf Feld- und Waldwegen statt. Es kam gar nicht auf die reine Fahrzeit an, sondern es wurden Punkte vergeben für die richtigen Antworten. Wenn man diese schneller (und richtig) lösen konnte, als die Konkurrenz, war man nochmals besser dran.

So spezialisierten wir uns auf das, was wir besonders gut konnten. Wenn uns eine Aufgabe zu schwer oder in der kurzen Zeit kaum lösbar schien, gaben wir innert wenigen Sekunden die Antwort ab. Es gab zwar eine Minute Strafe oder zwei für die falsche Antwort, aber die Zeit, die wir für die Lösung brauchten, war minim. So schummelten wir uns durch. Bald einmal aber wurde das Reglement so abgeändert, dass uns durch eine rasche Antwort  - auch wenn diese falsch war - keine Vorteile mehr entstanden. In Heimberg bei Thun hatten wir einmal rabenschwarzes Pech. Da ich damals noch keine Brille trug, be-merkte ich einen Punkt nicht, der auf der Karte eingetragen war. Wir verfuhren uns fürchterlich. In der Steppe wären wir wohl verhungert. Aber da jeder Bach abwärts fliesst und irgendwo in einen Grösseren mündet, kommt man auch im hintersten Winkel im Emmental wieder einmal in bewohntes Gebiet. Dort konnten wir fragen und wurden anschliessend entsprechend ausgelacht. 

 

An einer anderen OF im Niederamt lautete die Aufgabe, vom Standort aus die genaue Himmelsrichtung des weit sichtbaren Säli Schlössli ob Olten zu bestimmen. So viel wir auch diskutierten und Mass nahmen, jeder erhielt ein anderes Resultat. Keiner hatte bemerkt, dass wir unterhalb einer Starkstromleitung standen, welche das Magnetfeld des Kompasses beeinflusste. Nur diejenigen, die das Resultat auf dem Papier bzw. Karte ausrechneten, kamen zum Ziel. Schon wieder etwas gelernt. Die Orientierungsfahrten waren zwar interessant, doch weil es noch keine Mountain-Bikes gab, nahm man dazu den Halbrenner, das Militärvelo oder ein Quefeldeinrad. Vor allem die Halbrenner eigneten sich weniger gut und nicht nur einmal kamen wir mit einem Gabelbruch oder einer acht im Rad nach Hause. Zudem nahm das Interesse stark ab. Wenn an einem nationalen Anlass nur noch ein Dutzend oder weniger Teams am Start waren, hinterfragten sich die rührigen Organisatoren zu Recht, ob sich das noch lohnt. So liessen wir es halt sein. 

 

Ein andermal fuhren wir von Mümliswil aus über den Passwang. Ich war oben zwar nicht einer der Letzten, aber das es am frühen Morgen noch kühl war, wollte ich vor dem Tunnel meine Jacke anziehen. Das war auch schnell getan, doch als schlechter Abfahrer holte ich meine Kollegen nicht mehr ein. Wir wollten an eine OF nach Meltingen im Schwarz-bubenland. Da ich nicht wusste, wo der Ort lag, fuhr ich einfach mal los. Unterwegs wollte ich diejenige Person fragen, die ich als erste erblicken sollte. Kaum zu glauben, ich fuhr bis Dornach, bevor ich mich am  Strassenrand bei einer Frau nach dem Weg erkundigen konnte. Sie schlug die Hände über den Kopf zusammen und verriet mir, dass ich da ganz falsch liege und noch einen langen Weg zurückfahren müsse. Da wäre ich froh gewesen, wenn ich im Fach Geographie besser aufgepasst hätte. Für den Spott hatte ich nicht zu sorgen. Andererseits kam ich dennoch nicht zu spät an die OF, denn die „schwarzen“ Mitglieder besuchten zuerst noch die Messe in Meltingen, bevor es richtig losging mit dem Kartenlesen und Fahren.

23  und erstens kommt es anders ....

 

In letzter Zeit habe ich so viel von den Rennen und Touren geschrieben, dass ich nun meine, alles, wirklich alles erzählt zu haben. Doch hie und da kommen mir wieder Müsterli in den Sinn, die halt einfach auch noch festgehalten werden wollen und müssen. So läuft es einem nie immer gleich gut (oder schlecht), wie wir sicher schon alle festgestellt haben. Dazu kommen die unvorhergesehenen  Ereignisse. Diese gehören aber ebenso dazu wie das Wetter, der Plattfuss oder anderes Pech.

Als ganz junger Fahrer nahm ich einmal mehr mit meinem Kollegen Urs an einem Amateur - Etappenrennen in Montreux teil. Es war erst Ende April und saukalt. Kurz nach dem Start riss ich aus, nicht nur, um mich aufzuwärmen, sondern weil es in einigen Ortschaften entlang des Lac Léman Durchfahrtsprämien zu gewinnen gab. Zu meinem Erstaunen setzte mir keiner der Konkurrenten nach und ich glaubte schon, einige Prämien auf sicher zu haben. In der ersten Steigung holte mich das Feld ein und Urs fragte mich, ob ich spinne. So früh auszureissen, habe er sich sogar nicht getraut und er sei doch weit besser in Form als ich. Ich erklärte ihm, dass ich nur wegen den Durchfahrtsprämien losgefahren sei. Da lachte er mich erneut aus und sagte mir gleich noch dazu, dass lange vor mir bereits ein Fahrer ausgerissen sei. Dort vorne ist er, falls Du es nicht glaubst. Wir holten wirklich bald darauf einen Fahrer ein und so ertranken alle meine Träume im Regen und weiter oben im einsetzenden Schneefall. Von meinem Effort war ich so stark gekennzeichnet, dass ich bald darauf abreissen lassen musste. Aufgeben wollte ich auf keinen Fall, denn das Rennen beenden, war für mich Ehrensache. Durch den einsetzenden leichten Schneefall froren wir alle, vor allem an die Hände. Obwohl wir zum Teil lange Trikots und Hosen trugen, an Handschuhe hatte ich nicht gedacht. Wir hatten damals noch die Rahmenschaltung. Durch das ewige Rütteln und Schalten war die Feststellschraube locker geworden. Ich konnte zwar hinten noch schalten, doch der eingelegte Gang blieb nicht drin. Mit meinen eingefrorenen Fingern konnte ich nicht mehr genug Kraft aufbringen, um die Mutter fester anzuziehen. So musste ich in einem Dorf anhalten und eine zufällig vorbei laufende Frau bitten, mir die Fixierung fester anzuziehen. Leichter gesagt, als getan. Wie sage ich das auf französisch, wenn einem nicht nur der Wortschatz fehlt, sondern auch der Mut dazu und das Hirn ebenfalls eingefroren ist. „Mademoiselle, vous tirez la s’il vous plait un peu à droit“  oder so.  Auf alle Fälle klappte es doch noch und ich konnte meine Solofahrt fortsetzen. Im Nachhinein hat sich alles nicht gelohnt, traf ich doch nach Kontrollschluss ein und wurde zur zweiten Etappe nicht mehr zugelassen.

Das war ein Negativerlebnis wie selten zuvor, doch es gibt auch andere und zwar Erfeulichere, von denen ich an anderer Stelle berichten darf.

 

24  zwölf Stunden alleine in der Mandschurei

 

 Ende August 1975 liess ich mich zu etwas Grossem überreden. Meine Kollegen René, Noldi und Bödeler hatten sich zu einem Rennen angemeldet, das über zwölf Stunden führen sollte. Da sich ein anderer, Fahrer abgemeldet hatte, war für mich ein Startplatz frei geworden. Das Rennen über die ungewohnt lange Distanz sollte in Gland/VD stattfinden. Die Strecke führte zuerst über einen   51 km messenden, hügeligen Rundkurs rund um Nyon und am Fusse des Jura. Da wir diese Gegend nicht kannten, nannten wir diese Niemandsland. Statt Niemandsland sagten wir auch Steppe und meine Kollegen erzählten aus dem Militärdienst, dass Sie in der Steppe draussen waren, also in der Mandschurei. Da ich zwar schon solche Rennen organisiert, aber noch nie als Aktiver daran teilgenommen hatte, war ich gespannt, was da auf mich zukam. Wir organisierten die Ver-pflegung, jeder nach seinen Bedürfnissen. Riegel und Gel gab es damals noch nicht, so nahmen wir als „eiserne Reserve“ das Blaubeerkonzentrat „Top Ten“ in die Trikottasche. In einem der grossen Bidons befand sich Tee, im andern reines Wasser.  Nach einer schlaflosen Nacht im Hotel standen wir früh auf, um reichlich zu frühstücken. Bald einmal erfolgte der Start.

Wir hatten uns nicht zu beeilen, denn mit den letzten drei Startnummern kamen wir erst am Schluss an die Reihe. Es wurde in Intervallen von nur 30 Sekunden gestartet. Hinter mir mit der Nr 140 kam nur noch Noldi und mit der Nr 141 Bödeler. Beide waren ausgesprochene Langstreckenspezalisten und erst noch gut in Form. Ich machte mich darauf gefasst, dass mich die Beiden bald ein- und überholen würden. Das geschah dann auch nach weniger als zehn Kilometern. Da Windschattenfahren nicht gestattet war, hielt ich die reglementarische Distanz von 15 m ein. Derweil ich mit einem verhaltenen Start zuerst auf Touren kommen wollte, kickten die Beiden nach jeder Kurve voll an und bald einmal waren diese auf und davon und ausser Sichtweite. Weil ich das erste Mal daran teilnahm, machte ich mir Gedanken zu meiner Form und meinem Vorgehen. Ich fuhr an den langen Zeitfahren immer mit einer Marschtabelle am Lenker. So gab ich mir selbst einen Schnitt von

30 km/h vor und rechnete die Durchgangszeiten bei den beiden Kontroll- und Verpflegungsposten aus. Zudem montierte ich mir die dicksten Collés, um ja keinen Platten einzu-fangen. Die 25 mm Barum waren gerade recht dazu. Diese tschechischen profillosen Collés fuhr ich sonst nur an den Querfeldeinrennen, wenn es ganz matschig war. Wenn diese auch viel schwerer waren, als andere Reifen,  bewährten sich diese doch. Ich musste keinen Defekt verzeichnen und wurde auf den schlechten Strassen nicht so durchgeschüttelt wie die anderen Fahrer. Doch mit der Verpflegung haperte es. Da hatten wir uns verrechnet. Statt viel Butter, Schinken und Tomaten in die Sandwiches zu klemmen, wurden diese mit Käse und Ei belegt. Diese waren deshalb zu trocken und würgten mich nur nicht, weil ich dabei ein halbes Bidon Tee nachschütten musste. So war ich immer knapp dran an Getränken und musste auch vom Wasser trinken, statt mir dieses über den Kopf zu leeren. Reines Wasser löst aber den Salzhaushalt im Körper auf und ich wurde dadurch auch  nicht schneller. Immerhin fuhr ich volle elf Stunden alleine in der Gegend herum, ohne dass ich je einen andern Fahrer zu Gesicht bekam. Nach vorne konnte ich mich nicht orientieren, weil ich nicht so stark fuhr, dass ans Einholen eines Mitkonkurrenten zu denken war und von hinten kam niemand mehr. Die Runde war so lang und die ganz vorne gestarteten Fahrer wohl so schwach, dass nicht damit zu rechnen war, dass einer bis zu mir vorfahren würde. Nach sechs Runden, also nach 306 km bog man auf eine 10 km messende Zusatzrunde ab. Auch hier war das Windschattenfahrern verboten. Da dieser Teil im Gegensatz zur grossen Runde relativ flach war, kam wieder ein solides Tempo zustande. Die letzte Viertelstunde wurde auf eine Kriteriumstrecke von ca 900 m abgebogen. Hier liess sich ein Hinterradfahren nicht mehr vermeiden und es war auch ausdrücklich gestattet. Obwohl wir Startnummern trugen, wurden die Runden nicht notiert, sondern man erhielt einen Chips mit seiner Nummer, den man am Ende der Gerade in einen grossen Container werfen musste. Obwohl diese Mulde nicht zu übersehen und auch nicht zu verfehlen war, traf ich ganze zweimal daneben. Das ärgerte mich nicht nur ein wenig. Zudem hatte ich doch noch einen Hungerast eingefangen. Da ich nun nicht mehr mein Tempo fuhr, sondern jedem anhängte, der an mir vorbei wollte, übernahm ich mich. Die letzte Viertelstunde war aber doch einmal vorbei und ich hatte meinen allerersten Härtetest über 12 Stunden und 334,5 zurückgelegten Kilometern bestanden. Auf alle Fälle freute ich mich über den 40. Rang von 142 Klassierten. Der von mir vorgegebene Schnitt war nicht mehr einzuhalten, zu stark wehte die Bise auf den windoffenen Abschnitten. Meine Kollegen waren alle im ersten Dutzend klassiert und damit die Mannschaftswertung klar gewonnen. Ich freute mich mit ihnen, denn es waren Fahrer, die an den andern kurzen Rennen nicht so erfolgreich waren. Obwohl ich mein gesetztes Ziel nicht erreicht hatte, war ich zufrieden. Nun wusste ich, wie man ein solches Rennen angeht und auch einteilt, aber ein zweites Mal machte ich dies nicht mehr mit. Die Erfahrungen daraus konnte ich später auf den längeren Touren von Romanshorn nach Genf oder von Boningen nach Zermatt gut anwenden.

25  Pech im Elsass und am Rhein

 

 Eine unserer vielen Rad-Touren führte uns ins Elsass. Von Basel aus waren wir bald einmal in Mulhouse, um dann Richtung Cernay abzubiegen. Entlang der sogenannten Weinstrasse fuhren wir durch die bekannten Weinbaudörfer. Mittendrin hatte Hugo einen Rahmenbruch zu beklagen. An ein Weiterfahren war nicht zu denken; guter Rat war teuer. Da entschied sich Peter, unser damaliger Präsident, das Rad gleich selber zu flicken. Wir hielten bei einer Auto-Werkstätte an und er fragte, ob er das Schweissgerät benutzen dürfe. Währenddem wir uns in einem Restaurant etwas zu Trinken holten, machte er sich an die Arbeit. Bald einmal war das Werk vollbracht und wir konnten weiterfahren.

Es sah zwar nicht schön aus, doch der Rahmen war sowieso im Eimer, wenn die Naht nur bis nach Hause reichte.

Bei grosser Hitze kamen wir in Colmar an. Es stand uns der lange Aufstieg zum Col de la Schlucht bevor. Gegen Abend kamen wir oben an und mussten feststellen, dass kein Hotel geöffnet hatte. Es war Ende August und die meisten Läden, Hotels und Restaurants hatten geschlossen. Da erinnerte sich einer von uns, dass sich ganz oben, an der Route de la Crète eine Jugendherberge befinden müsse. Wir schickten die beiden Jüngsten Hugo und André voraus. Es war bereits dunkel geworden und so vereinbarten wir, dass sie nur zurückkehren sollten, wenn die Herberge geschlossen war. Nach einer halben Stunde waren die Beiden immer noch nicht retour gekommen und wir machten uns auch auf den Weg hinauf. Tatsächlich fanden wir eine geöffnete Herberge vor. Es war allerdings niemand in der Küche. Wir konnten uns nur am Brunnen waschen und uns zum Schlafen hinlegen. Alle hatten Hunger und schliefen deswegen schlecht. So fuhren wir am frühen Morgen los Richtung Le Markstein. Es war eine wunderbare Fahrt. Links unten, also im Osten die Rheinebene und rechts, westlich von uns die Oberelsässer-Seen. Nach einer Stunde lockerer Fahrt trafen wir in Le Markstein ein. Wir bestellten im einzigen Restaurant des Ortes ein Frühstück à  discrétion. Kaum zu glauben, was wir alles vertilgen konnten. Die Butter wurde gleich blockweise aufgetischt, Käse, Schinken und Brot auch. Jede Minute, die wir am Tisch sassen, machte der Wirt ein Verlustgeschäft. Für weniger als zehn Franken schlugen wir uns die Bäuche voll. Zum Glück ging es nochmals flach und bergab. Wir hatten vor, bis Pruntrut zu fahren. Unterwegs sahen wir an einem der vielen Seen Badende. Da es sehr heiss war, wollte Peter auch ein Bad nehmen. Die andern schauten nur zu. Die Einen hatten keine Badehose dabei, andere scheuten vor einem Krampf im Bein. Das war zu befürchten, wenn man so erhitzt ins kalte Wasser steigt. Zum Schluss hatten wir aber doch etwas zum Lachen. Als Peter aus dem Wasser kam und nach der Dusche fragte, lachten ihn die Leute aus. Da gäbe es keine Dusche, das sei kein offizielles Strandbad. Da es aber kein Baggersee in einer Kiesgrube war, sondern ein See, der durch den Torfabbau entstanden war, war Peter über und über mit Torfresten behaftet. Er musste so lange warten bis er trocken war und konnte sich dann abstauben. Wir konnten uns lebhaft vorstellen, wie es ihn gejuckt hat.

 

Ein andermal fragte mich Urs, ob ich mit ihm an eine zweitägige Velotour ins Elsass mitkommen wolle. Er brauche noch fünfhundert harte Kilometer in den Beinen, damit er an einem Etappenrennen mit der Quer-Nationalmannschaft starten könne. Ich sagte zu und wir fuhren die gleiche Strecke wie an der vorher beschriebenen Tour. Erneut kamen wir spät abends oben am Pass an und fuhren weiter. Er wollte nicht in der Jugendherberge übernachten, sondern in Goldbach, einem kleinen Dorf an der Strecke. Obwohl es dunkel war, fuhren wir wie die Schweine den Berg hinunter. Dabei übersah er ein Schlagloch und fuhr hinein. An ein Weiterfahren war wegen der Acht nicht zu denken. Da wir uns bereits im Dorf unten befanden, quartieren wir uns in einem Hotel ein und dinierten. Wirklich, das Nachtessen war fein und reichlich und erst noch günstig. Mit dem starken Schweizerfranken war man König in Frankreich. Am Morgen früh suchten wir einen Bauern und verlangten nach einem Dängelihammer. Auf offener Strasse richtete er die verbogene Felge so, dass er weiterfahren konnte. Dabei sahen uns ein halbes Dutzend Kinder zu. Die freuten sich an der einmaligen Abwechslung und wir, dass es geklappt hatte. 

 

Viel später, aber immer noch mit dem gleichen Rennvelo fuhren wir über die Staffelegg nach Frick, dann dem Rhein entlang nach Laufenburg. Bei Full sackte mein Velo zusammen und ich wurde gefragt, ob ich einen Platten habe. Dem war nicht so, ich hatte einen Rahmenbruch erlitten. Zum Glück geschah das Ebene und nicht in der schnellen Abfahrt vom Berg. Da es damals noch keine Handys gab, machte ich mich zu Fuss auf bis zum nächsten Restaurant, um von dort aus, meine Gattin anzurufen. In der Gartenbeiz dieses Restaurants hatte sich die Feuerwehr des Ortes nach der Hauptübung versammelt. Einer der Uniformierten fragte mich, ob ich den Rahmen schweissen lassen wolle. Er habe noch gestern ein Treppengeländer geschweisst und so einen alten Göppel könne er sicher wieder auf Vordermann bringen. Ich winkte ab, denn ich hätte sowieso kein Vertrauen mehr ins Material gehabt. Nach langem Warten wurde ich mit dem Auto abgeholt. Zuhause schaute ich mir den Rahmen an. Dieser war an besagter Stelle so dünn wie Papier. Nun wurde mir bewusst warum. Das Velo war zuerst weiss gespritzt. Nach der Spanienvelotour liess ich dieses gelb, nach einigen Jahren elfenbeinfarbig und dann noch blau und violet umspritzen. Vor jedem Umspritzen wurde der Rahmen sandgestrahlt. Dabei verlor dieser jedes mal einige Zehntelmillimeter an Dicke.  Diejenigen, die das machten, wussten ja nicht, dass es schon das vierte mal war und ich als Bürogummi und Laie auf diesem Gebiet auch nicht.

26  vom Deeser

 

 Wir hatten zwei Buben aus Wolfwil im Veloclub, die einige Jahre lang Rennen fuhren. Dabei lernte ich deren Vater kennen, den Andreas. In Wolfwil sagt aber niemand Andreas, alle nannten in den Deeser, auch seine Familie. Wie sich herausstellte, war er im gleichen Unternehmen tätig wie ich. Er arbeitete in der Schweisserei und war ein Fachmann auf seinem Gebiet. Für die von mir organisierten Rennen fertigte er viele Fahrerpreise selbst an. So wurden aus ausgebauten Kugel-lagern, die gewaschen und dann brüniert wurden, schöne Trauben. Diese wiederum schmückten so manchen von ihm angefertigten Flaschenhalter. Da er im Dorf mit den Leuten auf gutem Fusse stand, bettelte er auch viele Preise zusammen und wir konnten  beim Schützenhaus draussen, einige gut gelungene kant. Strassenrennen und Radquers mit tollen Naturalpreisen organisieren. Deeser hatte mehr Humor, als man sich vorstellen kann. So kam es, dass ich ihm einmal am Montagmorgen stolz  meine am Sonntag an einem kant. Rennen gewonnene Uhr zeigte. Da lachte er mich aus und sagte, das sei ja nur eine „Wolfwiler Uhr“. Mit denen kiese man bei ihm die Strassen. Das war wohl ein Aufsteller für mich, der noch nie so weit vorne klassiert war, dass es zu einem rechten Preis reichte. Er sah es mir aber auch sofort an und brachte mich mit etwas anderem zum Lachen. Er war auch ein echter Tourenfahrer. Nicht mit dem Rennrad, sondern mit einem richtigen Halbrenner mit Schutzblechen und Gepäckträger.  In den Knickerbockerhosen und in roten Socken bestritt er viele Jahre lang das Jura-Derby in Boningen. Das ist eine 100 km lange radtourische Rundfahrt über den Scheltenpass. Für ihn war das eine echte Herausforderung. Als er dann pensioniert wurde, fuhr er das Derby nicht mehr am Wochenende, sondern nur noch an Werktagen. Auch bestritt er nicht mehr die grosse Tour, sondern fuhr die kleine Route über fünfzig Kilometer. Diese führte von Boningen nach Balsthal und Mümliswil über die Breitenhöhe nach Langenbruck und Bärenwil. Nun löste er die Startkarte im voraus und wenn schönes Wetter war, zog er los. Er versicherte mir immer wieder, dass er die Startkarte abstempeln wolle, um uns zu beweisen, dass er die Tour  wirklich gefahren sei. Dass ich dies als nicht notwendig erachtete, hinderte ihn nicht daran, dies dennoch zu tun.

Entweder kehrte er im Rest. Chilchli in Bärenwil ein, wo er abstempeln konnte oder er fuhr an einem Donnerstag los. Dann war auf dem Berg oben Ruhetag und er stempelte in Langenbruck auf der Post ab. Der Posthalter gab ihm zwar den Stempel, aber nur wenn er ihm eine Briefmarke abkaufe, denn er dürfe nur solche abstempeln. Wer nun aber meint, Deeser habe eine Fünfer- oder Zehnermarke gekauft, täuscht sich. Nein, er wollte keine Fünfermarke kaufen, sondern eine Vierziger- oder Fünfzigermarke. Erstens könne er sich dies leisten und er möge dem Posthalter den grösseren Umsatz gönnen !!!!

27  der Röstigraben

 

Seit über 40 Jahren fahren wir Radler des VC Born Boningen über den Scheltenpass in den Jura. Die einmalig schöne Landschaft auf der 100 km – Tour und noch ein wenig wilder auf der Strecke über die 140 km sind sicher ein Grund, wieso

viele der TeilnehmerInnen das Jura-Derby gerne bestreiten.

Ich weiss noch gut, wie wir 1976 zum ersten Mal bei Heidi und Ernest Brunner in der Scheltenmühle einkehrten und dort gut bewirtet und auch herzlich empfangen wurden. Es machte mir schon damals viel Eindruck, wie die Leute von ennet dem Berg vorurteilslos mit uns Deutschschweizern umgingen. Für sie gab es keinen Röstigraben und für uns auch nicht, denn die meisten von ihnen sprachen deutsch. Unterwegs sahen wir  Wandmalereien. Diese warben für den „Jura libre“ oder auch das Gegenteil davon. Die meisten von uns waren gar nicht politisch interessiert und fragten nicht nach dem Stand der Dinge oder sogar nach der Einstellung der Leute. So war es interessant zu vernehmen,  dass an der Volksabstimmung vom 24.9.1978 beschlossen wurde, den Kanton Jura zu gründen. Am 1.1.1979 wurde dieser Beschluss auch in die Tat  umgesetzt und der nördliche Teil des Juras trennte sich vom Kanton Bern und wurde als 23. Kanton in die Eidgenossenschaft aufgenomen. Unser Interesse galt aber auch der Geographie und der Schönheit dieser Gegend. Ab 1977 führten wir das Jura-Derby durch. Die ersten 25 Jahre schmückte nebst dem Boninger Spycher das Wappen der jeweils zu durchfahrenden Ortschaft die Medaille. Es dauerte noch viele Jahre, bis man dies im Internet suchen konnte. Vorher musste man sich  noch aufs Velo schwingen und beim jeweiligen Gemeinde-Präsidenten oder auf der Post persönlich vorsprechen und um eine druckfähige Vorlage des Gemeindewappens bitten. Dadurch ergaben sich einige Kontakte mit den Leuten.

So  vernahm ich auch, dass die meisten Gemeinden entlang der Sprachgrenze zwei Namen haben, einen in deutscher und einen in französischer Sprache.

 

Ich bin mir sicher, dass nur wenige    davon Kenntnis haben und möchte mit dieser Aufstellung Ihr Interesse zu wecken.    

La Scheulte (JU) -  Schelten                            Mervelier (BE)      -  Morschwiler                   Corban (JU)         -  Battendorf 

Courchapoix (JU) -  Gebsdorf                           Vicques (JU)        -  Wix                            Vermes (JU)        -  Pferdmund 

Elay (SO)              -  Seehof                             St. Josef (SO)      -  Gänsbrunnen                 Rosières (SO)     -  Welschenrohr                                              Courroux (JU)      -  Lüttelsdorf                          Courrendlin (JU) -  Rennendorf                    Chatillon (JU)      -  Kastel 

Courtetelle (JU)   -  Cortittel                             Bassecourt (JU)  -  Altdorf                          Glovelier (JU)       -  Lietingen 

Perrefitte (JU)      -  Pfeffert/Beffert                      Undervelier (JU)  -  Unterschwiler                 Chatelat (JU)       -  Schestellat 

28  in Luxembourg

 

Als mein Freund Urs in der Quer-Nationalmannschaft war, wurde er für zwei Rennen in Luxemburg eingeladen.  

Wir fuhren am Freitag los und zwar auf Nebenstrassen. Da und dort hielten wir an und machten Einkäufe. Es gab einige Artikel, die viel billiger zu haben waren als bei uns, da galt der starke Franken noch etwas. Wir übernachteten in einer Privatunterkunft. Es waren die Eltern oder Bekannte von Rennfahrern des organisierenden Vereins. Der luxemburgische Dialekt war uns aber fremd und so verständigte man sich halt auf französisch oder auf deutsch.

Am Samstag fand ein Rennen der obersten Kategorie statt, bei dem mit Ueli Müller und Carlo Lafranchi, zwei weitere Schweizer Nationalfahrer starteten. Das Trio holte sich einen Dreifachsieg, Ueli siegte vor Carlo und Urs. Beat und ich halfen beim Velo-wechsel mit. Am Sonntag war Urs als einziger Eidgenosse am Start, weil die beiden anderen einem Start in der Schweiz wegen den höheren Startgagen den Vorzug gaben und so kam es, dass ich auch eine Startgelegenheit erhielt. Es war alles anders als bei uns. Die  Einschreibung fand in einer rauchigen und lauten Bar statt. Eine Garderobe gab es nicht. Man verwies uns auf eine Halle bei der Post, wo wir uns umziehen konnten. Es war Winter, hatte viel Schnee und wdies bei einigen Minusgraden. Wir mussten uns gut aufwärmen, um auf Touren zu kommen. Urs war nun Favorit und lag vom Start weg mit dem deutschen Kunibert Bock  an der Spitze. Mir lief es gar nicht schlecht. Gegen diese Profis und Querfahrer hatte ich aber keine Chance. Als mir Beat einen Kessel Wasser voll ins Gesicht leerte, statt auf die verdreckten Bremsen, war die Moral am Ende. Dann überrundete mich die Spitze. Ich fragte Urs, ob ich zwischen ihn und seinen Gegner fahren oder diesen sogar ausbremsen solle.  Er wehrte ab, denn er sei seiner Sache  sicher. An der letzten Steigung wolle er angreifen und das machte er auch. Wir freuten uns an seinem Sieg und wurden zum Nachtessen eingeladen. Er hatte über tausend Francs gewonnen und die wollte er verpulvern. Bald stellten wir fest, dass das gar nicht so viel war, wie er meinte. Dennoch besuchten wir ein Nachtlokal und assen Sandwiches und Häppchen, währenddem es Schneewittchen mit den sieben Zwergen auf der Bühne trieb. Es war aber eine harmlose Sache und da Urs seine Gattin dabei hatte, wurden wir auch nicht angemacht und in Ruhe gelassen.Spät in der Nacht machten wir uns auf den Heimweg, denn wir mussten am Montag wieder arbeiten. Als Urs zum Spass den Zöllner fragte, ob denn da ein Zug komme, wurde dieser ungehalten. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, um Witze reissen. Die Beamten hatten die MP im Anschlag, denn es war die Zeit der Terroristen. Für mich und Beat war es ein einmaliges Erlebnis, denn wir hatten nur wenige Möglichkeiten, im Ausland Rennen zu bestreiten.

 

29  ausgebremst und skalpiert

 

 Wie bereits in der Radsportepisode über „Deeser“ beschrieben, führten wir in Wolfwil einige kant. Rad-Quers durch. Deeser hatte wieder im ganzen Dorf und der näheren Umgebung bei  Industrie und Handel Naturalpreise gesammelt und stellte diese stolz für unsern Gabentisch zur Verfügung. Bei einer „Wolfwiler-Uhr“ – so einer wie ich damals gewonnen hatte - machte er die Bemerkung: die ist dann für den Letztklassierten bestimmt.  Da seine beiden Buben auch im Verein waren, war er gut im Bilde über die Stärkeverhältnisse der VC Born – Fahrer. Vor allem mit Theo hatte er ein wenig Bedauern. Dieser war gross und schlank, trainierte wohl fleissig, brachte es aber nie auf einen grünen Zweig. Er fuhr und fuhr und wurde doch immer nur  Letzter.

Ob im Zeitfahren, an einem Quer, am Berg oder an einem Kriterium, es gelang ihm einfach nie, die rote Laterne abzugeben  Ihm fehlte es eindeutig ein wenig an Muskelkraft. Nur wenn es ihm einmal besonders gut lief, belegte er den zweitletzten Platz. Am Quer in Wolfwil lief es ihm aber besonders gut. Er war immer noch nahe dran am Zweitletzten. Wir mochten ihm die Uhr gönnen, durften jedoch nichts davon verlauten lassen. Das mussten wir Deeser versprechen. So riefen wir: Hopp Theo, einteilen, einteilen, morgen ist auch noch ein Rennen, denk dran. Und wirklich, er wurde erneut Letzter - ob deswegen oder nicht, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf alle Fälle lachten wir uns deswegen noch lange ins Fäustchen und er freute sich erst recht an seinem gewonnenen Preis.

 

 

          Skalp im Karl-May-Museum        

                                                . Am gleichen Rennen gab es einen Sturz, in den ein Gunzger Fahrer verwickelt war. Peter, genannt „Vogel“ war ein grosser und kräftiger Typ, ein Hüne sogar. Deshalb war er wohl in der Abfahrt nicht der technisch Versierteste. Er verletzte sich zwar nicht schwer und konnte das Rennen lädiert beenden. Nachher gingen wir mit ihm zu den Samaritern, damit seine Wunden an Kopf, Armen und Beinen behandelt werden konnten. Diese baten ihn, auf einem Stuhl Platz zu nehmen. Erstens sei es für ihn gemütlicher, als zu stehen und zweitens können sie ihn so besser erreichen. Er setzte sich hin und in diesem Moment hallte ein Schrei durch das kleine Häuschen. Da der Stuhl ganz nahe an der Wand stand, setzte er sich halt dorthin. In der Wand steckte ein Nagel, an dem früher wohl ein Bild oder ein Barometer gehangen hatte. Beim Absitzen berührte er mit dem Hinterkopf den Nagel. Er verletzte sich dabei zwar nicht, wie man vermuten könnte, sondern seine Perücke (Toupet) blieb an jenem Nagel hängen. Mit seinem verbluteten und auch vom Fahren und Schwitzen her hochroten Glatzkopf sah das so aus, als ob er von den Indianern frisch skalpiert worden wäre. 

Wir lachten noch lange darüber, Peter wohl am meisten, weil er damit die Frauen ungewollt erschreckt hatte. Die Samariterin konnte sich aber bald wieder beruhigen. So etwas war ihr noch nie passiert – Peter und uns aber auch noch nicht.

30  Müsterli vom Bolliger Max

 

Aus Anlass der 100-Jahr-Feier des VC Born Boningen verfasste ich eine Festschrift.

Darin durfte ich auch auf unser Vorbild und Kamerad Max Bolliger (Jg 1917) eine Laudatio halten.

Hier möchte ich nicht auf alle seine Verdienste und erzielten Ränge zurückkommen, sondern auf ein paar lustige Episoden, die wir alle mit ihm erleben durften. So erzählte mir Max einmal, von den Rennen:  (sein Originaltext): 

„ Der Höhepunkt im Verein war die Schweizer-Meisterschaft im 100-km-Mannschaftsfahren 1936 in Muri, wo wir den dritten Rang und damit einen Podestplatz belegten. Präsident „Dätti“ Wyss war ganz aus dem Häuschen und vergoss sogar Freudentränen. Der schöne Pokal wurde auch gebührend gefeiert. Clubwirt Emil Rauber servierte manch edlen Tropfen aus dem Keller. Dazu kamen die vielen kantonalen Rennen,  wo es besonders turbulent zu- und herging. Ich denke da an

Welschenrohr und Laupersdorf, da gab es "Schnäppchen-Preise" wie Lebkuchen, Stalllaternen, Heizöfen,

Zieleinfahrt am Journée Velocio in St. Etienne / France                    Mäusefallen, Velobestandteile und sogar einen Fliegenfänger. Nicht zu verachten waren allerdings die                                                                                                                                  hübschen Ehrendamen. Da konnte man nur sagen: " harte Arbeit – süsser Lohn".  

 

Und weiter aus meiner Sicht: Unzählige schöneTouren haben wir mit Dir erlebt, so 1968, als wir drei Tage lang auf der St. Petersinsel hausten (mit dem Rad natürlich) und lebten wie im Schlaraffenland. 1971 kamst Du mit uns auf die Fahrt über den Gotthard und den Monte Ceneri an die Rad-Weltmeisterschaft nach Mendrisio. Dort durften wir Eddy Merckx erleben, wie er Felice Gimondi ins Schlepptau nahm, um ihn dann kurz vor dem Ziel stehen zu lassen. Viel später kamst Du als 71-jähriger mit uns auf die Diagonale von Romanshorn nach Genf über 357 km und weitere drei Jahre später fuhren wir an die WM nach Stuttgart, wo wir Gianni Bugno siegen sahen. Unvergessliche Tage, auch wenn ich hundert Jahre alt werden sollte. Auf der Heimfahrt über Freiburg hast Du zusammen mit dem ebenso unvergesslichen Peter Wyss einen kleinen Vorsprung uns Jungen gegenüber so hart verteidigt, dass wir Euch erst nach Bubendorf eingeholt haben. Du und alle andern waren so gut in Form, dass wir bis Bärenwil die Kette vorne auf dem grossen Kettenblatt belassen konnten.  (Wenn ich nichts selbst dabei gewesen wäre, würde ich das auch nicht glauben). Jedesmal, wenn ich in Laupersdorf vorbeifahre, denke ich an Dich und zwar wegen dem dort gewonnenen Fliegenfänger. Wir hatten alle mal einen schlechten Tag, aber mit einem Fliegenfänger sind wir noch nie nach Hause gekommen. Du zwar auch nicht, denn Dein Preis landete weiter unten in der Dünnern. In Welschenrohr gewannst Du als Anfänger zwei Flaschen Cognac, die allerdings Deinem Vater mehr Freude bereitet haben als Dir. Als kräftiger, aber nicht dicker Bursche, haben Dir am Bergrennen Hägendorf einige Zuschauer mitleidig zugerufen. Dies stachelte Deinen Ehrgeiz noch mehr an und Du hast wenige Meter später die Kette zerrissen. Da war das Rennen für Dich gelaufen. Und das letzte Müsterli, das mir in den Sinn kommt ist auch schon lange her.

Wir fuhren mit Eisenbahnerkollegen mit der Bahn nach Pruntrut. Von dort aus fuhren wir mit dem Rad durch den schönen Jura bis nach Hause. Nach wenigen Kilometern fuhren wir in Courgenay vorbei. Da hast Du die lakonische Bemerkung fallen gelassen: „Da servierte während des 2. Weltkrieges die Gilberte“. Einer der Kollegen, die Dich noch nicht kannten,

fragte Dich, ob Du den Film, auch gesehen habest. Deine Antwort war der Hammer: Nein, den nicht, aber in Courgenay habe ich den zweiten WK absolviert. Staunen, nachfragen und offene Münder waren die Folge. Da Du auf dem Rad uns gegenüber nicht abgefallen bist, kam keiner auf die Idee, dass Du bereits über 70 – jährig sein könntest. Wir lachten nur und liessen die Unwissenden nachrechnen.  

 

       

31a    lohnende Umwege 

 

In Gansingen im Mettauertal war ein Int. Rad-Quer ausgeschrieben. Wir kannten die Strecke noch nicht und wollten uns diese mal ansehen. Urs war es wichtig, denn als Elitefahrer kam es auf viele Details an wie Streckenwahl, heikle Abfahrten, wegen den Pneus und den Uebersetzungen. Mir ging es einzig und alleine darum, zu schauen, ob es eine schwere, bergige oder morastige Strecke war. Ebenso interessierte es mich die Länge einer Runde. Wenn es für die Amateure in der Kat. B nur fünf oder sechs Runden zu absolvieren gab, stiegen meine kleinen Chancen, klassiert zu werden. Früher musste man bei einer Ueber-rundung unweigerlich ausscheiden. Das wollte ich vermeiden, denn aus dem Rennen genommen tönt nicht viel anders, als aufgegeben.

 

 Da wir alle im Kanton Solothurn arbeiteten, hatten wir an Allerheiligen frei, weil dann ein kantonaler Feiertag gefeiert wurde. So fuhren Urs, Sepp und ich mit  en Querrädern über Remigen nach Gansingen. Das ergab schon mal fünfzig Kilometer und wir fuhren nur wenige Runden auf dem Parcours. 

Am späten Nachmittag nahmen wir den Heimweg unter die Räder und zwar diesmal übers Möhntal und Hornussen nach Frick. Von dort aus fuhren wir bereits angeschlagen über Wegenstetten ins Baselbiet nach Ormalingen und Sissach. Nun hatten wir nur noch den unteren Hauenstein vor uns und die wenigen Kehren und Höhenmeter schafft man auch mit einem in den Schuhen. In Dieptlingen überholte uns ein Auto, das dann kurz vor uns zur Seite fuhr und anhielt. Es war Oswald Schenker, der damalige Sportpräsident des 

Kantons Solothurn. Er hatte uns an den Trikots erkannt und fragte uns nach dem woher und wohin. Wir gaben Auskunft und als er merkte, dass wir alle total erschöpft waren, lud er uns ins nahe Restaurant ein. Bei einem paar heissen Schweinswürstli und einem Mütschli sowie einem Getränk erholten wir uns bald wieder. Wenn mit dem Aufenthalt kaum eine Stunde verstrich, wurde es doch bedrohlich dunkel. 

Keiner hatte Licht am Rad wir befürchteten, dass uns in Trimbach oder Olten ein Polizist über den Weg läuft. Die zu erwartende Busse von zwanzig Franken reute uns. 

So beschlossen wir, oben auf dem Hauenstein rechts abzubiegen, um über Ifenthal und den Chambersberg nach Hägendorf zu gelangen Wie ich noch dort hinauf gekommen bin, weiss ich nicht mehr genau. Es war sicher hart, aber wir hatten mindestens zwanzig Franken Busse eingespart bzw. verdient. 

Oben war es stockdunkel, doch kannten wir den Weg und trotz einer halsbrecherischen Abfahrt kamen wir gut zu Hause an. Die Abfahrt gelang mir besonders gut, denn ich verlor fast keine Zeit bis ganz ins Dorf hinunter. Da es so dunkel war, konnte ich fast nichts erkennen und sah deshalb auch keine Gefahren.

 

31 b    zu schnell abgeladen 

Eine Woche später bestritten wir dann das Querfeldein in Gansingen. Nach der Preisverteilung sassen wir noch lange zusammen im Saal der Turnhalle und hatten es lustig, auch ohne Alkohol. Den brauchten wir nicht,  wir konnten auch ohne gemeinsam  einen schönen und gemütlichen Abend verbringen. Die Heimfahrt führte uns über den Kaistenberg. Die Stimmung im Auto war immer noch gut, fast überbordend. Ein Witz folgte auf den anderen und als wir in der Abfahrt nach Frick ein bisschen zu schnell eine Baustelle passierten, gab es einen Schlag und es stoben die Funken. Wir dachten, die Stossdämpfer an dem alten Skoda seien nicht mehr die Besten und jetzt hätten wir wohl den Boden berührt mit der Oelwanne oder was auch immer zuunterst am Auto hervorrragte. In Olten am Bahnhof liessen wir Walti aussteigen. Er war als Helfer mitgekommen und musste noch zur Arbeit bei der SBB. Er winkte uns noch lange nach und gestikulierte mit den Armen.Zu Hause angekommen, wussten wir, warum er uns so lange nachwinkte. Urs stieg als Erster aus und sagte uns, wir können gleich sitzen bleiben. Wir hätten den Veloständer unterwegs verloren. Wir glaubten ihm nicht und schauten nach. Wirklich, auf dem Dach befand sich rein gar nichts mehr, weder der Ständer, noch die Velos. Wir überlegten, wo das passiert sein könnte. Einhellig waren wir der Meinung, dass der Vorfall in Frick nicht den Stossdämpfern zuzuschreiben war, sondern der heruntergefallene Veloständer war der Grund für den Funkenwurf. Dem war auch so. Zum Glück befand sich die Baustelle in einer Kurve, so dass der Ständer nach dem Aufprall dank der Fliehkraft von der Strasse weg in die Wiese hinaus katapultiert wurde. So war wenigstens weder ein Auto, oder noch schlimmer ein Motorrad oder Velo in diesen hinein gefahren. Die Räder waren arg ramponiert. Die Sättel waren abgewetzt bis auf das Metall, die Bremshebel ebenfalls und das eine oder andere Rad hatte eine acht oder noch mehr. Wenn wir nur die Velos verloren hätten, wäre wohl die Frage aufgetaucht, wer diese so liederlich oder gar nicht befestigt hatte. In diesem Falle wussten wir auch keinen Rat und schrieben das dem Pech zu. 

Ein andermal nach einem Int. Quer in Polen verloren wir ebenfalls den Dachständer auf der Autobahn. Die nachfolgenden Autos fuhren auf und die Polizei wurde eingeschaltet.

Es sah aus, wie nach einem Erdbeben. Nebst einer hohen Busse mussten wir alle Teile zusammen suchen und aufwischen. Die Fahrer wollten oder mussten wohl dem Ausrüster beweisen, dass die Räder wirklich defekt und nicht im Ausland verkauft worden waren. Wer einmal einen Fehler macht, ist nicht dumm, nur wer zweimal den gleichen Fehler macht. Das war uns eine Lehre und es ist auch nie mehr vorgekommen.

32  Timing Total

 

 Vor vielen Jahren wurde ich von meinem Clubkollegen Theo eingeladen, das verlängerte Wochenende mit ihm und seinen Eltern im Tessin zu verbringen. Da der 15. August bei uns ein kant. Feiertag war und auf einen Donnerstag fiel, machten wir die Brücke und  blieben vier Tage dort.  

Wir fuhren mit dem Auto ins Tessin. Anderntags besichtigten wir mit dem Rennvelo die Strecke von Roveredo  nach Laura, denn dort hinauf sollte am Sonntag das Nat. Bergrennen führen. Die steilen Berge waren zwar nicht mein bevorzugtes Gebiet, aber weil ich schon mal die Gelegenheit und so viel Zeit zur Verfügung hatte, wollte ich diese auch zu einer optimalen Vorbereitung nutzen. Wir fuhren in den folgenden Tagen drei mal hinauf und zwar jedes mal so schnell, dass ich meinte, auch am Rennen keine bessere Zeit erreichen zu können. Natürlich schauten dabei wir auf die Uhr, Computer hatte ja noch niemand am Rad. Jedesmal war es 15.01 Uhr, wenn wir beim Restaurant kurz vor dem Ziel vorbei kamen. Da die Ortschaft im bünderischen Misox liegt, führten diese auch das einheimische Calanda Bräu. Ich stellte mir vor, dass so ein Bier nach dem Rennen und bei dem heissen Wetter sicher gut schmecken und erfrischen würde. Also bestellte ich bei der Serviertochter ein Bier, bezahlte es im voraus und vereinbarte mit ihr, dass Sie dieses am Sonntag, punkt 15.01 Uhr auf den äussersten Tisch bei der Gartenmauer stellen solle, mit einem Bierdeckel drauf und mit Stephan angeschrieben. 

Das Rennen ging los und es kam so, wie ich vermutet hatte. Ich konnte zwar nicht mit der Spitze mithalten, kam aber in der von mir selbst auferlegten Zeit die lange und steile Rampe hinauf und traf genau um 15.00 Uhr am Ziel ein. Währenddem sich alle andern weit hinter der Ziellinie, beim Parkplatz oder noch weiter im Feld draussen bei den Eltern oder bei den Begleitern das Portemonnaie holen mussten, kehrte ich um und leerte keine zwei Minuten später den begehrten Gerstensaft genüsslich hinunter. Ich freute mich, dass man sich so auf jemanden verlassen konnte und auch darüber, dass ich für einmal der Schlauere und wenigstens in dieser Angelegenheit der Schnellere gewesen war.

33  zu schön, um wahr zu sein

 

 Ein andermal starteten wir an einem kant. Ma-Fahren in der Kat. B nur zu dritt. Ueli und Hansjörg waren meine starken Partner. Dennoch waren wir gar nicht überzeugt, den Gunzgern Paroli bieten zu können. Als uns das gegnerische Team Ende Ruttiger bereits ein- und überholte, war für uns das Rennen gelaufen. Wir blieben zwar in Sichtweite, doch zu mehr reichte es nicht. In der Spitzkurve oberhalb Aarburg aber, überschlugen sich die Ereignisse.  Die Gunzger stürzten in der Kurve und waren noch immer mit Aufstehen und Velo richten beschäftigt, als wir vorbei fuhren. Ich glaube kaum, dass es Schadenfreude war, denn so viel Pech mag man nicht einmal seinem ärgsten Gegner gönnen, doch war uns allen in dem Augenblick bewusst, dass wir nochmals eine neue Chance erhielten. Wir nutzten diese auch. Der Blick nach hinten bestätigte dies. Von den Gunzgern war weit und breit nichts mehr zu sehen. Klar, dass es bei denen mit der Moral nicht mehr zum Besten stand. Wir fuhren weiter und zwar motiviert und stark wie noch nie. Doch mit nur drei Fahrern lag einfach nicht mehr drin. Am Ziel stellten wir zwar Bestzeit auf und  freuten uns riesig darüber. Doch einige Minuten später wurden wir vom Vierer des VMC Balsthal um wenige Sekunden abgefangen. Mit denen hatten wir nicht gerechnet. An dem Tage stimmte für die Thaler einfach alles. Wohl zehn Jahre vorher und zwanzig Jahre danach waren diese noch nie aufs Podest gefahren, doch diesmal sollte es gelingen. Derweil sie erstmals seit langem auf Touren kamen, wurden die Konkurrenten vom Pech verfolgt. Die Enttäuschung war gross, doch wäre uns die Endzeit der Balsthaler im voraus bekannt gewesen,  hätten wir wohl auch nicht mehr zusetzen und etwas daran ändern können.

34  falsch gepokert

 

 Als der VC Gunzgen ein Nat. Strassenrennen für Gentlemen organisierte, nahm unser ganzes Team daran teil. Die Strecke rund ums Gäu war relativ flach und ich konnte gut im Felde mithalten. Weil ich wie immer ein wenig Angst hatte, im Felde zu fahren, gab es nur einen Ausweg. Entweder ganz vorne fahren oder ganz hinten. Weil es aber in der letzten Runde zu regnen begann und sich wenige Meter vor der Zielkurve ein Fussgängerstreifen befand, war ich deswegen skeptisch. Ich hatte viele Jahre zuvor an der Vierkantonerundfahrt  in Zürich bei den Profis gesehen, wie der Italiener Franco Bitossi links an einer Verkehrsinsel vorbeipreschte und das ganze Feld narrte. Bis die den Ausreisser bemerkt hatten, war „il cuore matto“ längst auf und davon und gewann den Klassiker solo. Mit viel Moral (weiss zwar auch nicht woher) versuchte ich es auf dieselbe Art. In Härkingen, rund zwei Kilometer vor dem Ziel, bot sich Gelegenheit dazu. Ich fuhr mit einem Rush links vorbei und zog durch. Die Wahl der richtigen Uebersetzung spielte früher bei der Rahmenschaltung eine noch grössere Rolle als heute. War einmal ein Gang eingelegt, galt es auch, diesen durchzuziehen. Die Wahl war wohl richtig getroffen, denn ganz oben auf der Autobahnbrücke, war ich immer noch an der Spitze und  wurde von meinen ungläubigen Clubkollegen so kurz vor dem Ziel mächtig angefeuert. Als ich mich jedoch umwandte, um zu schauen, wie gross mein Vorsprung betrug, stockte mir der Atem. Nur fünfzig  Meter hinter mir reihten sich die schwarz/weiss Trikots meiner Clubkollegen und die rot/gelben der Gunzger wie an einer Perlenkette eingereiht zu  einer Verfolgungsjagd ein. Meine Moral war am Boden, das hatte ich wirklich nicht erwartet. Gleich darauf wurde ich ein- und überholt. In der letzten Kurve vor dem Ziel, fuhren  trotz Regen und glitschigem Fussgänger-streifen, alle, aber auch wirklich alle Fahrer des Feldes, an mir vorbei. Ich wurde zeitgleich mit dem Sieger Letzter und wurde nicht mehr unter den ersten hundert klassiert. Das war mir noch nie passiert, so nahe am Erfolg und doch so fern !

35  der Hungerast

 

Einen Hungerast hat jeder schon erlebt, auch ich. An den Schlimmsten mag ich mich aber noch ganz gut erinnern. Als jungen Rennfahrer trainierten wir an einem rennfreien Sonntag über eine lange Distanz. Ueber den oberen Hauenstein nach Waldenburg und Liestal, Sissach, dann durchs Oristal nach Büren und Seewen gelangten wir ins Schwarzbubenland, um dann von Breitenbach her, über den Passwang nach Hause zu gelangen. Ich war bereits jenseits der Jurakette platt wie ein Kuchenteig und schaffte es mit letzter Anstrengung geade noch über den Passwang. Die Abfahrt versprach ein wenig Erholung und dann ging es ja nur noch flach. Denkste, die wollten nicht einfach nur noch nach Oensingen und durchs flache Gäu nach Hause fahren. Die Breitenhöhe oberhalb Mümliswil musste auch noch ins Programm aufgenommen werden. Diese war zwar kurz, aber steil und mit 847 m.ü.M. doch mehr als nur ein Hügelchen. Zum Schluss ging es noch über die Rampe nach Bärenwil. Das ist zwar immer nur eine Ansichtssache, je nachdem wir einer „zwäg“ ist. Halb oben musste ich aber doch abreissen lassen und sagte meinen Kollegen, sie sollen weiter fahren. Ich komme schon noch irgendwie nach Hause. Wegen der grossen Hitze wurde mir fast schlecht, sicher aber auch wegen Durst und Hunger. So stoppte ich meine Fahrt bei einem Bänkli und trank etwas, dann legte ich mich hin. So döste ich vor mich hin und hörte den Lärm von Kindern, welche am Bach unten spielten. Mami, schau, jetzt ist er eingeschlafen und schau mal, jetzt bewegt er sich wieder, waren die Worte, welche ich hörte. Das brauchte ich nicht und stand auf, um weiter zu fahren. Der Kommentar der Kinder liess nicht lange auf sich warten. Erst als ich ausser Hör- und Sichtweite der Rasselbande war, gelang es mir meinen Rythmus zu finden. Wohl eine Stunde später als die andern traf ich total entkräftet endlich zu Hause ein.

36  von Boningen nach Zermatt

 

 Heute würden wir das nicht mehr machen, doch 1991 war dies nichts Aussergewöhnliches. Wir beschlossen, eine zweitägige Tour mit dem Rennvelo zu unternehmen. Diese sollte uns von Boningen nach Zermatt führen und dies in einem Tag. Dass dabei eine Distanz von über 250 Kilometern zurückgelegt werden musste war klar, ebenso aber auch, dass da ordentlich Höhenmeter zu bewältigen waren. Mitten im Sommer starteten wir an einem Samstagmorgen Richtung Westen, um nach der Passage von Thun in Oberhofen einzutreffen. Hier wartete unser Begleitauto mit einem währschaften Znüni auf uns. Mit Bauernbrot und Schinken sowie Tee und Kaffee wurden wir verpflegt. Weiter ging die Fahrt entlang dem Thunersee bis Interlaken. Bald einmal trafen wir in Meiringen ein und fuhren nach Innertkirchen. Hier verschlechterte sich das Wetter von Minute zu Minute und der leichte Nieselregen begleitete uns bis hinauf auf den Grimselpass. Es war nicht nur unangenehm, sondern wurde immer kühler.  Oben warteten die Begleiterinnen mit heissem Tee und Nussgipfeln sowie warmen Wolldecken auf uns.

                   Zwischenhalt in Ulrichen                                               Wir befürchteten, in der Kälte richtig einzugehen. Doch siehe da, wir  waren einmal auf der glücklichen Seite.

Nur wenige hundert Meter nach der Passhöhe schien die Sonne und es sollte so bleiben bis am Sonntagabend. Nach einer rasanten Abfahrt warteten wir in Gletsch aufeinander und setzten dann die Fahrt bis Ulrichen fort. Hier hatten wir das Mittagessen in einem Restaurant reserviert und nahmen dieses auch dort ein. Anschliessend fuhren wir entlang der Rhone bis Brig und Visp. Dort begann der lange und steile Aufstieg nach Stalden und St. Niklaus. Bald splitterte sich die Gruppe auf. Jeder fuhr seinen Tritt nach seinen Möglichkeiten.

Das war wohl das Beste so, denn nach der Passage des Schuttkegels von Randa (Felssturz kurz vorher) war keiner am Ende seiner Kräfte. Wir fanden uns dort wieder und fuhren mehr oder weniger gemeinsam in Täsch ein. Dort warteten wir auf den Letzten und das Begleitauto. Dieses durfte nur mit einer Sonderbebewilligung nach Zermatt fahren.

Wir bestellten die Getränke und ich bestellte für Peter, den ich bereits draussen ankommen sah, eine heisse Ovo statt ein Bier. Trotz der Höhe war es heiss und der Schweiss floss in Strömen. Mir war klar, dass er das nie trinken würde, denn er zog ein kühles Bier (von der Kellerstiege) jedem andern Getränk vor. Er hatte sich auch kaum zu uns gesetzt, wurde ihm schon die Ovo serviert. Er staunte nicht schlecht, wusste aber genau, dass ihm damit jemand einen Streich spielen wollte. Ich staunte aber noch mehr, denn statt  auszurufen und zu poltern, fragte er die Serviertochter nett, ob Sie die Ovo mit heissem Wasser oder mit heisser Milch angemacht habe. Sie antwortete wohl nicht ganz wahrheitsgetreu, dass Sie Ovo nur mit heisser Milch ausschenken. Da stiess Peter die Tasse von sich und meinte dazu, er könne das leider nicht trinken, er habe eine leichte Milchallergie. Ich nahm die Ovo zu mir und bestellte ihm ein Bier, so wie er es auch getan hätte. Er lachte und schaute mich nur an und dankte. Er wusste wohl gleich, wem der Streiche ganz schön in die Hosen gegangen war. Nach einem Trunk fuhren wir wie die wenigen Kilometer nach Zermatt und trafen dort wie geplant gemeinsam ein. Wir hatten einen ehemaligen Clubkameraden, der uns dort mit seinen Kollegen des VC Simplon Brig erwartete. Bei einem Apéro und viel und gutem und kühlem Weisswein wurde erst mal angestossen. Nach dem Zimmerbezug gingen wir duschen und einige liessen sich noch massieren. Mit einem Riesenappetit verschlangen wir alles, was uns aufgetischt wurde. Da es gut und reichlich zu Essen gab, (es isch de für  ne Gsunde) vertraten wir uns noch im Ort die Beine. In einem anderen Restaurant kehrten wir erneut ein und futterten gleich nochmals einige Kalorien nach. Am Morgen nach der Tagwache und dem Frühstück wollte ich noch oberhalb Zermatt ein Foto vom Matterhorn machen. Am Abend hatten wir dieses wegen den Dächern der Häuser nicht mehr gesehen und noch viel später war es zu dunkel. Nach dem obligaten Bild ging es los. Die rassige Abfahrt bis Visp gefiel mir zwar, doch traf ich dort als Letzter ein. Ich hatte diese sehr genossen, doch war ich noch immer nicht so verwegen, dass ich den besten  Abfahrern folgen konnte. Ab Visp ging es einige Kilometer bis Gampel. Dort begann der Aufstieg nach Goppenstein. In den Galerien war es lärmig und ungemütlich, denn der Widerhall der Autos machte mich ein wenig nervös. Oben verluden wir die Räder in den Zug bis Kandersteg, um anschliessend in rauschender Fahrt nach Spiez zu gelangen. Dort wartete erneut das Verpflegungsteam auf uns und wir tankten auf. Via Thun und Jassbach fuhren wir locker ins Emmental hinüber und bald einmal trafen wir in heimatlichen Gefilden ein. Die vielen Abfahrten und wenig Gegensteigungen führten dazu, dass wir zwei Stunden früher in Boningen eintrafen, als geplant. So mussten wir uns wohl oder übel bei einem oder waren es zwei Bier in der Gartenwirtschaft des Clublokals auf den angekündigten Empfang warten. … und für einmal motzte niemand !

37  Indianerlis

  

Wir hatten an den Quer-Cup-Rennen oft  schlechtes Wetter. Als es im November an einem Rennen in Schlossrued gar schneite, hatte die Jury alle Hände voll zu tun. Man konnte die Startnummern wegen des angespritzten Dreckes kaum lesen und es wurde hektisch, hatten wir doch ein Feld von über fünfzig Fahrern und einer Fahrerin zu klassieren. Ein zufällig anwesender und hilfsbereiter Zuschauer musste einige Meter vor dem Ziel den Vorbeifahrenden mit einem Schwamm und Wasser die Nummer abwischen, um diese wieder leserlich  zu machen. Von dieser Fahrerin soll aber noch die Rede sein. Sie hiess Beatrice und war eine junge, hübsche Frau. Sie kam wohl direkt von der Arbeit, denn Sie war noch grell geschminkt und hatte keine Zeit gefunden, sich vorher abzuschminken.  Das hätte sie aber tun sollen, denn nach dem Rennen verlief alles im Gesicht zu einer farbenfrohen Maske. Wir lachten uns halbtot und sie wusste nicht einmal warum. Als ein Fahrer fragte, ob sie auf dem Kriegspfad sei und zu welchem Stamm sie denn gehöre, dämmerte es

                                              ihr ein wenig und sie lachte mit uns um die Wette

38  Quer durch die Schweiz

 

 Es muss ja nicht immer lustig zu- und hergehen, es reicht, wenn es nur gemütlich und schön ist. So wollten wir 1988 mit mehr als einem Dutzend Mitglieder jeglichen Alters die Diagonale von Romanshorn nach Genf über 357 km bestreiten. Wir wollten in der Jugend-herberge in Romanshorn übernachten, doch die nahmen keine Reservationen per Fax oder telefonisch entgegen. Man musste sich vor Ort einschreiben. So fuhr ich (mit GA) eine Woche vorher persönlich an den Bodensee, um die Betten zu reservieren. Ich nahm meine kleine Tochter mit und da die Herberge erst um 16 Uhr geöffnet hatte, machten wir uns einen schönen Nachmittag am See beim Schwäne füttern und Eis essen. Item, es hat dann doch alles geklappt und so fuhren wir eine Woche später am Freitagabend mit der SBB nach Romanshorn und nahmen die Räder mit. Max war mit 71 Jahren der Aelteste, Peter mit 17 der Jüngste der Teilnehmer.

Wir assen viel und gut und gingen auch früh in die Federn. In aller Hergottsfrühe wurden wir wie vereinbart geweckt und es gab ein reichliches Frühstück. Vor allem die Teigwaren waren gefragt, wussten wir doch, was uns bevorstand. Der Massenstart mit einigen hundert Teilnehmern war speziell. Es war noch dunkel und man musste viel Abstand halten zwischen sich und dem Vordermann.

Trotz aller Vorsicht kam es zu Stürzen. Vor allem durch Zürich mit den vielen Tramschienen ging hie und da einer zu Boden.

Da von uns keiner betroffen war, waren wir bereits happy und blieben bis zur ersten Steigung zusammen. Wir hatten uns keine Zeit vorgenommen, sondern hatten nur das eine Ziel: dass alle zusammen in Genf einfahren. So warteten wir ab und zu auf die Nachzügler oder liessen es gar nicht so weit kommen, dass einer von uns abgehängt wurde. In Wangen bei Olten gab es eine weitere Verpflegung und da warteten unsere Familien auf uns, um uns anzuspornen. Es war eine herrliche Tour. Bis Murten lief alles wie am Schnürchen, nach Lausanne wurde es härter. Mit rund 300 km in den Beinen konnten nicht mehr alle an der Führungsarbeit teilhaben und so wechselten wir uns nur noch zu zweit ab. Als dann der Quai von Genf mit dem Spritzbrunnen von Weitem sichtbar wurde, war uns klar, dass wir das Ziel gemeinsam erreichen würden. Jeder durfte stolz sein auf seine Leistung. Ich war es auch, denn wir hatten den Plausch und es war kein Rennen. So klinkten wir beim Teufelslappen, also einen Kilometer vor dem Ziel aus und liessen die anderen den Sprint der Gruppe unter sich ausmachen. Im Anschluss erhielten alle ein gleich grosses Bier auf den Tisch gestellt und auf dem Heimweg im Zug am gleichen Abend noch, schliefen alle gleich gut bis Olten.

39  Schlammschlacht(en)

 

Ende Januar 1988 fanden in Hägendorf die Rad-Quer-Weltmeisterschaften statt. Sowohl im Vorfeld dieses megagrossen Anlasses, als auch die Rennen selber, waren eine Schlammschlacht sonder-gleichen…….. und erst das Nachspiel !

Dieses war so ereignisreich und dauerte so lange, das selbst der „Blick“ die ganz grossen Lettern für die Titelseite hervorholen musste. Ich habe den Bibeltext leicht abgeändert und behaupte deshalb:   

Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ich an dieser Geschichte etwas erfunden, gelogen oder abgeändert habe, auch wurde nichts bewusst weggelassen. 

Nun, ganz von vorne:  Georg K. war ein Schumacher aus Hägendorf und er war  Initiant der ganzen Affäre.

Er hatte schon einige kantonale und nationale Rennen organisiert, doch das war nun von weit grösserem Kaliber. Etwas noch nie Dagewesenes, die WM in Hägendorf, meinen Bürgerort und dort, wo ich geboren und 

aufgewachsen war. Ich erinnere mich noch an jedes Detail, obwohl ich ausnahmsweise nichts mit der

v.l.n.r. Beat Breu (3.) Pascal Richard (1.) Adrie van der Poel (2.)    Organisation zu tun hatte. Für einmal wollte ich nur als zahlender und geniessender Zuschauer dabei sein.

                                                                                                                  Der Organisator war nicht über alle Zweifel erhaben und hatte nicht den besten Ruf, denn er schlug sich mit der Organisation von Lottomatches und anderen dubiosen Geschäften mehr schlecht als recht durch, zudem hatte ich wenige Jahre vorher wegen ihm einen grossen finanziellen Schaden erlitten. Und wenn ich gross sage, meine ich wirklich gross ! Aus diesem Grunde war ich für alles Geld dieser Welt und trotz vielem gutem Zureden für ein Mithelfen an diesem Anlass nicht zu bewegen.  Swiss-Cycling, damals noch SRB, hatte den Zuschlag vom UCI erhalten und schrieb die Veranstaltung aus. Aus der Region bewarben sich nur Hans Weber, ein Industrieller aus Herzogenbuchsee und der VMC Safenwil. Ein seriöser Verein, der schon viele Int. Quers erfolgreich durchgeführt hatte und erst noch solvent war. Die Safenwiler waren gut vorbereitet und schon im Vorfeld boten diese dem Organisator aus Hägendorf einen fairen Betrag an, damit er nicht mitbieten oder zumindest ihr Angebot nicht überbieten würde. Viele redeten Georg K. gut zu, er solle es ja nicht übertreiben. Doch es fruchtete alles nichts. Georg K. liess verlauten, er biete mit, bis auch dem Letzten der Schnauf ausgehen würde. Er bot und bot, bis er zuletzt alleine dastand und für die sagenhafte Summe von Fr. 585‘000.-- den Zuschlag erhielt. Die Safenwiler hatten vor, nicht mehr zu bieten, als budgetiert und auch möglich war. Sie sahen es realistisch und steigerten sich im Gegensatz zum Hägendörfer nicht in einen Rausch hinein. Georg K. hatte zwar eine Bankgarantie über Fr. 300‘000.--. Für diese bürgten Dölf Märki als Besitzer von Möbel Märki in Hunzenschwil mit Fr. 100‘000.--. Diese Firma hatte sich als Sponsor im Radsport ebenso einen Namen gemacht, wie die MONDIA Fahrradwerke aus Balsthal, die für den gleichen Betrag zeichneten. Der grosse Unbekannte war der Dritte im Bunde. Ein gewisser Gianni Sartori, Vermarkter aus Italien, wollte mit METAXA für sein Produkt werben. Er habe den guten Riecher für lukrative und geldbringende Geschäfte, wurde ihm angedichtet.

Das kann man verstehen wie man will. Er machte einfach alles zu Geld, auf welche Art auch immer, ohne dahinter etwas Schlechtes zu sehen ! So wurde seine Werbeagentur mit dem Marketing beauftragt. Der lange Rede kurzer Sinn: es ging alles, wirklich alles in die Hosen. Sartori  hatte die Rechnung ohne den Wirt (UCI) gemacht. Metaxa, sein Produkt, war ein griechischer Branntwein und Werbung für Alkohol im Sport war damals schon verboten. So wurde er nicht zugelassen und die Organisatoren hatten bereits vor dem Rennen Schulden in Hülle und Fülle, denn das Budget ging von mehr als einer Million Franken aus. Das war nicht mehr nur durch die Zuschauereinnahmen zu bewerkstelligen. 

 

Das Militär, aufgeboten vom damaligen Militärdirektor und Regierungsrat Godi Wyss, half beim Bau der Strecke mit. Der Kanton bewilligte die Sperrung der Kantonsstrasse zwischen Hägendorf und Egerkingen. Diese diente als breite und lange Zielgerade, zudem hatte es jede Menge an Parkplätzen. Wie mir ein Dabeigewesener versicherte, waren die Soldaten mit viel Elan und Freude bei der Arbeit, obwohl es kalt und dreckig war, tiefster Winter einfach. Sie waren mit der Gegenleistung des Veranstalters mehr als zufrieden. Jeder erhielt freien Eintritt zu den Rennen sowie diverse Sportartikel wie Trainer, Jacken, Taschen und Schuhe als Belohnung und die Zeit wurde als WK angerechnet.  

 

Zu den Rennen selber:  Am Samstag trugen die Junioren und Amateure ihre Titelkämpfe aus. Die Kat. U23 sowie Damen waren an einer WM noch nicht im Programm. Auf einer schweren und durch den vielen Regen und Schnee aufgeweichten Strecke schwang der Schweizer Thomas Frischknecht klar obenauf und dies erst noch vor den Augen seines Nationaltrainers Kurt Bürgi, dieser ebenfalls aus Hägendorf. Was war das für ein furioser Start der Eidgenossen. Er liess Grosses erahnen und erhoffen und die zahlreich auf-marschierten Fans erwarteten auch am Sonntag bei den Profis ein ähnlich gutes Abschneiden. Bei den Amateuren sicherte sich der Zürcher Oberländer Roger Honegger, auch er ein begnadeter Läufer, souverän die Silbermedaille hinter dem Tschechen Karel Camrda und noch vor dem Dänen Henrik Djernis. Den Fotoapparat brauchte ich nicht mehr hervor zu holen, denn die Niederschläge waren so intensiv, dass beim Knipsen nichts Rechtes mehr heraus kam. Der Einheimische und von uns besonders lautstark unterstützte Dieter Runkel kam auf den guten und ehrenvollen 7. Rang. Obwohl auch er ein excellenter Läufer war, schlossen die Verfolger in der langen Abfahrt und auf der ebenso langen Zielgeraden immer wieder zu ihm auf. Irgendwann war dann sowohl die Kraft, als auch die Moral nicht mehr vorhanden zu mehr. 

 

Am Sonntag glich der Parcours einer Motocross-Strecke. Braun in braun und hie und da ein Grashalm, aber nicht grün oder hellgrün, sondern einfach ein bisschen weniger braun als die Umgebung. Wie lachten wir, wenn eine „Dame“ in Stöckelschuhen einsank oder diese sogar stecken lassen musste oder wenn jemand in den Dreck fiel. Das war für die oder den Betroffenen kein Zuckerschlecken mehr und mehr als unangenehm. Wer jedoch an so vielen Quers dabei war, weiss sich zu helfen. Wir trugen  Gummistiefel mit zwei oder drei paar

Socken sowie warme Sachen, breitrandige Hüte und Regenjacken. Zudem trugen wir den Kafi fertig im Wärmebehälter auf dem Rücken mit uns. Einer trug diese Last und der andere bediente den Auslasshahn am Rücken und führte die Becherli mit sich. Das Rennen der Profis hatte es in sich. Es schneite und regnete einmal mehr und die Fahrer mussten noch längere Strecken zu Fuss zurücklegen als üblich. Der deutsche Mike Kluge hatte sich bereits vor dem Rennen gegen die vielen Laufpassagen ausgesprochen und malte sich das Gesicht nach Art der Indianer bunt an und protestierte so, indem er gegen die Fahrrichtung marschierte und fuhr, wo es halt eben möglich war. Er hatte wohl nicht so unrecht, aber so schlimm wie an der WM 1979 in Saccolongo/It war es dann doch nicht. Dort gewann der mehrfache Weltmeister Albert Zweifel in einem langen Rennen bei den Profis über

1 Std und 28 Min über vier Minuten vor dem Romand Gilles Blaser und fast achteinhalb Minuten vor dem Belgier Robert Vermeire. Eine Zerrung von Peter Frischknecht verhinderte den totalen Schweizer Triumpf. Bei den Amateuren setzte sich der italienische Zweimeterhüne Vito di Tano mit seinen raumgreifenden Schritten vor dem Holländer Hennie Stamsnijder und dem Schweizer Ueli Müller durch.  

Mit einem Blitzstart begann das Rennen und der geschlossene Pulk bog in die Wiese ab. Nur der über 40-jährige Hans Muller, ein schweizerisch-australischer Doppelbürger, kam bereits weit abgeschlagen als Letzter in den Dreck. Er wurde aber von allen bewundert und erntete sicher ebenso viel Beifall wie die Spitzenfahrer. Bereits nach der ersten Zielpassage konnte man die Gesichter der Fahrer nicht mehr erkennen, nur wenig später waren auch die Startnummern völlig verdreckt. Eine weitere Runde später waren die so farblich unterschiedlichen Trikots nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Wenn hie und da etwas Rotes hervorguckte, dann war ein Eidgenosse darunter zu vermuten, sah man etwas Hellblaues oder etwas Gelbes, steckte sicher ein Belgier drin und kam etwas Azzurblaues zum Vorschein, durfte von einem Italiener ausgegangen werden. Hie und da sah man etwas Oranges, dann war das wohl  ein Holländer, der sich durch den Schlamm kämpfte. Die weissen Trikots der Deutschen und Polen sowie viele andere waren gar nicht mehr zu erkennen. Gemäss Reglement dauert ein Rennen an der WM eine Stunde und eine Runde. Noch vor Rennhälfte konnte sich der Schweizer Pascal Richard ein wenig absetzen. Die Spannung stieg ins Unermessliche. Konnte der Romand durchziehen ? War er nicht doch ein wenig zu früh losgefahren ? Hinter ihm drückte vor allem der Holländer Adrie van der Poel bedrohlich aufs Tempo und Beat Breu blieb ihm auf den Fersen. Der mehrfache Weltmeister Albert Zweifel war zwar auch ein ausgezeichneter Läufer, doch war er damals bereits 39 Jahre alt und der grosse Altersunterschied machte sich mehr und mehr für ihn negativ bemerkbar. Er konnte in dieser Dreierspitze nicht mehr mithalten. Man glaubte es kaum, denn als der Führende vermeintlich letztmals beim Ziel vorbei kam, zeigte die Uhr erst 59 Minuten und 48 Sekunden an. Die Zeitmessung war allerdings für die Fahrer erst nach Passage der Ziellinie sichtbar. Dennoch, der in Führung liegende Richard konnte und durfte nicht absichtlich bremsen, um dann nur noch eine Runde zurücklegen zu müssen, denn von hinten drohte Gefahr. So fuhr er voll zu und die Jury zeigte ihm noch zwei zu absolvierende Runden. War das aber hart für die Fahrer ! Trotz der schweren Strecke und den garstigen Bedingungen hatte niemand den Mut, die letzte Runde anzuzeigen und einzuläuten. Die Kommissäre handelten nicht nach gesundem Menschenverstand, sondern strikte nach Reglement. So war denen im juristischen und sportlichen Sinne im Nachhinein nichts vorzuwerfen. Der Sieger war lange unterwegs. Statt 1 Stunde und ca. 8 Minuten dauerte seine Leidens- aber auch Triumphfahrt ganze 12 Minuten länger als normal und die Letzten waren weit mehr als anderthalb Stunden unterwegs. Hinter dem Sieger und neuem Weltmeister Pascal Richard konnte sich der Holländer Adrie van der Poel die Silbermedaille knapp vor dem Schweizer Beat Breu sichern. 

Wir waren begeistert von den gezeigten Leistungen und die Fahrer schlotterten auf dem Podest. Zum Glück konnte ich mich kurz danach in meinem Elternhaus in Hägendorf am Ofen aufwärmen und trockene Kleider anziehen. Ob ich mir noch eine heisse Ovo genehmigte oder ob es doch ein weiteres Kafi fertig war, weiss ich nach so langer Zeit wirklich nicht mehr. Das wäre eigentlich das Ende der Geschichte, doch diese ging weiter. Noch jahrelang las man davon in der Zeitung.  Als die vielen Sandwiches und die Getränke für die grosszügig aufgezogenen Presse-Konferenz mit Apéro  nicht bezahlt werden konnten, wurden nicht nur die Lieferanten hellhörig. Auf Intervention des Betreibungsamtes und eines Mitorganisatoren erschien die Polizei auf dem Platze und beschlagnahmte die Kassen mit den Einnahmen aus dem Billetverkauf.  Einzig bei der Tombola und in der Festwirtschaft soll es mit rechten Dingen zugegangen sein. Die Eintrittsbillets mussten nur wenige Tage vor dem Rennen nachgedruckt werden, weil Fälschungen aufgetaucht waren. Ebenso gab es nur ein „Not-Programmheft“, angeblich weil die Druckerei in Italien in der Woche vor dem Rennen ein Raub der Flammen wurde. Wie viel dabei Sartori die Finger im Spiel hatte, ist nicht bekannt. Er selbst hat es ganz sicher nicht angezündet. Im Depot beim Restaurant Tell kamen hunderte von WM-Plakaten in Weltformat zum Vorschein. Diese hätten schweizweit angebracht werden sollen. Aus Zeit- oder Geldmangel verliessen diese aber das Lager nie. Einzig die Landwirte kamen nicht zu kurz. Diese hatten, bauernschlau wie immer, im voraus eine Bankgarantie gefordert und auch erhalten, denn im Frühling konnte sich jeder einen neuen Traktor leisten, obwohl sich der Landschaden im Rahmen hielt und weit tiefer ausgefallen, als befürchtet worden war. Die Strecke zeigte sich bald einmal in hellem Grün, war doch der Boden so gut umgewühlt worden, dass es das gesäte Gras umso besser spriessen liess. Einzig viele verlorene Schuhe oder umgekrempelte Schirme und vom Sturmwind weggewehte Mützen mussten noch zusammen gelesen und entsorgt werden.

Ganz zum Schluss hatte ich aber doch noch Grund zur Freude: Meine liebe Frau und viele andere Kollegen gratulierten mir dazu, dass ich da nicht voll hineingeschlittert war.

Ich hatte meine Lehre daraus gezogen und kann andern Veranstaltern und vor allem den Helfern nur dazu raten, sich das vorher zu überlegen und zwar: 

 

                                                                                                                   „Was kann ich zum guten Gelingen beitragen“ und nicht „was schaut am Ende für mich heraus“ ?

 

Resultate der WM in Hägendorf 

Junioren:     1. Thomas Frischknecht, SUI.  2. Maik Müller, BRD.           3. Daniel Rech, CZE

Amatere:     1. Karel Camrda, CZE              2. Roger Honegger, SUI      3. Henrik Djernis, DEN

Profis:          1. Pascal Richard, SUI             2. Adrie van der Poel, NED 3. Beat Breu, SUI

40  dunkle Wolken über dem VC Born

 

 Im Sommer 1988 besuchte unser Verein eine Volksradtour in Kaisten. Die jüngeren Mitglieder fuhren weiter, um an einer anderen Tour noch einen Stempel zu holen.

Diese musste bekanntlich nicht bestritten werden, wenn der Anfahrtsweg mehr

als 15 km betrug, denn zusammen mit dem Rückweg kam man dann auf  weit mehr, als die geforderten 30 km. Dies war die Mindestdistanz für eine VRT. Max als Aeltester blieb noch ein wenig sitzen und fuhr dann zusammen mit seinem Kollegen Richard direkt über den Kaistenberg nach Hause. Zumindest hatten die Beiden dies vor. Es hatte nicht sollen sein. In der Abfahrt nach Frick liessen es die Beiden wie gewohnt sausen, da nahte das Unheil. Ein Automobilist, der einen über den Durst getrunken hatte, fuhr in einem Höllenzahn den Berg hinauf. In der Kurve bei den Panzersperren machte er einen Schwenker auf die Gegenfahrbahn und kollidierte verhängnisvoll mit unserem Freund Richard. Das Auto erwischte  den Velofahrer frontal, so dass ihm keine Chance mehr blieb. Max mit seiner Routine als Ex-Profi machte einen Schwenker ins Wiesland hinaus, wo er ohne zu stürzen und unverletzt viel weiter unten anhalten konnte. Die traurige Bilanz: Unser Freund Richard, erst 44 Jahre alt geworden,  erlag noch am Ort seinen schwersten Verletzungen. Nur einige hundert Meter weiter unten lag zudem ein Motorradradfahrer in der Wiese. Dieser war ebenfalls mit dem betrunkenen Autofahrer kollidiert und verlor dabei einen Fuss. Das war ein rabenschwarzer Samstag für den Verein und uns Alle. Die Polizei und die Sanität machten zwar das Möglichste, doch blieb ein schaler Nachgeschmack. Max wurde auf dem Posten befragt und dann nach Hause geschickt. Er musste in seinem Schock mit dem Velo noch über das Benkerjoch nach Hause fahren. Dort war er immer noch von den Ereignissen gezeichnet und erzählte seiner Frau das Erlebte. Er muss wohl allerhand durcheinander gebracht haben, denn diese rief sofort  meine Gattin an und versuchte ihr schonend zu erklären, dass ich bei einem Verkehrsunfall mein Leben lassen musste. Meine Frau hätte wohl ein „Herzchriesi“  eingefangen, wenn das gestimmt hätte. Zum Glück sass ich neben ihr auf der Couch, denn ich war an diesem Tag ausnahmsweise nicht mit dem Verein unterwegs, sondern anderweitig beschäftigt. Im Nachhinein haben wir erfahren, dass der Unfallverursacher ein „feiner“ Herr gewesen sei, ein Offizier und erst noch ein Dr. Chemiker.

Das heisst alles nichts, denn einen Tag vor dem längst erwarteten Prozess entzog er sich feige seiner Verantwortung durch eine selbst beigebrachte Bleivergiftung.

41  Rechtsumkehrt

 

1989, als ich vierzig Jahre alt war, fand in Zofingen den ersten Duathlon statt. So hat zwar damals noch niemand gesagt, man sprach vom Run & Bike. Ich meldete mich an und freute mich darauf. Im Laufen hatte ich zwar auch nie zur Spitze gezählt, doch die zwei mal sechs  Kilometer sollten  zu bewältigen sein.   

Zuerst ging es steil bergauf auf den Heiterenplatz. Ich musste meinen Lauf gut einteilen und war bald einmal wie erwartet weit hinten anzutreffen. Oben auf dem Platz spielte eine Guggenmusik und die zahlreichen Zuschauer feuerten uns lautstark an. Plötzlich kamen uns Läufer entgegen. Dédé, ein Clubkollege rief mir zu, dass ich umkehren solle. Sie seien alle falsch gelaufen. Statt mit den Abschrankungen den Wendekreis für die Läufer einzugrenzen, wurden diese stabilen Gitterzäune dazu verwendet, die zahlreichen Zuschauer von der Guggenmusik fernzuhalten. So begann alles von vorne. Da ich durch das Missgeschick nun weit vorne lag, stieg die Moral und ich klemmte mich auf dem Rad recht in den Hintern. Als ich Richtung Pfaffnau Fahrer um Fahrer ein- und überholte, flog ich nur so dahin.

Mit grosser Befriedigung durfte ich feststellen, dass die mit modernen Zeitfahrmaschinen ausgerüsteten Duathleten am Berg ebenso hart zu kämpfen hatten wie ich. Der Bodenberg wurde gut gemeistert, wie die so unbeliebte Steigung zum Bowald auch. Nach der Abfahrt traf ich wieder in Zofingen ein, wo die Laufschuhe nochmals geschnürt werden mussten. Ich hielt mich ansprechend, doch am Ende liessen die Kräfte nach und kurz vor dem Ziel überholte mich eine junge Läuferin. Ihre zu Zöpfchen geflochtenen Haare baumelten bei jedem Schritt hin und her und ich ärgerte mich, dass mich ein so „junges Tüpfi“ abgehängt hatte. Erst viel später entnahm ich der Rangliste, dass es sich dabei um die inzwischen erfolgreiche und weltbekannte Natascha Badmann gehandelt hat. Sie bestritt damals ihren ersten Duathlon. So war die persönliche, sportliche Niederlage viel besser zu ertragen. Im Nachhinein haben wir uns viele Jahre später an einem Seidenmalkurs  getroffen und  herzhaft darüber gelacht. Vor Kurzem kamen wir auf einer Wanderung durch die Teufelsschlucht erneut darauf zu sprechen und lachten gleich nochmals darüber.

42  Briefmarken Tour de Suisse 1942

 

Für einmal keine Radsportepisode, sondern ein Rückblick auf die Kriegsjahre.  Es muss eine grosse Solidarität im Lande gegeben haben. Man stand in dieser harten Zeit zusammen. So gaben Freunde der Tour de Suisse eine Zuschlagsmarke heraus, um damit einige Rappen für den Grossanlass zu sammeln. Der Frankaturwert ist darauf nicht ersichtlich und ist mir auch nicht bekannt. Kann man sich das in der heutigen Zeit noch vorstellen ? Heute, wo jeder für sich alleine und nur für sich schaut !   Es war sicher nicht alles besser als heute, aber das ist ein gutes Beispiel, dass es doch noch Erfreuliches gab

Der Markenbogen wurde mir in verdankenswerter Weise von Radsportkollege Remo von Däniken aus Niedergösgen geschenkt

43  wie in Trance

 

Eine weitere „Unfalltour“ führt uns über den Jura nach Magden. Kurz vor Rheinfelden waren auf der Strasse die kleinen Bodenwellen  zur Temporeduktion angebracht worden. Doch war weit und breit kein Signal oder weisse Farbe am Boden zu sehen. Die Hindernisse waren erst sichtbar, wenn man unmittelbar davor stand (fuhr). Hansjörg hatte als Vorderster die beste Reaktion von uns allen und hob seinen Hintern und sprang einfach darüber, so wie er es an den Quers gelernt hatte. Ueli konnte am  rechten Wegrand knapp vorbeifahren, ohne abgehoben zu werden. Ich sah jedoch das Hindernis zu spät und donnerte voll hinein. Wir waren gar nicht schnell unterwegs, denn wir suchten nach den Hinweistafeln zur Volksradtour in Rheinfelden. Doch auch mit 20 oder 24 km/h bleibt ein Hindernis ein Hindernis und ich flog in meiner ganzen Länge und Breite auf der frisch gesplitteten Strasse. Kaum zu glauben, wieviele Steinchen ich mir aus Knie und Ellbogen herauspicken konnte. Der Helm war entzweigebrochen und den Velocomputer hatte ich verloren. Der war nicht mehr auffindbar. So fuhren wir an den Start der VRT und suchten nach einem Samariter. Dieser jammerte gleich drauflos, so viele Heftpflaster habe er gar nicht bei sich. Doch ich wollte keine Heftpflaster, sondern eine Reinigung mit Jod oder einem anderen geeigneten Desinfektionsmittel. Es brannte fürchterlich und auf der Heimfahrt via Möhlin und Zeiningen – Asphof - Ormalingen und unt. Hauenstein fuhr ich wie in Trance. Zu Hause erschrak meine Gattin nicht wenig, als ich ganz zerschlagen auftauchte.

Sie holte sofort die Schnapsflasche hervor und ich zog mich aus, weil ich meinte, sie wolle mich desinfizieren. Sie musste aber zuerst einen Hochprozentigen trinken, um den Schock zu überwinden. Nach dem Duschen und der nochmaligen Reinigung der Wunden, ging es mir ein wenig besser. In der Nacht und am Morgen reinigte ich die Wunden selbst nochmals und zwar mit Pitralon. Das war das schärfste Rasierwasser, das ich finden konnte. Es brannte fest, aber anderntags ging ich bereits wieder mit einem elastischen Verband an den Armen und Beinen auf die Tour. Die Bewegung tat mir gut, denn es bildete sich kein Schorf und nur wenige Wochen später sah man fast nichts mehr.

Will zwar nicht behaupten, dass ich mit diesen Beinen einen Schönheitswettbewerb gewinnen würde, so viel bilde ich mir nicht ein, aber zufrieden mit dem Ergebnis war ich allemal. Einen Arzt suchte ich deswegen nie auf. Dieser hätte wohl an meiner Selbstprozedur keine Freude gehabt.

44  mein erstes Mountain-Bike

 

 Es muss wohl Ende 1988 gewesen sein, als ich mein altes Quervelo verschrottete. Ich benutzte es nicht mehr, da ich keine Querrennen mehr bestritt, sondern nur noch an Schlecht-wettertouren mitnahm, um das neue Strassenrad zu schonen oder zumindest, um dieses nicht auch noch putzen zu müssen. Vor allem an Orientierungsfahrten konnte man es gebrauchen oder auf Touren, die über Stock und Stein führten. Schon lange hatte ich vor, mir erstmals ein Mountain-Bike anzuschaffen. Mein Kollege Max kaufte eines beim MTB-Guru Louis Kramer in Olten. Dieses gefiel mir sehr. Als mich Max fragte, ob ich mit ihm auf den Belchen fahren wolle, musste ich absagen, da ich ja nun weder ein Quervelo, noch ein MTB besass. Auf Zureden von Max schauten wir bei Kramer vorbei und ich tat ihm meine Absicht kund, ein MTB zu kaufen. Da ich aber bis anhin damit noch keine Erfahrungen sammeln konnte, kannte ich mich auch nicht aus und wusste lange nicht, was ich eigentlich wollte. Er schlug mir grosszügigerweise vor, dass ich mal probefahren dürfe. Das kam mir mehr als gelegen und ich durfte mir ein gebrauchtes Bike aussuchen. Er war sogar damit einverstanden, dass ich damit und mit Max auf den Belchen fahre und somit das Bike mehr als einen halben Tag auslieh. Wir stellten noch den Sattel auf die richtige Höhe ein, dann fuhren wir los.Nach wenigen Minuten war ich die Schaltung bereits gewohnt. Es hatte nämlich keinen Hebel, der mit dem Daumen bedient wurde, sondern eine Grip-Shift Schaltung. Zuerst war ich ein wenig skeptisch, denn ich befürchtete, dass man mit schweissnassen Händen leicht abrutschen würde, denn man drehte einfach am Handgriff, wie bei einem Motorrad am Gashahn. Meine Befürchtungen waren jedoch  unbegründet, im Gegenteil. Heute gibt es diese Schaltung kaum noch und ich bedaure und vermisse diese immer mehr. Die drei Kettenblätter vorne waren super und die grosse Auswahl der Ritzel hinten erst recht. Wir fuhren die steilsten Abschnitte am Berg spielend und mussten nie absteigen. Auch bergab war das Fahren weniger heikel als mit dem Quervelo. Da die Pneus viel breiter waren und weniger prall gepumpt werden mussten, wurden fast alle Schläge abgefedert und dies auch ohne Federgabel. Das Bike hatte Mittelzugbremsen und die waren griffig genug, um jederzeit anzuhalten. Die Scheibenbremsen kamen erst Jahr-zehnte später auf. Bald einmal waren wir auf dem Belchen angelangt und stiegen ab, um auf dem Bänkli ein wenig Atem zu holen und zu trinken. Max wollte noch auf den höchsten Punkt, um die Aussicht zu geniessen. Bei dem herrlichen Wetter sehe man sicher bis weit in den Schwarzwald hinaus und wohl auch die Vogesen. Da der Trail mit Stufen versehen war und erst noch viele grosse Steine im Weg lagen, konnten wir nicht hinauf fahren. Wir liessen die Räder unten. Max hatte eine Kette bei sich und ein Zahlenschloss. Damit banden wir die beiden Bikes zusammen und stiegen die wenigen Meter hinauf. Nachdem wir die Aussicht genossen hatten, gingen wir zurück und ich wollte gleich losfahren, aber es gab ein Problem:  Ich kannte den Zahlencode gar nicht und Max mochte sich nicht mehr daran erinnern. So viel er sich auch anstrengte und überlegte, dieser kam ihm nicht mehr in den Sinn. Wir setzten uns wieder hin und rätselten. War es eine Postleitzahl, die er sich gemerkt hatte oder eine Telefonnummer ? War es ein Geburts-datum, eine Hausnummer oder eine bestimmte Jahrzahl ? Es wäre mir mehr als peinlich gewesen, im nächsten Bauernhof oder im Bergrestaurant Gwidem eine Zange holen zu müssen, um die Kette zu kappen. Ein Eintrag in der nächsten Ausgabe der regionalen Fasnachtszeitung wäre uns sicher gewesen. ….und siehe da, das Wunder geschah ! Währenddem wir von etwas ganz Anderem redeten, hatte Max seine Erleuchtung und wir konnten das Schloss endlich öffnen. In der folgenden Abfahrt waren wir wohl etwas erleichtert, ja wohl übermütig. Ich hatte erstmals keine Angst und fuhr knapp hinter Max in einem Affenzahn den schmalen Pfad hinunter. Die beiden Holzfäller, die am Wegrand beim Znüni assen, bemerkten wir erst, als wir bereits vorbeigefahren waren. Die Beiden zogen nur die Füsse zurück, als wir denen mitten durch die am Boden ausgelegten Fressalien donnerten. Die waren noch überraschter als wir und bekamen fast nichts mit. Weil wir aber keinen Becher umgestossen und nichts überfahren hatten, riefen wir nur ein „Tschuldigung“ über die Schultern und fuhren weiter. Wir waren nicht im Clubtrikot unterwegs, also nicht angeschrieben und somit nicht erkennbar. Nachdem ich das Bike sauber geputzt hatte, brachte ich es dem Besitzer zurück. Mir gefiel das Bike und ich wollte nur dieses kaufen. Dieses oder keines. Da er aber lieber ein viel teureres verkauft hätte, konnten wir uns nicht einigen. Das „Yeti“, das er mir andrehen wollte, war zwar eine tolle Maschine, das Nonplusultra auf dem Markt, doch hatte ich dieses nie zur Probe gefahren, zudem lag der Preis – weit höher als mein Monatsgehalt – auch ausserhalb meines Budgets. Da er mir aber auch das Probevelo nicht verkaufen wollte, konnten wir uns nicht einigen und ich zog enttäuscht von dannen. Bei Clubkollege Noldi Gerber fand ich mein erstes Mountain-Bike, es war ein hellblauer Alu-Rahmen, Marke Gerber und es war ein Prototyp, Mit der Rahmennummer 88/03 war es erst das dritte MTB, das seinen Laden verliess. Ich war voll zufrieden damit und fuhr viele Rennen damit und noch mehr schöne Touren im Jura.

Es hatte eine Besonderheit: die Hinterrad-Bremse war unten am Steg beikm Tretlager angebracht. Als ich einmal am Kramer-Cup am Start stand, fragte mich ein Jüngling: Haben Sie hinten keine Bremse ? Er sagte Sie zu mir, weil ich wohl dreissig Jahre älter war als er. Ich wusste, was er meinte, entgegnete ihm aber: Nein, eine am Vorderrad genügt mir. Dann musste ich aber doch ein Lachen unterdrücken und er schaute mich nur erstaunt an. Ich mochte ihn aber nicht anlügen und erklärte ihm, wo sich meine Hinterradbremse befindet. Das hatte er noch nie gesehen. Es war wirklich nicht das gelbe vom Ei. Wenn mal tiefer Boden war – und an den Bikerennen regnete es oft – war ich aufgeschmissen. Der ganze Schlamm und Dreck fielen von oben herunter und bald drehte sich das Hinterrad nur noch unter Aufwendung aller Kräfte. Als ich einmal den Rüebli-Cup in Gunzgen bestritt, regnete es auch Bindfäden. Die Wiese verwandelte sich in ein Schlammbad, entsprechend sah auch mein Bike aus. Ich fuhr auf der Strasse nach Hause um zu Duschen und auch um das Bike in der Einstellhalle zu waschen. Ich zog eine Dreckspur bis weit nach Kappel, man hätte meinen können, ein Traktor sei von der Rübenernte nach Hause gefahren. 

Zum Schluss benutzte ich das Bike nur noch für den Arbeitsweg. Es war zwar gegen zwanzig Jahre alt, aber immer noch intakt. Als mir einmal ein junger Mitarbeiter klagte, man habe ihm sein „Bahnhofvelo“ gestohlen und jetzt müsse er den Arbeitsweg bis zum Bahnhof halt zu Fuss zurücklegen, hatte ich Bedauern mit ihm und bot ihm mein Bike gratis an. Er freute sich darüber sehr und ich hatte endlich Grund, ein neues anzuschaffen. Bevor ich jedoch daran denken konnte, hatte ich mein altes Bike wieder. Die Polizei rief mich an und fragte, ob mir mein Bike gestohlen worden sei. Ich verneinte und sagte denen, dass ich es verschenkt habe. Er war auf mich gekommen, weil ich unter dem Sattel meine Adresse notiert hatte. Ich holte das Bike ab, entfernte den Kleber und gab es wieder meinem jungen Kollegen. Er hatte es einmal mehr nicht gesichert und es war nur eine Frage der Zeit, bis es ihm wieder gestohlen wurde.

45  d'Chuttle putzt

 

 Vor einigen Jahren ging es im SRB noch turbulent zu und her. Einige Tage vor Beginn der Tour de Suisse stand Direktor Hugo Steinegger dem Fern-sehen in einem Interview Red und Antwort. Meine Gattin, ebenfalls SRB-Mitglied und am Radsport interessiert, konnte sich damit nicht anfreunden. So machte sie die Aeusserung: Wenn ich den einmal antreffe, putze ich ihm gehörig die Kutteln (die Leviten lesen).  

Kaum zu glauben, aber wahr. Nur wenige Tage nach diesem Vorfall stiegen wir in Solothurn beim Bahnhof aus und marschierten durch die Unterführung Richtung Zentrum. Dort sollte der Prolog der Tour de Suisse stattfinden. Ich war einige Meter voraus, als mir Hugo Steinegger rassigen Schrittes entgegen kam. Ich grüsste ihn und rief zu meiner Frau nach hinten: Da kommt er, kannst Ihm gleich das sagen, was Du sagen wolltest. Sie war nicht nur baff, sondern auch sprachlos. (ein seltener Moment)

Dann fasste sie sich ein Herz und sagte zu ihm: Grüezi Herr Steinegger. Was ich schon lange fragen wollte, woher haben Sie die schöne Krawatte ? (er trug eine weisse Krawatte mit vielen kleinen Rennvelos drauf). Er grüsste und sagte kurz angebunden: die kauf ich mir bei Berni‘s in Zürich an der Bahnhofstrasse und wünschte einen schönen Tag  - und weg war er. Wir lachten sie deswegen noch lange aus, denn wenn sie normalerweise jemandem die „Chuttle putzt“, tönt es ein wenig anders

46  auf den Spuren von Wilhelm Tell

 

1991 feierte die Eidgenossenschaft ihr 700-jähriges Bestehen. Wer beim Bund arbeitete, erhielt einen ganzen Tag an Arbeitszeit geschenkt, wenn nachgewiesen werden konnte, dass man an einem Jubiläumsanlass teilnahm. Wir planten, selber etwas auf die Beine zu stellen. Doch fehlte die Zeit und wohl auch der gute Wille dazu, selber etwas zu organisieren. So kam es uns mehr als gelegen, als im damaligen „RMS“ – dem Rad- + Motor-Sport, dem Sprachrohr des SRB – eine MTB-Tour rund um den Vierwaldstättersee ausgeschrieben war.  Diese wurde von Carlo Lafranchi Sen., dem ehemaligen Quer-Nationalcoach organisiert. Meine Arbeitskollegen Wisu und Beat meldeten sich mit mir dazu an. Wir freuten uns, zusammen mit Dieter Runkel und all den andern Nationalmannschafts-Mitgliedern einen schönen Tag zu erleben. Die meisten davon kannte ich persönlich von den Startgeldverhandlungen her, führten wir doch in Boningen 1989 ein gut besetztes Int. Silvester-Radquer und vorher viele Nat. Quers durch.Beat wohnte in Geuensee/LU und hatte einen Kleinbus zur Verfügung. So hatten wir vor, von Olten aus mit der Eisenbahn nach Sursee zu fahren. Dort sollte Beat auf uns warten und dann sollte es mit dem Bus weitergehen. Gesagt, getan. Wir warteten in Olten auf den Schnellzug und kauften noch rasch  die Tageszeitung, weil wir die Tour de France – Resultate vom Vortag noch lesen wollten. Bei viel Plaudern und Lachen ging die Wartezeit zwar schnell vorbei, doch litt darunter unsere Aufmerksamkeit. Mehrmals wurde wohl die Verspätung des Schnellzuges bekannt gemacht, doch als der Zug endlich einfuhr, stürmten wir zu dem Wagen, wo wir die Bikes verladen konnten. Die Fahrt verlief normal und als wir kurz vor Sursee aufstanden, um sofort bereit zu sein, wenn der Zug hielt, machte uns ein Mitpassagier darauf aufmerksam, dass dieser Zug ohne Halt bis Luzern durchfahre. Wir hatten dies nicht beachtet und hätten den nachfolgenden Zug nehmen sollen. Wir setzten uns wieder und schauten zum Fenster raus. Tatsächlich stand in Sursee nur eine Person auf dem Perron. Es war unser Kollege Beat, in roten Hosen und knallgelbem Helm. Da wir seine Handynummer nicht kannten, war an eine Kontaktaufnahme mit ihm nicht zu denken – wie auch ? Obwohl wir winkten, hatte er uns nicht gesehen, das war auch kein Wunder, bei dem Tempo ! In Luzern angekommen luden wir rasch die Räder aus und ich stürmte zu einem Visiteur, der auf dem Perron beschäftigt war. Ich zeigte ihm meinen SBB-Ausweis und sagte zu ihm: Bitte, schnell, es geht um Leben und Tod. Verbinde mich mit der Station Sursee. Er tat dies und am andern Ende des Drahtes meldete sich jemand mit „Sorsie“. Ich fragte kurz und bündig, ob bei ihm immer noch ein junger Mann in roter Hose und mit einem knallgelben Helm auf dem Perron stehe. Er konnte ihn vom Büro aus sehen und bestätigte mir: Ja, nur so einer stehe draussen, sonst kein Mensch. Er holte Beat herein und wir vereinbarten, dass er uns halt in Luzern am Bahnhof abholen müsse, statt in Sursee. Gesagt, getan, nach einer Weile traf er dort ein und nahm uns mit. Wir fuhren hinauf nach Seelisberg und liessen den Bus dort stehen. Bald einmal trafen sich alle am Treffpunkt und die Begrüssung und Orientierung stand an. Wir wurden in die Gruppe von Dieter Runkel eingeteilt und das freute uns gleich nochmals.  Obwohl der Organisator alle darauf aufmerksam machte, dass es eine gefährliche Abfahrt zu bewältigen gab, fuhren die meisten in einem Affenzahn nach Beckenried hinunter. Leider sind dabei einige Teilnehmer schwer gestürzt, was mir dann schwer auf dem Magen lag. Immerhin erreichten wir Beckenried, um dann gemeinsam die Fähre nach Gersau zu besteigen. Die Fahrt war kurzweilig, es galt aber, sich warm anzuziehen. Wir waren verschwitzt und es zog wegen dem Fahrtwind auf dem offenen See. Bald einmal traten wir in die Pedalen und schafften es über viele Hügel und Nebenstrassen bis Altdorf. Dort war die erste Verpflegung, eine  weitere folgte bei Attinghausen. Zum Teil auf dem Weg der Schweiz, erreichten wir Seedorf, das wir von den Bergrennen her kannten. Beim immer enger werden Weg entlang des Sees war dann in Bauen Endstation. Wir konnten nur noch wenige hundert Meter den Berg hinauf fahren, dann mussten wir die Räder schultern. Das war mühsam, ist doch ein MTB schon etwas schwerer zu tragen, als ein Alu-Quervelo. 

Auf den Stufen und den engen Pfaden hinauf nach Seelisberg war nicht gut zu fahren, ja beinahe unmöglich. Die Plackerei dauerte fast zwei Stunden und die Bikes wurden nicht leichter. Die drückende Hitze machte uns zu schaffen und die Bidons waren schon lange leer. Jeder träumte von einem kühlen Bier oder wenigstens einer kühlen Dusche.

Kaum zu glauben, aber wahr. Als wir endlich einen fahrbaren Weg unter den Stollenpneus hatten und aufsteigen konnten, zog ein Gewitter auf.  Niemand war deswegen hässig, sondern wir schätzten es unheimlich, die Dusche fliegend einzunehmen. Die wenigen hundert Meter bis zu den Autos waren schnell geschafft und geduscht waren wir auch schon.

47  lustige Touren

 

Velofahren ist nicht immer nur lustig. Wer an den Rennen vorne mithalten will, muss beissen können – Abgehängte allerdings noch mehr ! Auch auf langen und harten Touren gilt es oft, den inneren Schweinehund zu überwinden. Ob es regnet oder schneit, bei Kälte oder grosser Hitze, ob im starken Gegenwind oder an einer langen und steilen Rampe, es ist nicht immer lustig. Von den vielen Defekten oder sogar Stürzen will ich nicht schreiben, nein, diesmal sind es andere Ereignisse, die mir in Erinnerung geblieben sind und zwar in guter und lustiger Erinnerung.

 Als wir vor vielen Jahren die grosse Scheltentour über 140 km fahren wollten, vereinbarten wir den Treffpunkt auf 7 Uhr morgens. Einem meiner Clubkollegen war das viel zu früh. Da auch ältere und schwächere Mitglieder mitzukommen gedachten, meinte er, das reiche noch lange, wenn wir erst um halb acht losfahren. Die hätten wir bereits am Schelten eingeholt.  So sagte ich zu und war dann ganz baff und muss dazu, dass ich um halb acht alleine am Treffpunkt war. Mein Kollege hatte sich nicht nur verschlafen, sondern erschien gar nicht.

oberhalb Pijoux-Schlucht, v.l.n.r:                                                                        .        

Franz Bütschil, Alfred Vögelin, Max Bolliger,                                             Mein Kollege hatte sich nicht nur verschlafen, sondern erschien gar nicht. So fuhr ich alleine und mit 

H.J. Schenker, Peter Wyss, Stephan Kainersdorfer                                   kleineren Wut im Bauch los über Balsthal nach Ramiswil. Dort war ein Bauer am Gras mähen und ich  

                                                                                                                           fragte diesen, wie weit die Anderen wohl voraus seien.  Er meinte, das wäre sicher eine Viertelstunde her oder etwas mehr, seitdem er meine Kollegen gesehen habe. Nun wusste ich, dass ich immerhin etwas aufgeholt hatte. Am Scheltenpass holte ich noch keinen ein und da auf dieser Tour nicht eplant war, in der Scheltenmühle einzukehren, fuhr ich daran vorbei. Bergab und auf der Ebene hatte die Gruppe wohl einen Vorteil gegenüber mir als Einzelfahrer. Erst am Fusse der Pijoux-Schlucht oberhalb Undervelier sah ich den Letzten von Weitem. Bald hatte ich die Gruppe ein- und überholt. In meinem Uebermut fuhr ich voll in die Steigung nach Souboz hinein, um weiter oben einige Fotos zu schiessen. Ich brachte alle aufs Bild. Rolf als Letzter fragte mich, ob „sein“ Bild gelungen sei. Ich versicherte ihm, dasjenige Bild, wo er drauf sei, sei ganz sicher gut geworden. Er sei so langsam an mir vorbei gefahren, dass da ganz sicher nichts verwackelt oder verzerrt sein könne. Weiter oben musste ich aber für meinen Effort büssen. Zusammen mit Franz erklomm ich den Rest der Steigung und zwar so langsam, dass uns plötzlich ein Bauer auf seinem rostigen und quietschenden Damenvelo ein- und überholte. Er fuhr in Gummistiefeln und trug auf dem Rücken eine Sense. Wir waren natürlich nicht motiviert, als dieser an uns vorbeifuhr. Für ein paar Batzen hätte man unsere Rennräder billig kaufen können. Nach wenigen Metern bog er jedoch zu seinem Bauernhof ab. Da lachten wir doch noch, denn er war wohl erst kurz hinter uns vom Feld auf die Strasse abgebogen und nur wie weninge Meter bis zu seinem Hof so schnell gefahren. Das wäre dann doch eh der Gipfel gewesen, wenn der uns durch die ganze Schlucht hinauf auf den Fersen gewesen wäre. Auf dem höchsten Punkt kehrten wir im Restaurant Les Ercorcheresses ein, um sich zu verpflegen. Das Wirtepaar war wohl ebenso alt wie das Haus selber und machte es sich gemütlich. Der Sohn servierte uns die Getränke, die Wirtin sass bei uns am Tisch und hatte ein kleines Hündchen in den Armen, das kaum grösser war als eine Katze.  Ein Wort gab das andere und als wir nach dem Hündchen fragten, gab sie uns Antwort. Seinen Namen weiss ich nicht mehr und auch nicht, wie alt er war. Sie erklärte uns, dass ihr Hund singen könne. Wir glaubten das nicht und forderten sie auf, uns das vorzuführen. Da hielt sie den Hund in die Höhe und kitzelte ihn am Bauch.Tatsächlich, es klappte. Der Hund jaulte so schön, dass man meinen konnte, er lache so laut. Plötzlich lachten wir noch mehr, denn er pinkelte meinem Kollegen ins Bierglas. So etwas hatten wir noch nie gesehen.

 

Andere Hunde haben mich aber auch schon zum Lachen gebracht. So waren wir einmal in Frankreich unterwegs, als wir am Wegrand einen dreibeinigen Hund sahen. Das rechte Hinterbein hatte er wohl bei einem Unfall verloren. Bei einem Baum blieb dieser plötzlich stehen und pinkelte daran. Das wäre an und für sich nichts Aussergewöhnliches gewesen, wenn der Hund nicht den Handstand gemacht hätte. Zum Pinkeln hob er das einzig verbliebene, das linke  Hinterbein. Er hatte wohl die Angewohnheit vorher schon, sein linkes Bein zu heben und das beibehalten. Wenn mir das einer erzählt hätte, würde ich an der Geschichte zweifeln oder gar nicht glauben. Ich habe das aber selber gesehen  und viele andere auch, deshalb gibt es daran nichts zu rütteln.

48  Zurück lehnen und denken

 

Am Sonntag, 16. Januar 1977 fanden in Boningen im Rad-Quer die Schweizer-meisterschaften statt. Obwohl es schon mehr als 40 Jahre her sind, mag ich mich noch genau daran erinnern. Es schneite seit Tagen und die weisse Pracht deckte die ganze Strecke mit einer hohen Schneedecke zu. Die Mitglieder und Helfer aus dem Dorfe schaufelten von Freitag bis Sonntag-Mittag, was das Zeug hielt. Einige Bauern halfen mit den Pferden oder mit dem Traktor aus. Der Pressekonferenz wohnten keine Handvoll Schreiberlinge bei, denn die Zufahrtsstrassen nach Boningen waren wegen den heruntergefallenen Aesten und den von der Schneelast umgestürzten Bäumen unpassierbar. Die Strecke war vom Schnee und Eis gereinigt worden und wurde von den Kommissären für befahrbar befunden. So konnten die Rennen wie vorgesehen gestartet werden. Der mehrfache Welttmeister

      Albert Zweifel vor Peter Frischknecht              Albert Zweifel holte sich überlegen den SM-Titel. Sportlich gesehen war also alles bestens.Nach dem Rennen fragte einer der                                                                                          Hauptsponsoren nach seinem Zielband. Dieses lag jedoch noch immer zusammengelegt auf dem Jurywagen. Es war vergessen worden und war deshalb nicht zum Einsatz gekommen. Für dieses konnten und wollten wir keine Rechnung stellen und wir mussten deshalb einen grossen finanziellen Verlust in Kauf nehmen. Ich ärgerte mich masslos darüber,  dass derjenige nicht bereits vor dem Rennen danach gefragt hatte. Im Nachhinein ist man immer klüger. (wenigstens ein bisschen). Statt mit den anderen Schnee zu schaufeln bis kurz vor Beginn, hätte es nichts geschadet, wenn sich einer vom OK diesem Detail  angenommen hätte. Die zuständigen OK-Mitglieder hatten es jedoch nicht übers Herz gebracht, die andern hart arbeiten zu lassen und nur so mit der Mappe unter dem Arm tatenlos herumzustehen. 

                                                                                       Zurücklehnen und denken ist auch eine Arbeit  !

49  Hamstern im Kanton Zug

 

Vor über 20 Jahren wurden die Alu-Velonummern abgeschafft und es gab nur noch die Vignetten zu kaufen. Ab 2011 braucht es auch keine Velo-Vignetten mehr. Das diese bei uns im Kanton Solothurn mit Fr. 8.-- p. Stk viel teurer waren als im Kanton Zug (Fr. 3.50), war sofort klar, dass wir diese dort kaufen würden. An einem Nachmittag nahm ich meine kleine Tochter auf eine Eisenbahnfahrt mit. Mit dem GA in der Tasche konnten wir ein- und aussteigen, wo wir wollten und das machten wir auch. Ueber Zürich erreichten wir Zug und marschierten vom Bahnhof aus in die Stadt. Bald fanden wir die Post und gingen hinein. Dort verlangte ich am Schalter ganze 30 Velovignetten.

Die Schalterbeamtin fragte mich mehr als einmal nach der Menge. Sie glaubte wohl, falsch verstanden zu haben. Als dann die Menge klar war, fragte sie mich, für was ich denn so viele benötige. Die Menge war zwar nicht beschränkt und sie musste mir diese so oder so geben, doch ich log die „Wundernase“ brandschwarz an. Wir haben 7 Kinder, meine Frau und ich haben je 3 Fahrräder und meine Eltern haben auch noch einen fahrbaren Untersatz, ebenso meine beiden Schwestern, die noch im gleich Haushalt leben. Da brauchen wir halt so viele. Sie rechnete gar nicht mehr nach, ob das zusammen die geforderte Menge ergab und händigte mir die Vignetten aus.

Diese gab ich dann zu den Selbstkosten meinen Kollegen weiter. Ein andermal ging ein anderer Kollege, der ebenfalls bei der SBB arbeitete nach Zug, der machte es genau so.

Ein anderer Clubkollege verband den Hamsterkauf sogar mit einer längeren Trainingsfahrt per Rad. Meine Tochter fragte mich danach, ob ich denn gelogen habe und wieso.

Ich erklärte ihr, dass man das darf, wenn die Person gegenüber blöde Fragen stelle.   

                                                                                                                                                   Blöde Frage = blöde Antwort.

  Damit war meine Ehre gerettet und die Notlüge erklärt und auch entschuldigt.

50  in den Freibergen

 

Vor fast 20 Jahren fragte mich ein Arbeitskollege, ob ich mit ihm auf eine Bike-Tour komme. Wir wollten nicht kreuz und quer im Wald und Gelände herum fahren, sondern er beabsichtigte eine Freundin zu besuchen, welche in Le Noirmont beim Zoll Dienst tat. Da er kein Rennrad besass, war für ihn klar, dass wir diese Tour mit dem MTB unternehmen würden. Ich fügte mich, obwohl ich solche Distanzen lieber mit dem Rennrad zurück-gelegt hätte. Das war mal etwas anderes.So wählten wir den kürzesten Weg und das war vorerst durchs Gäu

der Hauptstrasse entlang nach Oensingen und dann weiter durchs Tal bis Gänsbrunnen. Dort bogen wir auf eine Nebenstrasse ab und erreichten nach kurzem, aber steilem Aufstieg den immerhin auf 1‘006 m.ü.M. gelegenen Binzberg. In der rasanten Abfahrt nach Court hinunter hob es mich bei einem Kuhgitter (Bovistop) ab und ich verlor den Bidon. Das Bike war damals weder vorne, noch hinten gefedert, deshalb rüttelte es mich so durcheinander.Ich bemerkte dies nicht einmal. Mein Kollege fuhr hinter mir und sah das. Erst als ich feststellte, dass er mir nicht mehr folgte, hielt ich an und wartete. Er brachte mir den Bidon wieder. Ohne den wäre ich auf der langen Tour wohl verloren gewesen. Ab Court ging es ein wenig flacher und wir erreichten Tavannes. (zu deutsch:  Dachsfelden). Dort hielten wir bei einer Bäckerei an und kauften den halben Laden auf. Nebst vielen Nussgipfeln und anderen Stückli, deckten wir uns auch mit Getränken ein. Als uns der Bäcker fragte, ob wir eine Schachtel oder eine Tüte benötigen, winkten wir ab und sagten zu ihm, dass wir vorhätten, das alles gleich vor der Türe zu verdrücken. Er glaubte uns jedoch nicht und meinte, das müsse er aber doch gesehen haben. Für uns war das kein Problem. Beat war ein junger Mann und wog mindestens 90 kg, war kräftig wie ein Schwinger und ich hatte auch immer einen Appetit wie ein Bär. Ich stand ihm punkto Appetit also um nichts nach. So machten wir uns auf der Treppe, die zum Laden führte, hinter die vielen Süssigkeiten her und der Bäcker sah einige Male nach uns. Zum Schluss offerierte er uns einen Kaffee, damit wir die vielen „Brösmeli „ hinunter spülen konnten. Das war denn auch nötig und wir schätzten seine flotte Geste sehr. Wir fühlten uns wieder fit und fuhren weiter, immer leicht bergauf, bis Tramelan. (zu deutsch: Tramlingen). Hier begann eine weitere Steigung zum Mont Tramelan, der auf 1‘060 m.ü.M) liegt. Beat musste leiden und ich musste einteilen, wollte ich doch am Abend wieder heimzufahren. Entlang der zahlreichen Pferdeweiden merkten wir bald einmal, dass wir nun wirklich in den Freibergen angelangt waren. Ich kannte das Gebiet nur vom Langlaufen her, mit dem Rad war ich noch nie dort gewesen. Die vielen Bodenwellen und Gegensteigungen waren bei einer so tollen Umgebung leichter zu bewältigen. Nach über 90 Kilometern Fahrt trafen wir am späten Nachmittag in Le Noirmont, an der französischen Grenze ein. (zu deutsch: Schwarzenberg). Beat konnte nach heftiger Begrüssung bei seiner Freundin duschen und genehmigte sich ein wohlverdientes Bier oder zwei. Ich trank zwar auch eines, doch musste ich an die Weiterfahrt denken. Ich wollte nicht dort über-nachten, denn alleine wäre ich nur das dritte (oder fünfte)  Rad am Wagen gewesen. Mir war klar, dass ich nicht noch einmal den ganzen Weg mit dem Bike zurücklegen konnte. Ich hatte kein Licht montiert und war doch ein wenig müde. So fuhr ich nur bis Tramelan und als es dann bald einmal und früher als erwartet eindunkelte, gab ich auf. Ich musste ja niemandem etwas beweisen. Bei der nächsten Haltestelle lud ich das Bike hinten am Postauto auf und fuhr bequem bis Péry-Reuchenette. Dort bestieg ich einen „Bummler“, der mich bis nach Biel führte. In Biel hatte ich einen direkten Schnellzug nach Olten, doch wollte mich der Kondukteur mit dem Velo nicht einsteigen lassen. Wieso weiss ich auch nicht. Da kam ein anderer SBB-Angestellter dazu und sagte zu ihm, wir seien doch alle Arbeitskollegen, er solle doch nicht so stur sein. Dazu log ich ihn noch brandschwarz an, ohne zu erröten, denn ich klagte ihm, dass ich am andern Tag bereits um 4 Uhr aus den Federn müsse, um zur Arbeit zu gehen. Ich hätte zweimal einen Plattfuss zu beklagen, deshalb sei ich so spät dran. Da liess er Gnade vor Recht ergehen und liess mich einsteigen. Ich hatte das GA und setzte mich auf einen freien Platz nahe des Postwagens, denn dort hatte ich mein MTB platziert und auch den Eingang im Auge. 

Zum Schluss hatte ich gleich noch einmal Glück und zwar, weil ich kurz vor Olten zufällig erwachte, um gerade noch rechtzeitig auszusteigen.

51  wenn der Hammermann zweimal klingelt

 

Ein weiterer Hungerast ereilte mich vor wenigen Jahren. Ich hätte nie gedacht, dass man auch auf der Ebene so langsam fahren kann. Ende April nahmen wir an einer Volksradtour in Rekingen teil. Wir fuhren zuerst über eine der Jurahöhen ins Fricktal, um bereits dort an einer VRT abzustempeln. Dann ging die Fahrt weiter dem Rhein entlang bis Rekingen. Auf dem Heimweg verlor ich die Satteltasche und musste anhalten. Meine Kollegen forderte ich auf, weiter zu fahren. Sicher würde ich sie nach wenigen Minuten wieder einholen. Dem war aber nicht so. Weil ein Riemli gerissen war, konnte ich die Tasche nicht mehr sofort befestigen und verlor viel Zeit damit. Diesen Rück-stand wollte ich möglichst schnell aufholen. Deshalb legte ich los wie die Feuerwehr und verausgabte mich dabei zu sehr. Da es erst Frühling war, hatten wir erst wenige Kilometer in den Beinen und waren entsprechend noch nicht in Form. So spürte ich die gegen hundert Tageskilometer mehr als gewollt und hatte einen in den Schuhen sitzen. In Niedergösgen hatte die Garage Marti einen Tag der offenen Tür. Ich schlich mich dazu und erhielt eine Suppe aufgetischt. Als ich die in wenigen Minuten heisshungrig heruntergeschluckt hatte, brachte man mir der Mann von der Theke einen weiteren Teller Suppe mit der Bemerkung, das sei wohl das Richtige für mich. 

Dann kaufte ich noch zwei Nussgipfel und verschlang diese ebenso. Das sollte mal reichen bis nach Hause. Dennoch musste ich auf der Ebene bis Trimbach einen der kleinsten Gänge auflegen, um wirklich noch vorwärts zu kommen. Das ist mir seither nie mehr passiert. Einen Reserveriegel für den Notfall oder ein Gel habe ich nun immer dabei. Daran trägt man nicht schwer, auch wenn ich dies oft nicht benötige und zu Hause wieder in den Kühlschrank lege.

52  MTB-Marathon mit Hindernissen

 

Vor rund 10 Jahren fragte mich ein guter Nachbar und Kollege, ob ich mit ihm und seiner Frau in Kirchzarten im Schwarzwald an einem MTB-Marathon teilnehmen wolle. Es komme noch ein weiterer Kollege mit, den ich vom Jura-Derby her kenne. Da wir nun ein Quartett wären, könnten wir uns auch für die Teamwertung anmelden. Ich bin gerne im Schwarzwald, nicht nur wegen den Schönheiten der Gegend, sondern auch wegen der guten Küche und den freundlichen Leuten. Deshalb sagte ich zu und bald einmal war der Ablauf klar. Wir wollten bereits am Freitagabend hinfahren und da es Hochsommer war, würden wir auf dem Campingplatz in mitgebrachten kleinen Einzelzelten schlafen. Kurt, Dieter und ich machten das so, fuhren mit einem Kleinbus nach Kirchzarten, lösten die Startnummern und stellten die Zelte auf. Den Rest der Ausrüstung inklusiv der Bikes liessen wir im Bus. Am Abend fand in der Umgebung ein Fest statt und wir waren natürlich dabei. Es wurde viel gegessen und noch mehr getrunken. Da das Rennen erst am Sonntag stattfand, sollte das doch für einmal drin liegen. Es kam jedoch bunter, als erwartet. Bis weit nach Mitternacht tanzten wir auf den Tischen zur Musik und hatten zudem einen über den Durst getrunken. Zum Glück waren wir nicht angeschrieben, sondern in den Zivilkleidern dort. Wir lernten auch viele neue Leute kennen und zum Schluss schenkte uns einer sogar noch eine Flasche Champagner und erst noch vom Besseren !! Kurt stellte diese ins Zelt. Einige Stunden später gab es einen Knall und es hatte vom vielen Schütteln und von der grossen Hitze den Zapfen rausgejagt. Schade, jammerschade, den hätten wir nach dem Zieleinlauf zu gerne noch „geköpft“ und getrunken. Am Samstagmittag holten wir Gabi, die Freundin von Kurt am Bahnhof in Freiburg ab. Sie musste noch bis zum Mittag arbeiten und kam deshalb erst am Nachmittag an. Anschliessend flanierten wir in der schönen Altstadt und stiegen hinauf zum höchsten Punkt des Doms. Mit den Rennschuhen war das kein leichtes Unterfangen, trittsicher waren die schon gar nicht, zudem hatte ich den Krampf in den Beinen. Kurt meinte, das könne auch vom vielen Saufen herrühren. Ich hingegen bestand auf meine Version. 

Zum Rennen wurde in aller Frühe gestartet und wir machten ab, dass jeder sein Tempo fahre und wir uns erst bei den drei offiziellen Verpflegungs- und Kontrollposten treffen würden. Sofort nach dem Start des Riesenfeldes zog sich dieses in die Länge. Das ist klar, denn fast 90 Kilometer wollen gut eingeteilt sein. Ich fuhr die wenigen Strassenkilometer im Felde mit und zu Beginn der Steigung auf den Feldberg liess ich abreissen. Das zahlte sich aus, denn bereits im ersten Drittel holte ich Fahrer um Fahrer ein, alles solche, die zu schnell gestartet waren. Meine Moral war gut, auch nach fast zwei Stunden noch und als ich wenige Kilometer unterhalb des Gipfels sogar noch ein wenig zusetzen konnte, war ich happy. Oben angekommen nahm ich einen Schluck aus dem Bidon und erstarrte gleichzeitig. Direkt hinter mir rief mir Kurt zu, juhui, jetzt geht es in die Abfahrt. Ich war voll gefahren und die Beiden konnten mithalten. Mein Image war nicht nur angekratzt, es lag ganz fest im Dreck zertreten am Boden. Ich freute mich aber auch ehrlich, dass wir nun alle zusammen waren und fuhr wie gewohnt übervorsichtig zu Tale. Gabi war zwar auch ängstlich, da Sie aber sehr kurzsichtig war und dicke Brillengläser trug, sah Sie die Gefahren gar nicht. Sie blieb immer direkt hinter  Kurt und die Beiden kamen fast gleichzeitig in Hinterzarten an. Dort aber, bei der  Verpflegung vernahm ich, dass ich fast zehn Minuten verloren hatte in dieser Abfahrt. Das machte aber nichts aus, denn wir mussten noch auf Dieter warten, der hatte die Zeit im Aufstieg verloren. So fuhren wir ein wenig ausgeruht und frisch verpflegt weiter in die weitere Steigung. Nur wenige hundert Meter später hatte ich hinten einen Plattfuss. So einen dicken und langen Nagel hatte ich noch nie eingefangen. Es war ein  gedrehter Zimmermannsnagel. Der war sicher 15 cm lang. Ich fluchte nicht wenig und riss diesen heraus und schmiss ihn fort. Dabei hatte ich nicht gedacht, dass dieser von einem anderen Teilnehmer erneut eingefahren  werden konnte. Das war mit allerdings erst nachher bewusst und es tat mir auch leid. Das Rennen war hart und lang und es war heiss wie noch nie. Ich musste mich quälen, um das Trio noch vor der zweiten Kontrolle und nach vielen Steigungen doch noch einzuholen. Von da an blieben wir zusammen und fuhren gemeinsam und glücklich ins Ziel. Die Dusche war wohlverdient und das Bad im Schwimmbad auch. 

Am meisten Freude hatte ich aber zu Hause. Als Kurt meiner Gattin ganz unnötigerweise und brühwarm erzählte, wie ich mich am Freitagabend aufgeführt hatte, glaubte Sie ihm kein Wort und sagte nur: Du kannst mir erzählen, was Du willst, das macht mein Stefi nicht.     -  Ich war echt stolz auf sie.

53  MTB - Rennen im Jura

 

1995 erhielt ich von einem Kollegen einen Prospekt vom MTB-Marathon Chantal Daucourt in Courroux. Der Ort liegt im Val Terbi, nahe an der Strecke, die wir am Jura-Derby befahren. Da wir diesen Teil des Tales nicht näher kannten, wollten wir dabei sein und meldeten uns an. Mit Jürg nahm ein Mitglied daran teil, das nur ein Jahr jünger war als ich. Mit dabei war auch Adrian, ein Jüngling, der noch in die Lehre ging. 

Wir fuhren mit dem Auto über den Schelten und meldeten uns vor Ort an. Bereits zu Hause regnete es in Strömen und wir ahnten bereits unterwegs, wie das heraus kommen würde. Nur wenige Kilometer nach dem Start waren wir nicht nur nass, sondern auch  dreckig wie die Schweine. Nach vielen Aufstiegen und glitschigen Abfahrten und einigen Stürzen war die Moral nicht mehr die Beste. Da es ein Einzelstart war und kein Massenstart, wussten wir auch nicht, wie wir im Rennen lagen.

Es ging aber allen wohl gleich schlecht. Wir trafen unterwegs viele gestürzte Fahrer und solche die aufgegeben hatten. Bei der ersten Kontrolle hatten wir für einige Minuten ein Dach über dem Kopf, dennoch war es arschkalt geworden. Ich fror vor allem an die Füsse und an die Hände. So zog ich ein paar neue Socken an, die ich immer im Rucksack mit mir führe. Sofort war es wieder besser um die Moral. Nur wenige hundert Meter später, waren diese jedoch erneut mit Wasser vollgesogen  und es froh mich wieder. Nachdem wir zweimal am gleichen Ort vorbei gekommen waren, wussten wir, dass da etwas nicht mehr stimmen konnte. Wir konnten und wollten wohl auch nicht eruieren, ob da jemand die Bänder, Fähnli oder Schilder verstellt hatte oder ob wir diese einfach im Nebel und Regen nicht gesehen hatten. Wir kehrten unterwegs in einem Restaurant ein und wärmten uns auf. Die hatten aber an den nassen Dreckskerlen gar keine Freude. Als wenig später aber noch weitere „Abandons“  einkehrten, besserte sich die Stimmung. Jetzt hatte der Wirt wenigstens ein gutes Geschäft gemacht. Auf der Strasse fuhren wir dann zum Start zurück, erstens um das Auto zu holen und auch, um die Räder an der Waschanlage zu waschen. Das war ein Ausflug zum Vergessen. 

54  MTB - Marathon im Welschen

 

Nur wenig später bestritt das gleiche Trio einen MTB-Marathon in Estavayer-le-Lac.

Wir lachten ob des Streckenprofils. Dieses sah so aus, als ob wir lauter Drei- oder Viertausender zu bewältigen hätten. Bei der Anfahrt auf der Autobahn hatte alles noch so flach ausgesehen. Wo wollten die auch die vielen Berge herholen ? Weit gefehlt, denn nach nur wenigen Kilometern auf der Ebene wurden wir eines Besseren belehrt. Eine Steigung reihte sich an die andere  und die waren erst noch lang und steil. Dafür war das Publikum super und aufgestellt. Da wurden uns Bananen und Orangen-Schnitze gereicht oder nasse Schwämme, um das Gesicht abzuwaschen. Wir schätzten das sehr, denn es war ein heisser Tag und das Wasser war rar.Das Rennen verlief wie immer, wir wurden alle in der hinteren Ranglistenhälfte aufgeführt. Das machte uns aber nichts aus, denn es war ein toller Anlass und jeder hatte sein Bestes gegeben. Leider passierte zum Schluss doch noch ein Missgeschick, nein es waren sogar deren zwei. Wir putzen mangels Wasser-anschluss und Schlauch die Räder mit Schwamm und Kessel im See. Keiner von uns dachte dabei an die Umwelt. Als ein Hotelportier  auftauchte, der uns drohte, die Police zu holen, verschwanden wir schnell. Wir luden die Bikes im Auto ein und machten uns auf den Weg zur Dusche. Als wir zurückkamen, suchte Jürg seinen Autoschlüssel vergeblich. Den hätte er auch nicht finden können, denn der war im Innern des Autos eingeschlossen. So musste er den Notfallservice anrufen und wir warteten mehr als zwei Stunden, bis wir endlich heimfahren konnten. Das war bereits das zweite Rennen, an das wir wegen all den Vorfällen noch lange zurückdenken können.

55  Glück im Unglück

 

Man nimmt sich immer wieder vor, noch vorsichtiger zu fahren, als bisher. Doch hin und wieder kracht es halt doch. Sei es aus Unachtsamkeit oder weil ein Anderer einen Fehler macht. So fuhren wir an einer Schwarzbubenrundfahrt von Dornach aus in zügigem Tempo in Einerkolonne auf der Hauptstrasse durchs Laufental. Kurz nach Laufen war mir das angeschlagene Tempo ein wenig zu hoch und ich musste mich quälen, um nicht abreissen zu lassen. Ach, hätte ich es doch getan. Da es am Vorabend geregnet und vor allem stark gewindet hatte, waren überall kleinere und grössere Aeste heruntergefallen. Diese lagen teils auf dem Radweg. Der Vorderste von uns konnte gerade noch einem dicken Ast ausweichen, doch der Zweite streifte diesen, ohne jedoch zu stürzen. Der Ast wurde aufgewirbelt und steckte bald darauf im Vorderrad von Günther. Dieser war so überrascht, dass er nicht mehr bremsen konnte, denn er wurde jäh vom blockierten Vorderrad abgebremst. Mit einem hohen Salto flog er zu Boden und war mehr als einen Moment lang  im Land der Träume.

Mir ging es nicht besser. Ich fuhr voll in Günther hinein. Ich konnte zwar auch nicht bremsen, hatte aber genug Reaktion, um mich wie eine Kugel abzurollen. So schlug ich nicht mit dem flachen Rücken auf dem harten Boden auf und es verschlug mir deswegen nicht den Atem. Obwohl mich alles schmerzte, stand ich sofort auf und zog Günther an den Wegrand. Die andern hörten es zwar scheppern und krachen, doch es verging eine Weile, bis alle anhalten und zum Unfallort zurückfahren konnten. Langsam kam Günther zu sich. Er sah total zerschlagen aus. Zwar hatte ihn der Sturzhelm vor grösseren Kopfverletzungen verschont, doch hinterliess der Abdruck der Brille im Gesicht blutige Ränder. Der Rest des Gesichtes war zerkratzt und geschürft, ebenso die Knie und Ellbogen. Vom Rennrad ganz zu Schweigen. Die Gabel war gestaucht. Nicht besser sah der grüne Alu-Rahmen seines teuren Cannondale - Rennrades aus. 

Es war so früh am Morgen, dass kaum Verkehr herrschte und wir kein Auto aufhalten konnten. So fuhr Beat mit seinem Rennrad so schnell wie möglich zum Start zurück, um sein Auto zu holen. Dann fuhren wir mit dem Verunfallten ins Spital. Dort wurde er geröngt und da nichts gebrochen war, ambulant behandelt und entlassen.

 

 Nur eine Woche später wurde Jürg an der Elsass-Rundfahrt in Wollschwiller  von einem französischen Autofahrer in einer Abfahrt überholt. Dass dieser aber gleich nach dem Ueberholmanöver vor uns rechts abbog, ohne Zeichen zu geben, war eine Frechheit. Er streifte nämlich Jürg und sein Sturz war unververmeidlich.  Zu Zweit fuhren wir dem flüchtenden Auto in einem Höllentempo nach. Irgendwo musste er sicher anhalten. Obwohl es leicht bergab ging, holten wir den aber nicht mehr ein. Tempo 55 oder 60 war auf längere Distanz nicht aufrecht zu erhalten. Klar, dass wir Jürg zur Kontrolle wiederum ins gleiche Spital brachten. Dort erkannten uns die Leute wieder und machten Sprüche über unser erneutes Erscheinen. Einer von uns war nicht auf den Mund gefallen und fragte nach Mengenrabatt. Da lachten die Dame an der Notaufnahmestelle und sagte, dazu sei sie nicht zuständig, das sollen wir mit dem Arzt aushandeln. Es war nur ein Spruch und wir liessen es sein, denn wir waren alle froh, dass auch in diesem Falle nichts gebrochen war und das Sturzopfer gleich ambulant behandelt und wieder entlassen werden konnte.

56  Köpfchen

 

 Wer es nicht in den Beinen hat, darf es wenigstens im Kopf haben. Dagegen ist wohl nichts einzuwenden, oder ? Ja, das ist so eine Sache.

Da ich eher trainingsfaul war, war an den Rennen kein Blumentopf zu gewinnen. So machte ich mir oft Ueberlegungen, wie ich meine Gegner legal austricksen könne. Am kantonalen Sprinterrennen war das noch am einfachsten. Da die Strecke oft viel weniger als einen Kilometer mass, rechnete ich mir gute Chancen aus. Im reinen Sprint war ich vielen meiner Mitkonkurrenten unterlegen. Ueber einen Kilometer erzielte ich aber auf der Bahn und auch am Km-Test gute Zeiten. Dabei muss ich aber ehrlicherweise festhalten, dass ich die letzten hundert oder zweihundert Meter schwer untendurch musste, weil ich immer wieder zu schnell angefahren war. Am Sprinterrennen hingegen zog ich jedoch mehrere Male vom ersten Meter an voll durch. Zum Ersten waren meine Gegner völlig überrascht, zum Andern trauten die mir keinen Alleingag zu. Mehr als ein halbes Dutzend Male kam ich durch den Laufsieg in den Final oder zumindest in den Halbfinal. Für mich war das, der sonst weit hinten klassiert war, bereits ein Erfolgserlebnis. An den Clubrennen hatte ich, ganz realistisch gesehen, auch nur minime Chancen. Vor allem im Kriterium und im Punktefahren war ich zu langsam und zu wenig ausdauernd. Mangels Helfern auf der Jury gab es bei uns kaum Kriterien, dafür umso mehr Punktefahren. Hier wurde nur den ersten drei Punkte gutgeschrieben und das war noch zu bewältigen mit den wenigen Helfern. Nebst vielen Lizenzierten hatten wir auch starke Gentlemenfahrer, die mir klar überlegen waren. Ich fasste wieder mal einen Plan, den ich zu meinem Erstaunen, auch durchziehen konnte. Ich legte vom Start weg los wie die Feuerwehr und so gelang es mir, in der ersten Wertung zu Punkten. Dann holten mich die andern ein und ich blieb in der Spitze. Bei der nächsten Wertung liess ich hinter dem Dritten die Beine hängen und die das Trio fuhr uns allen davon.  Die lange und harte Strecke bei Niederbipp hatte es in sich. Entweder man fuhr gegen die Bise in den Gegenwind oder die Strecke stieg leicht an. Als ich von den andern Fahrern im Feld energisch zum Führen aufgefordert wurde, lehnte ich grosszügig und ganz fies ab. Ich hatte bereits gepunktet, alle andern standen noch ohne Punkte da. So kam ich locker zu einem guten vierten Rang von mehr als einem Dutzend Teilnehmer. Das konnte ich aber nur einmal machen, dann war der Trick bekannt und sie hielten mich an der kurzen Leine. Immerhin gelang mir das gleiche Kunststück an einem kant. Gentlemenrennen in Niedergösgen. Meine drei Klubkollegen fuhren an der Spitze auf und davon und ich wurde mit wenigen Punkten wieder guter Vierter.  

 

Ein andermal waren wir an einem Etappenrennen in Treviso. Nebst den Rennen unter uns, wurden wir auch zu den italienischen Rennen eingeladen, welche jedes Wochenende und unter der Woche stattfanden. Wir, das waren ein halbes Dutzend Boninger Clubkollegen, einige Zürcher und Basler Radsportkollegen und einige deutsche Radler. Der berühmteste darunter war Rolf Wolfshohl. Der ehemalige Querfeldein-Weltmeister war auch 1978 immer noch schlank und rank und in guter Form. Vor einem Kriterium mit italienischer Beteiligung kam er zu uns und sagte, wir sollen für ihn fahren. Einfach nicht nachsetzen, sei schon genug. Am andern Tag wolle er dann für unsern stärksten Senioren René Gaillet fahren. 

So kam es wie abgemacht zu einem Rennen, das er dank der Unterstützung von uns im Alleingang entschied. Anderntags war er wohl so kaputt oder demotiviert, dass er nach wenigen Runden aufgab und seine Kollegen auch. So war René alleine auf sich gestellt und kam zu keinem zählbaren Resultat. Da ich immer ein wenig Angst in den Kurven und im Feld hatte, versuchte ich mein Glück oft in der Offensive. Mit einem grossen Effort konnte ich zur Spitze vorfahren und erst noch eine Lücke öffnen zwischen mir und dem grossen Feld. Die Italiener hielten aber zusammen und ein Trio schloss zu mir auf. Ich wusste ganz genau, dass nur noch der vierte Platz mein Ziel sein konnte, denn mit dem ehemaligen WM- und Olympiateilnehmer Giuseppe Beghetto und weiteren guten Bahn- und Kriterien-Spezialisten war nicht zu spassen. So war es auch. Sie liessen mich führen und wenn es um die Punkte ging, preschten die locker an mir vorbei. Meine Begleiter und Kollegen riefen mir zu, ich solle nicht so viel  führen. Mir war das aber egal. Durch die regelmässige Fahrt kam das Feld nicht mehr näher heran und so wurde ich hinter dem überlegenen Trio erneut „nur“ Vierter. 

Für mich war das ein Erfolg, von dem ich vor dem Rennen nicht zu träumen wagte und für den ich blanko unterschrieben hätte.

57  die Ledermedaille

 

 Dass die Medaillen an grossen Anlässen wie WM, Olympischen Spielen oder Landesmeisterschaften aus Gold, Silber und Bronce sind, dürfte allgemein bekannt sein. Wenn aber jemand den 4. Rang belegt, spricht man von der Ledermedaille. Ich mag mich noch gut erinnern, dass ein Kollege von mir, der Schuhmacher war, hie und da einem Viertklassierten zum Plausch eine Medaille aus Leder bastelte und ihm diese zusandte. Von Ledermedaillen, wenn auch nur an regionalen Anlässen, hatte ich mehr als genug. Wie die Bäcker, Arzte oder Studenten eigene Landesmeisterschaften haben, trugen die Eisenbahner-Sportvereine ebenfalls eine solche aus. Da ich dort als SBB-Angestellter Mitglied war, war ich startberechtigt. Ich zählte zwar nie zu den Favoriten und wegen den zu gewinnenden Preisen musste man dort auch nicht gefahren sein. Dennoch nahm ich einige Male daran teil. Dies vor allem, weil meine beiden Arbeitskollegen Wisu und Beat ebenfalls starteten. So fuhren wir in einem Renault zu dritt nach Ems ins Bünderland, um bei der

MTB-Meisterschaft des öV zu starten. Neuerdings durften auch Trämler und Postbeamte daran teilnehmen. Wir fanden eine herrliche und trockene Strecke vor, die mir sehr behagte. Da diese keine gefährlichen Abfahrten aufwies und relativ flach war, montierte ich keine Stollenpneus, sondern ging mit Slicks an den Start, zudem pumpte ich ein bisschen härter als normal. Es zahlte sich aus, denn bereits kurz nach dem Start – meiner Schwachstelle – lag ich in den ersten Zehn und mit der Dauer des Rennens konnte ich durch kluge Einteilung meiner bescheidenen Kräfte noch manchen Platz gutmachen. Zu mehr als Rang vier reichte es jedoch nicht. Dennoch war ich damit mehr als zufrieden und mein Kollege Wisu auch. Er hatte sogar souverän gewonnen und war Schweizer Eisenbahnermeister geworden. Das Trio auf dem Podest erhielt eine Medaille und einen Erinnerungspreis, der vierte ging ebenso leer aus, wie der Letztplatzierte. Wir machten uns einen schönen Tag und fuhren den langen Weg nach Hause. Kurz vor Oberbuchsiten – wo wir Wisu abladen wollten – rief er zu Hause an und sagte zu seiner Frau: Schatz, es kann später werden, wir stecken immer noch am Walensee im Stau. Sie bedauerte dies sehr und meinte traurig, nun müsse sie das Fondue wieder beiseite stellen, bis er zu Hause eingetroffen sei. Inzwischen waren wir bereits bei ihm zu Hause angelangt und schlugen an der Türglocke Alarm. Wie war sie erstaunt und noch mehr erfreut, dass das mit der Verspätung nur ein Scherz gewesen war. 

 

Ein andermal fuhr ich mit der SBB ganz alleine nach Aigle. Dort fand erneut die Landesmeisterschaft der Biker statt. Die Strecke gefiel mir sehr, denn ein Jahr zuvor wurde genau darauf die Quer-SM abgehalten. Das war, als Dieter Runkel bei den Amateuren zusammen mit Roger Honegger fünf Meter vor dem Ziel in einen Sturz verwickelt war und als erster aufstand und über die Ziellinie rannte und deshalb auch den Titel gewann. Item, die Strecke war hart, sehr lang und ebenfalls trocken. Ich war gut in Form und konnte nach ver-haltenem Start viele Fahrer überholen. Da es aber einige Spitzenfahrer dabei hatte, wurde ich von einem in der letzten Runde überrundet. Weil der Speaker am Start erklärte, es werde nach SRB-Reglement gefahren, wusste ich,  was das für mich bedeutet. Wenn der Sieger im Ziel ist, ist das Rennen beendet. So hielt ich nach dem Zielstrich an, stieg ab und entledigte mich meiner Start- und Rahmennummern. Da hörte ich im Lautsprecher  auf französisch: „Pour se classificier on doit absolver tout les dix tours. Um klassiert zu werden, musste also die gesamte Distanz von zehn Runden zurückgelegt werden. Hastig liess ich mir die Rückennummer wieder befestigen und suchte fieberhaft nach einem Stück Draht oder Schnur, um die Rahmennummer wieder zu anzubringen. Die Kabelbinder waren ja nicht mehr zu verwenden. Dadurch gingen sicher zwei oder drei Minuten verloren, von meinen Nerven ganz zu schweigen. Mit einer gehörigen Wut im Bauch und gefühlten zweihundert Puls fuhr ich weiter und holte weitere Fahrer ein. Im Ziel wurde ich bei den Senioren einmal mehr als Vierter klassiert und dies nur zehn Sekunden hinter dem Drittklassierten. Da wäre wirklich mehr drin gelegen ! Meine Rückfrage im Ziel wegen dem SRB-Reglement hat ergeben, dass die das anders ausgelegt haben, als ich. Es war ein Elitefahrer, der mich überrundet hatte und nicht der führende bei den Senioren. Das waren zwei verschiedene Rennen, wir fuhren nur zusammen, da beide Kategorien die gleiche Distanz zurückzulegen hatten. Nur wenn mich dieser überrundet hätte, wäre mein Ausscheiden gerechtfertigt gewesen. Ich schluckte die Kröte und hatte auf jeden Fall etwas gelernt dabei. Da es auch hier keine Preise zu gewinnen gab, hielt sich der Schaden in Grenzen.  Klar wäre es schön gewesen, wenn ich nur einmal in meiner langen Karriere auf dem Podest gestanden wäre. Zum Schluss musste ich mich aber doch noch beeilen. In der letzten Runde hatte es zu regnen begonnen und das Bike wurde doch noch schmutzig. Zu schmutzig auf alle Fälle, um dieses so im Zug verladen zu wollen. Mangels Wasserschlauch und anderen geeigneten Mitteln wuschen wir alle unsere Bikes am Dorfbrunnen, indem wir leere Pet-Flaschen mit Wasser abfüllten, um wenigstens einen Behälter zu haben. Primitiver geht’s wirklich nicht. Kann mir aber vorstellen, dass  wenigstens der Zugbegleiter Freude an uns gehabt hat, da er sich beim Einladen immerhin keine schmutzigen Finger und Kleider holte.  

58  Anton zieh die Bremse an

 

Wieder einmal stand ein Clubzeitfahren auf dem Programm.  Normalerweise standen damals zwischen 15 und 20 FahrerInnen am Start, nur wenn es regnete, nahmen weniger daran teil. Und wenn man halt nicht so stark ist im Fahren aber umso besser im Rechnen, kommt man auf solche Gedanken: Wenn es regnet, kommen weniger FahrerInnen und dann bin ich weiter vorne klassiert und hole mir so wertvolle Punkte, die in anderen Rennen erst noch hart verdient sein müssen. Es regnete wie aus Kübeln und ……..doch viele dachten gleich wie ich. Auf alle Fälle waren wir mehr als ein Dutzend Aktive am Start und es war wohl nichts mit „billig“ zu erbenden Punkten.Wenn man bereits nass ist kann es ja nicht schlimmer kommen und ich startete furios, rechnete mir aber keine grossen Chancen aus, denn die Strecke war kurvig und ich hatte – vorsichtig wie  immer  – die Hände wohl mehr an den Bremshebeln, als die andern. Aber, oh Schreck ! Gleich beim ersten Versuch, leicht abzubremsen, tat sich gar nichts. Die Bremsgummis griffen nicht. War das wohl, weil ich ein neues Paar Räder eingespannt hatte ? Ich glaube, die Felge hatte so etwas wie einen Belag drauf, der sich erst noch abreiben lassen musste. Oder war das sogar eine Folie ? Was sollte ich machen ? Aufgeben kam nicht in Frage. Ich fuhr einfach die Kurven so schön an, wie ich es nun mal konnte und liess das Bremsen sein. Zur Aller Ueber-raschung und für mich noch mehr, gelang mir deshalb eine Superfahrt und ich klassierte mich auf dem dritten und letzten, aber für mich immer noch ehrenvollen Podestplatz. Ob da das „Ghürsch“ im Kopf oder sogar im Hinterkopf auch eine Rolle gespielt hat ? Auf alle Fälle war mir nun bewusst geworden, wieviele Ränge und Punkte ich durch meine ewige Bremserei bisher verloren hatte. Kollegen von mir hatten schon oft behauptet, wenn ich mal einen Siegelring oder einen Grabstein machen lasse, müsse der einen Bremshebel oder einen Bremsklotz aufweisen. Dies wohl auch in Anspielung auf meinen zweiten Vornamen  

 

                                                                                           Motto:  Anton zieh die Bremse an !

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       Bildergebnis für bremsklotz                                               

59  wenn die Geier kreisen

 

Zusammen mit (Pitralon)-Ueli und (Veilchen)-Jürg fuhr ich vor Jahren die 100 km – Strecke des Jura-Derby ab. Unterwegs erlebten wir nichts, das der Rede wert gewesen wäre und ich mag mich auch nur vage an den ersten Teil über den Scheltenpass erinnern. Nach dem obligatorischen Halt in der Scheltenmühle fuhren wir weiter dem Bach entlang, um dann beim Wendepunkt nach Courchapoix Richtung Wermes abzubiegen. Kurz danach musste ich einen Plattfuss in Kauf nehmen, doch diesen hatten wir bald behoben. Die Höhe von Seehof und Corcelles erreichten wir ohne weitere Vor-

kommnisse, doch dann  überschlugen sich die Ereignisse. Beim höchsten Punkt fuhr Jürg einfach weiter, obwohl Ueli und ich angehalten hatten. Währenddem ich den Windstopper anzog, um ein wenig gegen die Kälte in der Abfahrt gewappnet zu sein, notierte Ueli in seinem Tourenbuch die Höhe über Meer. Er bestritt damals das Einzeltourenfahren und brauchte diese exakten Angaben, die er dem dort platzierten Wegweiser entnahm. Bald darauf fuhr ich weiter, denn ich wusste, dass ich als bedächtiger Abfahrer schon nach wenigen hundert Metern eingeholt werden würde. Dem war aber nicht so. So viel ich auch bremste und zurück schaute, Ueli kam und kam nicht, auch nach mehr als einem Kilometer hatte er mich noch nicht eingeholt. Ich befürchtete Schlimmstes. So kehrte ich um und fuhr missmutig den Berg hinauf. Ganz oben, in der ersten Kurve nach dem Wegweiser sah ich ihn am Boden liegen und das Velo lag auf ihm drauf. So etwas hatte ich noch nie gesehen und ich glaubte an einen Scherz. Das war ihm mehr als jedem anderen zuzutrauen. Ich rief ihm schon von Weitem zu: Wenn das ein Witz ist, schlage ich Dir die Velopumpe um die Ohren, bis diese zerbröckelt. Doch es war kein Scherz. Er krümmte sich vor Schmerzen. Er war zu Nahe am Strassenrand gefahren und als ein Stück des frisch geteerten Stückes abbrach, fuhr er mit dem Vorderrad in die tiefe Rinne, die den Wegrand markierte. Er fiel so unglücklich auf den Kopf und dann auf den Rücken, dass es ihm nicht nur die Luft abstellte, sondern er brach sich dabei sogar das Becken. Aber das vernahmen wir erst nachher. Nur zentimeterweise und ganz vorsichtig konnte ich den Verunfallten von der Strassenmitte an den Rand der Strasse ziehen. Auf die Schürfungen musste ich nicht mehr achten, es ging einzig und allein darum, seine Schmerzen in Grenzen zu halten. Was nun ? Jürg, der als Einziger von uns ein Handy dabei hatte, war vorausgefahren und nützte uns nichts. Wir waren nicht nur am Berg, sondern auch am A…….  Zu unserem grossen Glück kam ein Biker den Berg herauf. Natürlich hielt er bei uns an und ich erzählte ihm das Vorgefallene. Es war ein Jurassier, der sofort schaltete und das Spital in Delemont anrief. Er konnte das viel besser als ich, denn Französisch war seine Muttersprache. Nach langem Warten erschienen die Samariter und ein Arzt in einem Geländewagen. Der Patient wurde auf eine Bahre geladen und abtransportiert. Wie mir Ueli im Nachhinein erklärte, war die Fahrt im Jeep schmerzhafter als der Sturz, denn erstens dauerte die Fahrt eine Ewigkeit und zudem spürte er jedes Schlagloch, von denen es mehr als genug hatte. Vermutlich hatte der telefonierende Helfer gesagt, es handle sich um einen verunfallten Biker und nicht um einen Rennvelofahrer. So meinten die Leute im Spital, es gelte einen in unwegsamem Gelände Verunfallten abzuholen. Mit einem „normalen“ Spitalauto wäre dem aber besser geholfen gewesen. Nachher durfte ich noch meiner Frau anrufen. Wir hatten damals einen Toyota Tercel, also ein Auto mit viel Platz im Kofferraum. Meine Frau fuhr aber nicht über den Scheltenpass, sondern durchs Tal über Gänsbrunnen, Das war erstens viel näher und zweitens kannte sie sich da erst noch besser aus. Vor Gänsbrunnen kam ihr Jürg mit dem Velo entgegen. Er wusste natürlich von allem nichts und war überraschht, vom Unfall zu vernehmen. Sie holte mich und die beiden Räder auf der Corceller Höhe ab und zuhause luden wir die Velos bei mir und bei Ueli ab und orientierten seine Gattin. Inzwischen hatte Ueli seine Verlegung nach Olten verlangt und das machten sie auch. Wir konnten ihn am gleichen Abend noch besuchen und anderntags war er bereits zum Scherzen aufgelegt. Als wir von ihm noch einmal alles genau erfahren wollten, übertrieb er nicht wie erwartet, sondern blieb sachlich und cool. Er spielte wirklich den harten Kerl. Er war zu Bedauern, denn das war wirklich ein Ereignis, das man nicht einmal seinem ärgsten Feind wünscht. Zum Schluss bemerkte er noch trocken: am Schlimmsten seien nicht die Schmerzen gewesen, sondern die Ungewissheit, ob er je wieder Velo fahren könne und dürfe. Ebenso war ihm nicht klar, als er halbtot vor Schmerz am Boden lag, ob über ihm bereits die Geier gekreist seien oder ob das  Andenkondore waren. Nun hatten wir die Gewissheit, dass es ihm wieder besser geht.

60  im Luzerner Hinterland

 

 Im Jahre 2000 war noch mehr los im schweizerischen Tourenfahren als heute. Fast jeder Verein organisierte eine Volksradtour oder eine Rundfahrt. Da wir jedes Jahr eine neue Tour besuchen wollten, nahmen wir das Hügel-Derby in Littau/LU erstmals  in den internen Jahreskalender auf. Wie gewohnt meldeten sich nur wenige im voraus an. Der Rest der Mitglieder wollte das Wetter abwarten. So fuhren wir früh am Morgen zu siebt los. Deren Fünf waren vorangemeldet, zwei hatten sich trotz sintflutartigem Regen spontan entschlossen, doch zu starten. Die Leute bei der Anmeldung staunten nicht schlecht. Dass sich sogar noch zwei Teilnehmer bei dem schlechten Wetter nachmeldeten, war wohl nicht erwartet worden. Der Mann bei der Anmeldung musste noch schnell nach Hause fahren, um weitere Startkarten und das Quittungsbüchlein zu holen. Wir fuhren los und waren schon nass, bevor wir den Luzerner Vorort richtig verlassen hatten. Starke Nebelschwaden und viel und starker Regen begleiteten uns auf der ganzen Tour. Wie wir oberhalb der Rengg feststellten, zog der Veranstalter die Richtungsschilder gleich nach uns wieder ein. Als wir den Helfer danach fragten, erklärte er uns, total seien nur neun Fahrer unterwegs. Die beiden andern seien ein wenig früher als wir losgegefahren und es komme niemand mehr. Die Tour war für uns alle eine echte Herausforderung. Wir hatten noch zwei  Jugendmitglieder dabei, die sich aber überraschend gut hielten. Natürlich wären wir alle viel lieber bei Sonnenschein unterwegs gewesen.  Die Tour endete aber nicht so traurig und trostlos, wie sie begonnen hatte. Bei der Zielankunft trafen wir auf die beiden andern Teilnehmer. Diese ermunterten uns, nach dem Duschen noch in die Festwirtschaft kommen. Es gäbe eine Verlosung unter allen Fahrern.  Der rührige Veranstalter hatte sich alle Mühe gegeben und dazu drei Früchtekörbe und drei weitere schöne Preise organisiert.

Unsere Chancen standen also gut und wirklich,  weil wir sieben von neun Teilnehmern stellten, reichte es fast jedem zu einem tollen Preis. Die Tour wurde leider nicht mehr durch-geführt und vom Kalender gestrichen. Der schlechte Aufmarsch hatte dem Verein ein Defizit beschert, das er sich nicht ein zweites Mal antun wollte.

61  Interview mit Dieter Runkel  - Profi-Weltmeister Rad-Quer 1995

 

 von Anfang an hast Du am Quer-Cup teilgenommen.  Zuerst als Anfänger und Junior, dann als Elitefahrer, Profi und sogar als Weltmeister, insgesamt während rund 25 Jahren also. Sicher kannst Du uns darüber einige Fragen beantworten:

- in welchem Alter und wie kamst Du zum Quer-Cup ?

DR: Wenn ich mich nicht täusche, war das 1983, also mit 17 Jahren.

- welches war Dein erstes Rennen ?

DR: Das wäre dann auch 1983 auf der legendären Zürcher-Waid gewesen.

-hast Du besondere Erinnerungen daran ?

DR: Das besondere für mich war, dass ich wohl der einzige Fahrer war, der mit Adidas Rom Turnschuhen und Wolltrikot am Start stand. Ich aber von meinem Trainer Kurt Bürgi so gut betreut wurde, dass ich gleich auf den 3. Rang fuhr ! 

- welchen Stellenwert hatten diese Trainingsrennen für Dich ?

                                                    DR: Da an diesen Rennen auch Fritz Saladin, Bernhard Woodtli und so wie ich mich erinnere auch gelegentlich Albert Zweifel am

                                                    Start waren, war der Stellenwert für mich sehr hoch.

                                                             - wie wichtig waren die Preise im Schlussklassement ?

                                                             DR: Als kleiner Junge sind Preise oder Erinnerungen immer wichtig.

                                                             - welche Strecke lag Dir am Besten ?

                                                                 DR: Da ich eigentlich keine Schwächen hatte und gerne Radquerrennen fuhr, lag mir jede Strecke.

                                                             - welche Strecke mochtest Du weniger und warum  ?

                                                             DRGut, als ich dann in Holland und Belgien Rennen fuhr, hatte ich mühe mit den Sand-Rennen.

                                                             - wie hoch war das Niveau an den Rennen damals und heute ?

                                                              DR: Schwer zu sagen, dies ist sicher mit der Entwicklung und der Popularität abzuwägen.  Aber grundsätzlich

                                                                   hat jede Generation ihr eigenes Niveau.

                                                                   -wem kannst Du diese Rennserie empfehlen ?

                                                                   DR: Allen die Freude haben, Rennen hobbymässig zu bestreiten und sich langsam für eine grosse Karriere vorzubereiten.

                                                                   Nach Deiner Aktivkarriere nahmst Du auch als Biker daran teil ? Nun hiess die Serie Quer- und Bike-Cup

                                                                   - was ist daran anders als am Radquer ?                                                              

                                                                   DR:Da die Biker anfänglich noch nicht so gut organisiert waren und es noch nicht so viele Rennen gab, war oder ist das Bikerennen immer 

                                                                    eine kleine, kantonale Weltmeistschaft!  

                                                                    - was ist gut am Quer- und Bike-Cup ?

                                                                    DR: Eben, dass Jung und Alt in einem Rennen Spass haben können.

                                                                    - was kann man noch verbessern ?

                                                                    DR: Eigentlich nichts, es soll mit möglichst wenig Aufwand, möglicht viel erreicht werden können !

                                                                    -was wünscht Du dem Quer-und Bike-Cup für die Zukunft ?

                                                                     DR: Dass die Rennserie auch in Zukunft weiter geht, ohne dass grosse Geldgeber gesucht werden müssen !

                                                                     So möchte ich mich im Namen aller Teilnehmer die am Cup starten, bei den Organisierenden bedanken ! 

62  Geschichte des Quer- und Bike-Cup

 

     

Vor mehr als 45 Jahren fanden in der Region noch mehrere Nat. und Int. Rad-Quers statt.

Ab 1969 wurden in Boningen Nat. Radquers organisiert. Es war die Zeit von Seriensieger Albert Zweifel und dem ewigen Zweiten Peter Frischknecht. Hie und da konnte auch der spurtstarke Willi Lienhard ein Rennen gewinnen. Ab 1971 kam das Rennen von Hägendorf dazu, bald einmal folgten mit Balsthal, Oberbuchsiten, Grenchen, Dagmersellen, Melchnau, Pieterlen, Herzogenbuchsee, Langenthal, Buchs AG, Niederlenz AG und Gränichen/AG  weitere willkommene Startgelegenheiten in der näheren und weiteren Umgebung. Im Februar 1975 fand in Melchnau die Weltmeisterschaft statt. Als einziger Regionaler vermochte sich der Hägendörfer Urs Ritter mehrmals für die WM zu qualifizieren. Selten klassierte sich ausser ihm ein anderer Fahrer aus dem Verbandsgebiet in den top-ten. Die andern Spitzenfahrer stammten vorwiegend aus dem Zürcher Oberland, wo der Quersport noch mehr Tradition hatte und bald jedes Dorf ein Quer durchführte. (Steinmaur, Männedorf, Meilen, Uster, Stäfa, Volketswil, Richterswil, Hombrechtikon, Embrach, Zürich Waid, Zürich-Albisrieden, Dietlikon usw.

 

Die Boninger Organisatoren mit Peter Wyss an der Spitze wollten mehr Zuschauer an die Rennen locken. Mit guten einheimischen Fahrern war dies vielleicht möglich und man sicherte dem kantonalen Sportpräsidenten Stephan Kainersdorfer die volle Unterstützung zu. Bald fanden im Winter an den rennfreien Samstagen die ersten Trainings-Quers statt. Solche gab es bereits zuvor, wenn auch in kleinerem Rahmen, im oberen Baselbiet und wurden von Hans Kammer, dem Sportpräsidenten beider Basel organisiert. 

Die Fahrer waren noch mit wenig zufrieden und die Jury auch. Ein Tisch und ein Stuhl, eine Handstoppuhr, eine Starterpistole, eine Glocke sowie eine Rundentafel waren die ersten Utensilien. Mehr brauchte es nicht. Es war fast ein familiärer Anlass, obwohl bereits zu Beginn über 50 Fahrer am Start waren. Am 16.Januar 1977 fand in Boningen bei meterhohem Schnee und grosser Kälte die Rad-Quer-Schweizermeisterschaft statt. Bereits zeigten sich die ersten Erfolge. Mit dem Hägendörfer André Moser auf dem Podest (3.) bei den Junioren und weiteren regionalen Fahrern in den ersten zehn waren die Fortschritte klar zu erkennen. Heute noch bestreiten einige der damaligen Aktiven den Quer-Cup in der Kat. Hobby. Bald einmal bekam der Quer-Cup einen neuen Namen. Dank der tollen Unterstützung  von VC Born-Ehrenmitglied Arnold Gerber von Radsport Gerber AG in Oftringen hiess der Anlass rund 20 Jahre lang Gerber-Quer-Cup. 1987 in Boningen und Laupersdorf nahmen die ersten Biker daran teil. Die Querfahrer beschwerten sich wegen der breiten Lenker der Mountainbiker. Dies bedingte eine neue Kategorieneinteilung. Bike-Guru Louis Kramer aus Olten war einer der ersten, der sich mit dem Bike durchsetzte. Bald einmal war das Fahrerfeld am Bike-Rennen grösser als dasjenige der Querfahrer. Kurt Bürgi, der damalige Rad-Quer-Nationaltrainer sah dies nicht gerne, ahnte er doch die Konkurrenz zum Quersport. Heute ist das kein Problem mehr, das eine schliesst das andere nicht aus. Sowohl Thomas Frischknecht und Dieter Runkel, als auch Albert Zweifel waren sich nicht zu schade, am Quer-Cup die Form zu testen, ersterer nur im Rad-Quer, die beiden Anderen später auch bei den Bikern und erst noch erfolgreich.

Nach dem Rückzug des Gründers nach 18 Jahren zeigten sich Beat Jäggi und Gattin zusammen mit einer IG für die Organisation des Quer- und Bike-Cups verantwortlich. Dieser hiess nach dem Rückzug von Radsport Gerber jahrelang Saeco-Cup und anschliessend Hörmann-Saeco-Cup.

Nach einem Dutzend Jahren hatten auch Beat und seine Leute genug und es war ein neuer Veranstalter gesucht. Kurt Bürgi (BCA-Cycling) führte in Zusammenarbeit mit den organiserenden Vereinen weitere zwei Jahre diese beliebte Serie durch. Wegen dem jeweiligen Sponsor wurde er nun

Hertz-Cup, dann Raiffeisen-Cup genannt. Nach wie vor finden die Rennen in der Region statt. Mit Boningen, Schwarzhäusern, Fulenbach, Däniken, Möriken-Wildegg, Pfaffnau, Riken, Oensingen, Wolfwil, Safenwil und Egerkingen war eines der Ziele erreicht. Die FahrerInnen mussten keine langen Anfahrtswege in Kauf nehmen, meistens war sogar die Anfahrt mit dem Rad möglich.

Ab 2009 gab es erstmals keinen federführenden Veranstalter mehr. Die Organisatoren der Rennen sassen zusammen und die Arbeit wurde aufgeteilt. Obwohl in allen Belangen alles klappte, war diese Lösung nicht das gelbe vom Ei. Jemand muss verantwortlich sein. Ab 2010 übernahm der Fach-ausschuss Rennsport des Solothurner Kantonalverbandes die Organisation. Dies auch deshalb, weil die verschiedenen Anlässe vom Kantonalverband unterstützt werden. Obmann Dirk Scheding vom CRC Rickenbach hatte mit seiner Familie alles im Griff. Er stellte sein Wohnmobil für die Anmeldung und den Computer zur Verfügung. Die Jury ist bereits aus bewährten Leuten zusammengestellt. Wenn jeder der Bisherigen 2 – 3 mal helfen kommt, muss keiner den ganzen Herbst für die Rennserie opfern. Die Rangliste inkl. Homepage gestaltet der kantonale Pressechef Manuel Ackermann vom VC Born Boningen nach wie vor. Obwohl dieser seit einigen Jahren seinen Wohnsitz in Finnland hat, klappt auch dies dank der modernen Technik.

 Da sich der Kantonalverband aus unerklärlichen Gründen von der Organisation zurückzog, blieb die Organisation an Dirk Scheding und Stephan Kainersdorfer hängen. Zusammen mit den organisierenden Vereinen konnten die letzten drei Jahre steigende Teilnehmerzahlen verzeichnet werden.

Für die kommenden Jahre sind die Veranstalter zuversichtlich, bewarben sich doch mit Wiedlisbach, Holderbank und Melchnau bereits neue Veranstalter erfolgreich. Ende 2016 stiegen Dirk und Nils Scheding als alleinige Organisatoren beim Quer- und Bike-Cup aus. Die Fortsetzung ist nun gesichert. Dani Parpan und Adrian Meier vom VC Pfaffnau-Roggliswil haben die Organisation übernommen und die erste Saison konnte mit einer Rekordbeteiligung erfolgreich abgeschlossen werden. Der nun Afeno-Quer- und Bike-Cup genannten Rennserie kann für die weitere Zukunft guten Mutes entgegen gesehen werden. Beide verdienen uneingeschränktes Vertrauen und die Unterstützung der bisherigen Vereine. Die gute Zusammenarbeit mit der IG Radquer und der regionalen Presse wird weiterhin zu einem guten Gelingen beitragen. Einzig die Jury hat Nachwuchs dringend nötig. Je mehr Helfer sich dazu zur Verfügung stellen, je weniger Male muss jemand mithelfen. Es ist keine Hexerei, das kann man lernen und zwar nicht in der Theorie, sondern in der Praxis auf dem Jurywagen. Da es immer weniger Startgelegenheiten an Nat. und Int. Quers in der Schweiz gibt, durften wir oft mehr als ein Dutzend Elitefahrer an den Trainingsrennen begrüssen.

Leider wird mit vielen Namen und verstreuten Sektionen die Sponsorensuche schwieriger, auch bei Bewilligungen und Versicherungen muss jemand verantwortlich sein. Die Aufzählung der Namen und Veranstaltungen ist nicht komplett. Es soll sich niemand übergangen fühlen, das war nie meine Absicht. Es war einfach nicht mein Ziel, einen Bericht von doppelter Länge zu schreiben und dann doch noch etwas Nennenswertes zu vergessen. Besten Dank für Ihr Verständnis. Als Gründer und Initiant dieser Rennserie würde es mich freuen, wenn sich auch in den kommenden Jahren Veranstalter finden lassen. Mit dem Ausstecken und der Sicherung der Strecke ist bereits viel geholfen. Nebst einem Beitrag von den Veranstaltern, kann auch mit einer Festwirtschaft etwas für die Vereinskasse geholt werden. Zudem sind die Veranstalter frei beim Einholen von Inseraten oder Sponsorenbeiträgen.  

63  ein Veilchen

 

Die bisher geschilderten Ereignisse liegen alle schon mehr als zehn Jahre zurück, doch das Letzte bleibt mir noch in bester Erinnerung, sind doch seither kaum ein halbes Dutzend Jahre vergangen. Wir fuhren von Langenthal herkommend in Einerkolonne Richtung Aarwangen. Da überholte uns ein schwarzer Kombi so knapp, dass wir alle erschraken. Zum Glück ist niemand gestreift oder an den rechten Fahrbahnrand abgedrängt worden. Doch statt erleichtert aufzuatmen und ein Stossgebet gen Himmel zu senden, dass alles so glimpflich abgelaufen war, fuhr  einer von uns dem frechen „Siech“ nach, um ihn zu stellen.Bereits in der Abfahrt in Aarwangen, wo Tempo 50 galt, schloss Phil zum Auto auf. Der Fahrer  sah seinen Verfolger auf dem Rad wohl im Rückspiegel und ahnte, was sich nun abspielen würde. Er wusste sich nur mit einem brüsken Bremsmanöver zu helfen, einem Schikanestopp also. Phil fuhr ihm voll hinten hinein und stürzte schwer. Bevor er jedoch auf den Beinen war, fuhren wir zu den Beiden auf. Jürg, ein grosser kräftiger Mann, stieg vom Rad und holte den Mann am Kragen aus dem Auto. Er wollte ihm sein Rennvelo auf dem „Grind“ zerschlagen.

Nur dank dem Eingreifen weiterer Clubmitglieder konnten wir diese Tat verhindern. Als der Autofahrer deswegen der Polizei anrufen wollte, tönte es hinter uns: „Musst nicht anrufen, bin schon da und habe alles gesehen“. Der Polizeiposten von Aarwangen befand sich keine zwanzig Meter von der Hauptstrasse und vom Tatort entfernt. Diejenigen, die erst später dazu gefahren waren, schickten wir nach Hause, der Rest von uns musste auf den Posten zur Zeugenaussage. Der Lenker des Autos hatte eins aufs Auge gekriegt, das immer mehr anschwoll. Ein herrliches Veilchen zeichnete sich ab. Es war ein Deutscher, der das Auto voller Pflanzen geladen hatte, deshalb wollte er nach hinten gar nichts gesehen haben.

Das war nur eine Ausrede wegen dem Schikanestopp. Wir rochen beim Fahrer Alkohol und verlangten einen Alkoholtest. Dieser wurde zwar gemacht, doch haben wir als Zeugen nie etwas vom Ergebnis erfahren, ebenfalls haben wir keine Kenntnis davon, wie der „Fall“ für alle Beteiligten ausgegangen ist.  Wir hätten nie gedacht, dass ein so lieber Mann, der keiner Fliege etwas zu Leide tun kann, für einmal so ausrasten kann. Zusammen mit Phil machten wir einen rechten Umweg, um nach Hause zu gelangen. Seine rechte Seite war ganz aufgerissen und von seinem Allerwertesten sah man mehr als die Hälfte rosarot hervorschimmern. Das war ihm mehr als peinlich. Pavian war das mildeste Schimpfwort, das er zu hören bekam. Der Pechvogelpreis war ihm dieses Jahr auf sicher.

64  von weiteren MTB's

 

Kaum hatte ich mein erstes Bike verschenkt, wollte ich mir ein anderes anschaffen. Diesmal fand ich eines bei MTB-Guru Louis Kramer. Meine Anforderungen waren bescheiden. Es musste leichter sein als das bisherige Alu-Bike und erst noch vorne mit einer Federgabel ausgerüstet. Ich fand eines des Marke KTM, das alle Ansprüche erfüllte. Es war in einem nicht zu knalligem Gelb gehalten und die Rohre waren extrem dick, aber dennoch leicht. Viele Jahre lang fuhr ich mit diesem Bike Rennen und schöne, harte und lange Touren und dies alles pannenfrei. Als ich aber einmal mit den Kameraden vom Eisenbahnersport unterwegs war, passierte mir ein Missgeschick.

Wir fuhren mit der Eisenbahn bis nach Koblenz und stiegen dort aus. Dem Rhein entlang erreichten wir auf vielen Hügelzügen das Fricktal. Ueber die Rebberge bei Remigen und Möhntal kamen wir in bekanntere Gefilde. Nach einem Umtrunk auf der Staffelegg mochten wir aber nicht auf der viel befahrenen Hauptstrasse nach Aarau hinunterstechen, sondern fanden einen schmalen Pfad. Ueber die Treppenstufen war auch ein wenig Technik gefragt und es machte uns allen viel Spass. Leider erwischte ich nicht den besten Tag und musste sogar bergab abreissen lassen. Da ich den Weg nicht kannte, wollte ich aber nicht abgehängt und alleine weiterfahren und riskierte alles, um meine Kollegen doch noch zu erreichen. Bei einer besonders hohen Stufe blieb ich stecken, dies aber ohne zu stürzen.  Das Bike schien nicht beschädigt, aber nur eine Woche später trafen wir auf der Stelli ob Bärenwil bei einer anderen Tour auf meinen Nachbarn Kurt.

Wir blieben stehen und tauschten einige Worte aus. Da zeigte er mir auf das Steuerrohr und fragte, ob ich denn da einen Riss habe. Ich erschrak nicht schlecht, denn damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte den haarfeinen Riss beim Reinigen zwar auch gesehen, diesen aber für eine Absplitterung im Lack gehalten. Sobald ich ein wenig am Lenker zog, weitete sich der Riss aus und ich wusste nun, was es geschlagen hatte. So locker als möglich fuhr ich nach Hägendorf hinunter und suchte den dort neu ansässigen Velohändler auf. Der Rahmen war im Eimer, alle Teile sowie die Räder waren aber fast neu, auf alle Fälle noch gut erhalten und konnten wieder verwendet werden. So fragte ich ihn, ob er mir einen Rahmen offerieren könne und es eile sehr, denn bereits am kommenden Freitag wollten wir den Schwarzwald-marathon in Kirchzarten bestreiten. Er überlegte nicht lange, sondern zeigte mir einen grün-schwarzen Rahmen von Merida. Das sei der Einzige, den er im Moment auf Lager habe. Diesen wolle er so oder so loswerden und retour senden, denn er habe den von der Firma in der falschen Farbe angeliefert erhalten. Als er mir den Preis von Fr. 260.— inklusiv Montage nannte, zögerte ich keinen Moment und sagte sofort zu. 

Anderntags gegen Abend konnte ich das Bike abholen und fuhr erst mal Richtung Bölchen hinauf. Es passte so gut wie das bisherige und ich war glücklich und zufrieden. Als ich aber an einem besonders steilen Anstieg die Kette verlor, sah es schon wieder anders aus. War das Pech oder war ich da einem Pfuscher auf den Leim gegangen ? Ich liess die Kette liegen, denn die Hände wollte ich damit nicht auch noch beschmutzen. Mit dem Trottinett-Schritt fuhr ich ins Dorf hinunter und klagte dem Mech mein Leid. Er nahm den Fehler auf sich und schenkte mir eine neue Kette und montierte diese gleich. Seither hatte ich ausser einem Plattfuss nie mehr Pech gehabt mit diesem Bike. Später verschenkte ich es einem jungen Clubmitglied, der es mit Freuden nahm. Bald darauf war Lottomatchzeit und ich als Organisator kaufte die Mountainbikes dazu ein. Bei Intercycle bestellte ich diese im Frühjahr schon zu einem fixen Preis. Ich hatte alles schriftlich und wenn ich dann am abgemachten Termin zum Abholen dieser Bikes auftauchte, hatten die das oft vergessen und mussten mir aus dem Lagerbestand viel Teurere und damit qualitativ bessere abgeben, als vereinbart, dies aber zum abgemachten Preis. Eines davon war vorne und hinten gefedert und ich hatte Gefallen daran. Ich kaufte das dem Verein zum Einstandspreis ab und fuhr wohl zwei Monate damit Rennen und Touren. Als ich mal am Bahnhofvelo einen Plattfuss hatte, nahm ich das neue Bike  für meinen Arbeitsweg. Im Veloständer schloss ich es natürlich ab, dabei beobachtete mich ein Arbeitskollege. Ihm gefiel das Bike auch und er fragte mich, ob ich ihm das verkaufen wolle. Dieses war wie immer sauber geputzt und geölt und sah noch ziemlich neu aus, vor allem auch, weil ich noch keinen Sturz hatte und deshalb auch keine Kratzer zu sehen waren. Ich sagte ihm, dass es nicht mehr ganz neu sei und ich nicht wisse, was ich verlangen solle. Ich wollte es wirklich loswerden, denn wie ich feststellte, hätte ich keine Hinterradfederung gebraucht, ausserdem war es viel schwerer, als alle bisherigen MTB’s. Er wollte wissen, was ich als Neupreis bezahlt habe und legte mir diesen Betrag gleich bar auf die Hand. Mehr als zufrieden mit diesem Handel fand eine weitere Bike-Episode ein jähes, aber zufriedenstellendes Ende.

                                                                                                    65  schlagfertig

 

Oft fällt einem eine gute Antwort erst viel später ein, so dass die Wirkung nicht mehr dieselbe ist. Auf einer Tour über den Niesenberg erlebte ich das Gegenteil. Wir waren zu dritt unterwegs. Die Namen sind frei erfunden, damit sich niemand zu Unrecht betroffen fühlt. Unser Trio fuhr in zügiger Fahrt über Aarau, Rupperswil, Wildegg und Möriken nach Othmarsingen. Ueber Wohlen fuhren wir der Bünz entlang bis Boswil ins Freiamt. Kurt führte meistens, denn er kannte sich im Aargau und vor allem entlang des Flüsschens mit seinen vielen Richtungsänderungen weit besser aus als Rolf und ich. Und wie es halt so ist, wenn drei ehemalige Rennfahrer unter sich sind, wird hie und da ein wenig gedrückt und attackiert, um die andern zu prüfen oder zu  ärgern, aber auch um die eigene Stärke zu testen oder auch um diese zu zeigen.  Als Rolf am Fusse des Niesenberges einen Angriff startete, schmunzelten wir Beide. Seine Ausflüge waren bekannt, spätestens bei der ersten oder zweiten Kehre würden wir den Flüchtling wieder einholen. So war es denn auch und da er sich wie üblich überschätzt hatte, kam er oben mit einigem Abstand als Letzter an. Kurt machte immer Sprüche, die zwar nicht ernst zu nehmen waren, die einem aber doch mit der Dauer auf den Wecker gingen. So meinte er nach der ersten Wartepause zum Abgehängten: Bist gut gefahren,

Dritter wird man nicht jeden Tag. Bei einer weiteren Steigung meinte er nur, der erneut abgehängte Rolf habe

fantastisch zum Dreifachsieg der Boninger beigetragen.                                                                                             .  Bild

Als Kurtchen nach einer erneuten Solofahrt wieder auf Rolf warten musste, lachte er und sagte zu ihm: auch der Dritte ist eingetroffen, wir können nun weiterfahren.

Und jedesmal wurde der Dritte Rang (von Dreien) speziell erwähnt. Das platzte Rolf der Kragen und er sagte zu Kurt:  

                    

                                                                                                                                                    Lieber die Nummer drei auf der Tour als die Nummer zwei zu Hause !

 

Kurt war baff und schluckte die Kröte. Hatte Rolf etwa gar nicht so Unrecht und war damit gar nicht so daneben gelegen ? Wir hatten immer vermutet, dass Kurt zu Hause ein wenig untendurch musste, aber dass es so schlimm war, haben wir nicht gewusst.  Ich dachte mir meine Sache dabei und freute mich riesig ab der schlagfertigen Antwort meines Kollegen.

Von da an mussten wir uns kaum noch blöde Sprüche dieser Art anhören.

66  es chalberet der Schitterstock

 

 Am 23. Juni 2006 fand in Boningen die Schweizer-Meisterschaft im Einzel-Zeitfahren statt.

Wir organisierten diesen Anlass als sportlichen Höhepunkt zum 100-Jahr-Jubiläum des VC Born. 

Obwohl wir schon etliche Int. und Nat. Rad-Quers erfolgreich durchführten, das war eine Nummer grösser als alles Bisherige und mein Höhepunkt als OK-Präsident. Wir hatten gute Leute im OK, die mir viel Arbeit abnahmen, dennoch war es aufwändig. Bis jeder Fahrer seinen Begleit-Chauffeur mit Automarke und Nummernschild, sowie den Kommissär gemeldet hatte, verging viel Zeit. Bis die Streckenbewilligung vorlag und auch alle Anstösser informiert waren, ebenso. Es brauchte aber auch viel Einsatz und manchen Gang sowie viele Briefe, E-Mails und Telefonate, bis die Finanzen beisammen waren. Zum Schluss stand ein rechtes Fahrerfeld am Start. Die Rennen gingen unfallfrei über die Bühne, obwohl ein „oberschlauer“ Bauer, trotz Information und Aufruf, seine Kühe genau zu dem Zeitpunkt auf die Weide trieb, als der erste

v.l.n.r: Simon Schärer (3.), Fabian Cancellara (1.), Simon Zahner (2.)    dem Zeitpunkt auf die Weide trieb, als der erste Fahrer startete. Ein jungen unbekannter Elitefahrer aus

                                                                                  dem Tessin war davon betroffen. Er beschwerte sich darüber und verlangte einen Betrag von Fr. 350.-- für seine Umtriebe. Er sei in der Form seines Lebens gewesen und hätte bestimmt eine Medaille geholt. Durch den Zwischenfall mit der Kuh habe er zwar nur einige Sekunden verloren, doch sei der Schwung dadurch weg gewesen und auch die Moral. Wir lehnten die Forderung ab. Pech gehabt !. Das kann es geben. Ich versprach ihm jedoch, darauf zurückzu-kommen, falls er im gleichen Jahr einmal an einem Rennen auf‘s Podest fahre. Er kam nie mehr in die top ten und somit war auch diese Angelegenheit für uns erledigt. 

Mit Fabian Cancellara bei der Elite und Karin Thürig bei den Damen siegten die Aushängeschilder des Schweizer Radsportes. Bei den U23 gewann  Michael Schär, Sohn des uns allen bekannten Roli Schär. Clubmitglied Doris Schweizer holte sich zur grossen Freude der Mitglieder und der ganzen Region bei den Juniorinnen die Silbermedaille. War das ein

Jubiläumsgeschenk für den Verein !                                                                                                                

                                                                        

                                       v.l.n.r: : Thomas Frei (2.), Michael Schär (1.), Robert Odink (3.)   

     

Positiv war das Echo der vielen Radsportfreunde. Für mich war es ein Aufsteller, dass ich den weltbekannten Rennbahn-Speaker Charly Schlott kennen lernen durfte. Negatives gab es aber auch zu berichten. Kurz nach Beginn des Rennens gaben gleichzeitig sowohl die Kaffeemaschine, als auch der Grill ihren Geist auf. Doch die Talente im Improvisieren halfen uns einmal mehr aus der Patsche. Die Zuschauerzahlen hielten sich im Rahmen.Trotz hochsommerlichen Temperaturen fanden sich nur Insider, Betreuer und Familienangehörige beim Start und Ziel ein. Auch an der Strecke hätte es noch viel Platz gehabt. Grund war wohl, dass die Meisten einem Besuch in der Badi den Vorzug gaben oder auch, weil das Rennen an einem Mittwoch-Nachmittag ausgetragen wurde. Zudem schienen uns die Kosten davon zu laufen. Trotz einem soliden und seriösen Budget zeichnete sich ein Debakel ab. Von den 20‘000 Losen der Lotterie wurden nur ein wenig mehr als die Hälfte verkauft. Ein Mitglied brachte sogar am Renntag  noch einen Bund Lose als unverkäuflich retour, ein anderes Mitglied verkaufte die restlichen Lose vor Ort, statt diese lange im voraus abzusetzen.   

Dem Verband mussten mehrere  tausend Franken an Lizenzgebühr  bezahlt werden, die Veranstalter in den Folgejahren kamen darum herum, weil diese so lange pokerten, bis man froh war, dass die SM im Zeitfahren überhaupt jemand organisierte. Trotz perfektem und kompetentem Einsatz der von uns engagierten Leute von Datasport mussten wir zusätzlich eine Jury vom Verband anheuern und auch entsprechend viel bezahlen. Das Positive: Im Gegensatz zu den Quer-Rennen, fanden sich kaum FahrerInnen zur Preisverteilung ein. So wurden hunderte von Franken an Preisgeldern nicht abgeholt und verfielen zu Gunsten des Veranstalters. In Sachen Lotterie hatten wir etwas dazu gelernt. Wir schrieben aus, dass die Ziehung der Lose nach dem Rennen unter notarieller Aufsicht geschehen werde. So mussten wir einen Notar engagieren, der machte dies auch nicht unentgeltlich. Eine „Respektsperson“ wie der Gemeinde-Präsident, Dorfpolizist oder Pfarrer hätten genügt. Da fast die Hälfte der Lose nicht verkauft wurden, stiegen auch unsere Chancen, dass einige der Preise nicht ausgespielt worden waren. Und siehe da ! Am Renntag selber  gingen nur zwei Rennvelos und zwei Mountainbikes weg sowie ein Reisegutschein und eine Stereo-Anlage, nebst einigen kleineren Preisen. Der Hauptpreis, ein Auto sowie der zweite Preis, ein Motorrad  wurden nicht abgeholt, ebenso  eine Kaffeemaschine.  Wir schöpften Hoffnung, mussten aber noch ein halbes Jahr lang warten, bis wir die Gewissheit hatten, doch  etwas verdient zu haben. Der Passus im Reglement verlangte, dass bis Ende Jahr, also bis zum Silvesterabend Zeit bleibe, um die Preise einzulösen. Der Notar war nicht gewillt, die übrig gebliebenen Lose zu öffnen, um so festzustellen, welche Nummern nicht ausgespielt worden waren. Er nahm die Schachtel mit den Losen unter den Arm und verbrannte diese in seinem Garten. Das war sicher eine saubere und korrekte Lösung, uns waren aber deshalb vorerst die Hände gebunden. Als ich ihm am Neujahrsmorgen telefonisch ein gutes neues Jahr wünschte, gratulierte er mir freudig. Bis zum Termin waren ihm keine Ansprüche geltend gemacht worden, weder telefonisch, noch schriftlich, per Fax oder per-E-Mail. So verkauften wir das Auto einem Kollegen, der uns einen Franken mehr bezahlte, als unser Einstandspreis betrug. Das Motorrad wollten wir auch verkaufen, doch wem und zu welchem Preis ? Die Frage erübrigte sich, denn plötzlich traf ein Betrag auf dem Bankkonto ein, der genau dem  Einstandspreis entsprach. Der Verein schenkte mir die Kaffeemaschine als Dank für meinen Einsatz und das freute mich riesig. Nicht nur wegen dem materiellen Wert, sondern weil mein Engagement so sehr geschätzt wurde. Das hatte ich nie und nimmer erwartet. So stimmte nebst dem sportlichen Erfolg für uns auch die Kasse. Für den Verein blieb unter dem Strich statt einer roten Zahl oder einer schwarzen Null ein stattlicher Gewinn übrig. Das hatten die fleissigen Mitglieder auch redlich verdient, denn so viel wie in diesem Jahr standen wir schon lange nicht mehr im Einsatz. Wie sagt doch altes Sprichwort ?    

                                                                                                                                                 Wenn’s Glück will, so chalberet sogar der Schitterstock

 

67  Höhenflug und Untergang der Volksradtouren

 

Vor fünfzig Jahren wurden die ersten Volksradtouren (VRT) eingeführt. Bald führte jeder Verein und damit jedes Dorf eine solche durch. Höhepunkt für den organisierenden Verein war jeweils, wenn einem vom Verband (damals SRB, nun Swiss-Cycling) die „Tage der Touren- und Wanderfahrer“ zugesprochen wurden. Da es im Vereinstourenfahren fünffache Punkte zu holen gab, war eine grosse Beteiligung garantiert. An der Veranstalterkonferenz, welche jahrelang in Wikon stattfand, trafen sich oft 250 – 300 Veranstalter, um ein geeignetes Datum abzusprechen. Jedes Wochenende von Anfangs April bis Ende September war hart umkämpft. Dazu hatte Werner Wymann, Obmann FAT eingeladen. Er war nicht nur ein versierter Organisator und allgemein beliebt und als Krampfer anerkannt, sondern er kochte auch selber und verköstigte uns alle bestens. Meistens wurden die Daten schon im voraus untereinander vereinbart, so gab es keine Ueberraschungen und jeder Veranstalter war damit zufrieden. Zudem wurden unter all den Teilnehmern schöne Preise verlost. Die ersten zehn Gewinner wurden nach Wikon eingeladen und die Preise persönlich übergeben. Am Besten für uns vom VC Born Boningen war es, wenn gleichentags auch im benachbarten Oftringen und  Rothrist oder in Olten und Gunzgen eine VRT stattfand. Wenn drei Veranstaltungen so nahe beisammen lagen, war die Chance viel grösser, dass sich möglichst viele Radler an allen drei Orten Stempel holen wollten, also auch bei uns. Wir achteten bei der Gestaltung des Tourenprogrammes auch darauf. Fand in Wegenstetten eine VRT statt, so besuchte man sicher noch diejenigen in Zeiningen und Möhlin oder hatte Wikon oder Aarburg eine auf dem Programm,  so besuchten wir auch diejenigen von Nebikon und Schötz. Wenn der Hin- und Rückweg mindestens 15 km betrug, musste man die Tour nicht mehr fahren, denn die Mindestanforderung von 30 km war damit erfüllt. Einmal jedoch hatten wir uns böse verrechnet. Die VRT fand nicht in Nebikon/LU statt, sondern in Ebikon/LU. Es ist nicht einmal sicher, dass der Fahrwart in Geographie nicht aufgepasst hatte, er hatte die beiden Orte einfach verwechselt. Die Fahrt ab Wikon dauerte dadurch mehr als eine Stunde länger als geplant und als wir bei grosser Hitze auf den letzten Drücker genau um 16.00 Uhr dort eintrafen, war Kontrollschluss. Der Grillchef hatte schon alles abgeräumt, zu Essen gab es gar nichts mehr, nur noch ein Bier, das bereits auf dem Weg in die Kehle zischend verdampfte. Immerhin einige Kalorien der anderen Art.  

Am Anfang kostete der Einsatz vier Franken, die Hälfte davon ging an den Verband, die andere Hälfte an den Veranstalter. Später wurde der Einsatz der Teuerung angepasst und betrug einen Fünfliber. So locker wie es aussah, die VRT waren oft auschlaggebend für eine Velofahrerkarriere. Die angefressenen Väter, alles Stempeljäger, nahmen ihre Kinder mit und diese führten die Tradition fort. Bei der ersten absolvierten Tour erhielt man eine Stempelkarte. Wer 15 dieser  Stempel aufweisen konnte, wurde mit einer versilberten Anstecknadel belohnt, bei 30 Touren gab es eine vergoldete. Später folgten Tellerli mit Kordel. Ab der 75. VRT wurde jede 25. VRT ein Zinnbecher abgegeben.

Bei der 200. VRT war die sechsteilige Becherserie abgeschlossen. Nun galt es Stempel zu sammeln für das Zinntableau. Dieses erhielt man an der 250. VRT. Später bei der 350. VRT wurde diese Serie mit der Zinnkanne abgeschlossen. Von da an konnte man unter verschiedenen Erinnerungspreisen wählen. Es gab da Armbanduhren sowie Treicheln oder Kupferstiche zum Aussuchen, ebenso Tischuhren usw.  

                                                                                                

 

 

 

 

 

                                                                                         

Aus Platzgründen entschied ich mich für die Kupferstiche, zudem waren diese eine schöne Erinnerung an die vielen Orte, die wir besucht hatten. Luzern mit Kapellbrücke oder Altdorf mit Tell-Denkmal waren dabei ebenso beliebt, wie die Stiche von der naheliegenden Stadt Olten, Wikon oder Aarburg. 

 

Nun, zum Untergang . Waren es in der Blütezeit der VRT noch gegen 44‘000 Radler pro Jahr, so sanken die Zahlen mehr und mehr, sogar unter 9‘000. Die Teilnehmer wurden

immer älter und wer sein Ziel mit sechs Becherli, einem Tableau und einer Zinnkanne erreicht hatte, sah keinen Grund mehr, eine neue Serie zu beginnen. Zudem wurde die Organisation der VRT dem Fachausschuss Touristik weggenommen. Die vielen ehrenamtlichen HelferInnen, allen voran Bernadette Rippstein, Mario Muser und Werner Wyman, um nur einige zu nennen, waren nicht mehr gefragt. Eine neue Managerin beim SRB, die leider keine grosse Ahnung von der Sache und noch weniger eine Beziehung zur Basis hatte, wollte alles professioneller aufziehen. Das kostete aber Geld. Währenddem die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen alles Schriftliche von zu Hause aus regelten und ausser den Porto-kosten nicht mehr als zwanzig oder dreissig Franken pro Wochenende an Spesen erhielten, war nun alles anders. Die Kosten für das Büro im SRB und ein zeitlicher Anteil der Sekretärin wurden dem Radtourismus belastet. Mit den sinkenden Teilnehmerzahlen war bald einmal klar, dass das so nicht mehr rentieren konnte. Zudem wurden keine Rückstellungen gemacht. Die billigen Nadeln und Tellerli, die es zu Beginn zu gewinnen gab, waren noch bezahlbar. Als dann aber galt, die Zinnbecherli und die Zinntableaus oder sogar Zinnkannen einzukaufen, war das eingenommene Geld schon längst für anderes ausgegeben worden. Knall auf Fall wurden die VRT im Jahre 2007 eingestellt.

Meine persönlichen Bemühungen – als Organisator nicht zuletzt aus eigenem Interesse – fanden kein Gehör. Wir durften in Boningen mehr als einmal 500 Teilnehmer und einmal sogar deren 700 verzeichnen. Die andern Vereine profitierten ebenfalls davon. Zuletzt gab es wirklich keinen grossen Aufwand mehr, eine VRT zu organisieren. Die Strecke musste nicht mehr ausgesteckt werden. Es genügt, diese auf einer Karte einzutragen. Beim Wendepunkt reichte ein Stempel aus. Der Posten musste nicht mehr durch eine Person besetzt sein. Als ich einmal ein Dutzend Vereine sowie den Fach-Ausschuss nach Olten ins Bahnhof-Buffet zu einer Sitzung einlud, erschien auch der damalige SRB-Präsident.

Noch im Flur fragte er mich, was ich denn hier zu suchen habe. Das haute mir den „Nuggi“ raus. Ich hatte ihn dazu eingeladen und nicht umgekehrt. Ich musste mich beherrschen wie noch nie, dass ich ihm keine runter schmierte, was bisher noch nie vorgekommen ist, doch damals stand ich knapp davor. Als Kantonalpräsident wurde ich oft an General-versammlungen der Vereine und an die Delegiertenversammlungen der Verbände eingeladen. Meine Voten um die VRT verklangen ungehört und unverstanden.

Die meinten wirklich, ich rede im Interesse des SRB und sahen in mir nicht den Sprecher der Organisatoren. Nicht zuletzt mangels Interesse und der Lethargie der Vereine, flachte meine Begeisterung rapide ab und meine Moral und mein Elan verblassten ebenfalls. Da hätte man ein- für allemal ein Zeichen setzen können, wie es die Basis sieht und will.

 

Zu guter Letzt will und muss ich doch darauf aufmerksam machen, dass vom jetzigen Vorstand und Geschäftsleitung des Swiss-Cycling niemand betroffen ist. Das war lange vor ihrer Zeit und die jetzigen Leute machen das Möglichste und erst noch gut. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Vereine und Verbände nicht durch ihr passives Verhalten erneut zu einer Verschlechterung des Klimas beitragen. 

 

 

.    

 

 

 

 

68  ach Wölfli

 

 Wolfgang ist einer meiner liebsten Radsportkameraden. Er ist Berliner, lebt  aber schon ein halbes Jahrhundert in der Schweiz. 2016 wurde er 80 Jahre alt und ist schon lange dabei. Er ist mir nicht nur durch seinen trockenen Humor und sein enormes Wissen aufgefallen, sondern hin und wieder durch unerwartete Antworten und Reaktionen. Kaum einer nennt ihn Wolfgang, für uns ist er der Wölfli. Wir haben viele schöne und lustige, aber auch lange und harte Touren zusammen gefahren. Bis vor wenigen Jahren machte er noch aktiv mit und konnte oft überraschend gut mithalten. Als wir vor rund 10 Jahren bei Regen und Sturm an die VRT nach Flüelen fuhren, gingen wir wirklich durch die Hölle. Von Aarburg bis Luzern war es zwar stark bewölkt, doch bereits ab Meggen fing es ununterbrochen an zu regnen. Regnen ist kein Ausdruck, es goss wie  aus Kübeln. So etwas hatten wir noch nie erlebt. Patschnass wie die Bisamratten trafen wir nach passieren der Axenstrasse in Flüelen ein. Die Leute an der VRT glaubten es kaum, dass wir bei dem Wetter von so weit weg mit dem Rad herkamen. Nach einer Riesenportion Spaghetti im Restaurant nahmen wir die Heimfahrt unter die Räder. Wetter hin oder her, wir mussten nach Hause. Ich hatte zwar mein GA dabei, doch war es nie eine Option, mit der SBB nach Olten zu gelangen und meine Kollegen alleine fahren zu lassen. Nach Ingenbohl fuhren wir dem Zugersee  entlang und kamen bei heftigem Sturm doch noch ins Freiamt und in die Region Wohlen und Aarau. Da die meisten der Anwesenden nach Aarburg, Oftringen oder Safenwil mussten, fuhren wir alle über Oberentfelden und Safenwil. Mit weit mehr als 200 km in den Beinen  und bei grosser Kälte wollte ich mir keine Erkältung holen und fuhr, als ob der Teufel hinter mir her wäre. Das war wohl zu viel auf einmal. Bei der ersten kleinen Steigung vor Safenwil hatte ich den Krampf und musste abreissen lassen und absteigen. Da dies in dem Moment passiert, als ich an hinterster Position fuhr, sah es keiner und die anderen warteten deshalb nicht auf mich. Nach wenigen Momenten konnte ich wieder aufsteigen und nach Hause fahren, es war nun nicht mehr weit. Zudem war es kein Zuckerschlecken, denn die Tour fand an unserem Hochzeitstag statt und die ganze Familie wartete aufs Abendessen. Ich war wieder einmal viel später dran, als vorgesehen. So äugte ich im Keller um die Ecke und fragte meinen Schwiegersohn, wie oben die Stimmung sei. Kannst ruhig hereinkommen, die sind froh, wenn Du ganz nach Hause kommst, lautete die Antwort. Es war dann wirklich so. Niemand hat mir einen Vorwurf gemacht und als wir abends in der Tagesschau über die schrecklichen Unwetter mit Ueberschwemmungen und Erdrutschen im Urnerland und der übrigen Schweiz informiert wurden, war  mir doch ein wenig mulmig zu Mute. Von all dem hatten wir unterwegs gar nichts mitbekommen. Für uns alle war dies ein einmaliges Erlebnis. Dieser Stempel in die Volksradtourenkarte war mehr als verdient. Am andern Tag erkundigte ich mich bei Wolfgang, wie er und die andern noch heimgekommen seien. Er informierte mich darüber und fragte zum Schluss, ob ich zum Pinkeln abgestiegen sei. Er hatte mich zwar gesehen, aber nur an diese Möglichkeit gedacht. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, dass er mit bald 70 Jahren, mich regulär abgehängt hatte.

69  und nochmals von Wölfli

 

 Ein andermal fuhr Wölfli auf der Samstagtour so schwach, wie selten zuvor. Er war damals genau 70 Jahre alt.

Der Fahrwart fragte ihn nach der Tour nach seinem Befinden und nach dem Grund seines schwachen Abschneidens und machte die Bemerkung, er sei gefahren wie ein Fünfundachzigjähriger. Anderntags waren wir erneut unterwegs und wirklich, Wölfli klemmte sich in den Hintern wie noch nie. Ob er wohl den Spruch vom Samstag ernst genommen hatte ? Er fuhr wie ein junger Gott und erntete das Lob von uns allen und auch vom Fahrwart. Darauf fragte er diesen, wie er denn heute gefahren sei. Die Antwort war für ihn aber kein Aufsteller. Dieser gab ihm zur Antwort: heute bist Du gefahren wie ein Radler mit 69 Jahren so etwa fährt.

Viel vorher, als Wöfli genau 60 Jahre alt war, kam er auf eine Pässetour mit. Wir fuhren mit dem Auto bis Tiefencastel und

                                                                                               luden dort die Räder aus. Bei herrlichstem Wetter erklommen wir den Albulapass und den Ofenpass. In Santa Maria über-

        Wölfli an der Breitenhöhe  (847 m.ü.M)                   nachteten wir und am andern Morgen fuhren wir via Italien nach Trafoi, der Heimat von Gustavo Thöni, dem Ex-Skistar

                                                                                               Von dort aus erklommen wir das Stilfserjoch. Für mich und Wölfli und wohl einige andere auch, war es die erste Begegnung mit diesem Bergriesen. Wölfli fuhr am Tag zuvor überraschend gut. Vielleicht hatte er aber doch ein wenig zu viel gemurkst, denn er litt plötzlich unter Rückenschmerzen. Er hatte sich wohl verkrampft oder einen Nerv eingeklemmt. Bei der Kurve 26 am Stelvio musste er absteigen und unser Begleitauto, das bereits oben wartete, musste ihn abholen.

Keine einfache Sache mit den vielen Kehren, die von belgischen und holländischen Bussen und Wohnwagen verstopft waren. Wir warteten oben im Restaurant, denn es setzte in feiner Nieselregen ein. Nachdem wir eine ganze Weile seinem Jammern zugehört hatten, machte ich einen Vorschlag. Ich sagte zu ihm, dass ich von Sportverletzungen nicht viel verstehe und auch nicht massieren könne, aber ich habe gehört, dass es etwas nütze, wenn er sich auf den Bauch lege und wir alle mit den Rennschuhen auf seinem Rücken herumtrampeln würden.  Die Meute johlte und hielt sich die Bäuche vor Lachen, ab solch einer hirnverbrannten Idee.

 

                                                                                                        Er aber meinte nur trocken:    Meinst Du, das bringt etwas ?

 

In der Abfahrt vom Stelvio nach Bormio erschrak ich fast zu Tode. Da überholte mich ein Rennvelofahrer, kniff mich in den Oberschenkel und fragte mich: Herr Kainersdorfer, wieso bremsen Sie ? Es war Dieter Runkel, der zur Zeit zusammen mit seinen Kollegen von der Quer-Nationalmannschaft in der gleichen Region im Trainingslager war. Der Spassvogel war sich natürlich ganze andere Tempi gewohnt, nicht nur bergauf, sondern auch bergab, wie ich feststellen musste. Nach dem Bernina und dem Maloyapass stand als letzter Pass der Splügen von Süden her auf dem Programm. Dieser gefiel uns sehr, denn der Pass war lang, aber die Steigungsprozente hielten sich im Rahmen. Zudem war die terrassenförmige Form angenehm, denn man konnte sich auf den flächeren Stücken gut erholen. Es war auf alle Fälle keiner "kaputt" und beim Seeli oben spurteten wir um den Bergpreis. Nachher hielten wir an und verlangten bei Peter, unserem Begleiter, die Regenschütze oder Windstopper. Dieser lachte uns nur aus und stellte uns vor die Tatsache, dass wir noch lange nicht ganz oben seien. Es galt noch die restliche Steigung zurück zu legen. Oben beim Zoll fragten die Zöllner, ob wir etwas zu Verzollen hätten. Natürlich hatten wir nichts dergleichen und sagten dies auch. Zudem meinte einer von uns, den Wein und den Schnaps haben wir im Begleitauto, das bald einmal eintreffen sollte. Es war zwar als Witz gemeint, doch der Uniformierte schnappte dies anders auf. Peter musste anhalten und den ganzen Wagen mit so vielen Rädern, Teekannen, Velopumpen, Schläuchen und Pneus ausräumen. Da war er echt sauer auf uns. 

 

Ein andermal machten wir eine schöne und lockere Tour zum Inkwiler- und Burgäschisee. In Subingen kehrten wir in der Gartenwirtschaft ein und tranken etwas. Wir fuhren dann in Einerkolonne nach Boningen und weil eine der Töchter von Dieter Geburtstag feierte, waren wir dort zu einem Apéro eingeladen. Als es dann ans Aufbrechen ging, wollte ich mir  mein Rucksäckli umhängen und fand keines vor. Da kam mir in den Sinn, dass ich es in Subingen an der Stuhllehne habe hängen lassen und dort vergessen habe. Weil  Wölfli wie gewohnt in der Kolonne immer direkt hinter mir fuhr, fragte ich ihn, wohl auch ein wenig gereizt ob dem Missgeschick, ob ihm denn das nicht aufgefallen sei, dass ich ohne Rucksäckli unterwegs war. Er, der doch sonst alles sehe, müsste das doch bemerkt haben.

                                                                                                                                            Doch er nur lakonisch: Ich hab mir’s doch noch gedacht !!!!!

 

Grrrrrrr, und da soll sich einer nicht aufregen und ärgern ?   Ein Kollege erbarmte sich meiner und  rief ins Restaurant an. Nachdem sich herausstellte, dass das Rucksäckli noch dort hing und die Kamera auch noch drinnen war, holten wir es mit seinem Auto ab. So wurden mir weitere und vor allem unnötige 60 km Velofahrt erspart. Das war mir aber mehr als ein weiteres Bier wert.

70  Nachwuchsprobleme

 

Vor rund 15 Jahren war in Rohr bei Aarau auf Anfangs Dezember eine MTB-Tour ausgeschrieben. Wir machten im Winter immer etwas, entweder Joggen, Walken oder wenn es das Wetter zuliess, waren wir auch mit dem MTB unterwegs. Zudem interessierte es uns sehr, ob da überhaupt jemand komme. Da auf diesen Samstagmorgen sogar Schnee angesagt war, war es klar, dass wir dabei sein mussten, um das zu sehen und mitzuerleben. Wirklich, es war ein Reinfall. Als wir die Bikes ausluden, wurde es immer kälter und bereits auf der Salhöhe schneite es „Geissenohren“. Wir absolvierten zwar die ganze Tour und machten viele Höhenmeter, doch  grosse Freude kam dabei keine auf.

Erstens froren wir an alles, was man sich abfrieren kann und zweitens trafen wir unterwegs kaum Fahrer an. 

Am Ziel konnten wir immerhin warm duschen und uns auch verpflegen. Dort  vernahmen wir dann auch, dass weniger als ein Dutzend Aktive unterwegs gewesen seien. Bei Kafi fertig und Kuchen sprachen wir mit dem Organisator über Gott und die Welt und vor allem über seinen Verein. Er klagte uns, dass es vor allem an Jugendmitgliedern fehle. Als wir  wissen wollten, wie denn die Vereinsstrukturen seien, konnte er keine Details bekannt geben, machte aber die Bemerkung: Wenn Euer Bolliger Max bei uns an den Clubrennen fahren würde, könnte er bei den Junioren starten.

 Da wussten wir, wie schlimm es bei denen um den Nachwuchs bestellt war, denn „unser“ Bolliger Max hatte Jahrgang 1917.    Rechne !

71  ein Zweier Pitralon

 

...und wenn wir schon ungewollt Werbung machen für Pitralon, kommt mir noch folgende Story in den Sinn: 

Auf den Touren kehren wir meistens beim Wendepunkt oder beim höchsten Punkt in einem Restaurant ein, um uns einen Schluck zu genehmigen, aber auch um den Tourenbogen zu unterschreiben. Wenn die Serviertochter die Bestellung aufnahm, hatten wir einen Kollegen und Spassmacher dabei, der fast immer einen Spruch fallen liess. z.B. führen Sie Ovomaltine ? Sie antwortete dann meistens mit ja, er aber bestellte eine Cola.

Oder noch fieser: Er bestellte einen Zweier Pitralon. Die meisten Servierdüsen wussten nicht einmal was das ist und bemerkten, dass sie dieses Getränk nicht führen. Dann bestellte er halt ein Rivella oder etwas anderes.  Als ich einmal in einem Geschäft eine Flasche Pitralon sah, kaufte ich diese. Es war mir schon damals klar, was ich damit vorhatte. Auf der nächsten Tour gab ich mein Velo schnell einem Kollegen ab zum Versorgen. Einen anderen bat ich, den Witzbold ein wenig abzulenken und aufzuhalten. Dann ging ich rasch ans Buffet und  fragte die Serviertochter, ob sie Humor habe. Als diese bejahte, erklärte ich ihr in wenigen Worten, dass vermutlich einer von uns wieder einmal einen Zweier Pitralon bestellen werde. Ich gab Ihr die Flasche und setzte mich zu den andern. Die meinten, ich käme vom WC oder vom Händewaschen. 

Es kam so, wie wir gehofft hatten. Kollege Lustig kam mit bestellen an die Reihe und bestellte prompt einen Zweier Pitralon. Die Frau blieb cool und nahm die Bestellung dankend entgegen. Ohne Fragen, rein nichts. Wir waren gespannt und er wohl noch mehr. Das war ihm noch nie passiert. Was die wohl verstanden hatte ? Und siehe da, sie brachte ein Glas und eine Flasche Pitralon dazu. Das hatte er wohl nicht erwartet. Wir beharrten darauf, dass er wenigstens einen Schluck davon trinke. Erst nach langem Flehen und Bitten, liessen wir uns dazu erweichen, von unserer Forderung abzusehen. Seither haben wir den blöden Spruch nie mehr gehört. Das erste mal war’s lustig, vielleicht noch ein weiteres mal, aber einmal hört jeder Spass auf. Das ist gleich, wie jemand immer wieder denselben Witz erzählt.

72  ein kleiner dicker Biker

 

Vor wenigen Jahren gab es das kant. Tourenfahren noch. Wir nahmen gemeinsam an einer Biketour des VC Däniken teil. Nebst Frauen und Jugendlichen, waren auch die älteren Mitglieder sowie einige Biker dabei, die ganz gut in Form waren. So reihten wir uns bei der Gruppe ein, die vor hatte, die anforderungsreichere Strecke zu bewältigen. Bergauf und auf den flachen Trails im Walde konnte ich einigermassen mithalten. Bald ging es aber auf wurzligen und steinigen Wegen steil nach unten. Erhard, der Tourenleiter, war zwar ein wenig älter als ich, aber nicht nur konditionell gut in Form, sondern er war technisch sogar sehr gut beschlagen und fuhr wie ein Schwein den Berg hinunter. Meine jungen Kollegen kannten keine Furcht und konnten auch in der Abfahrt mit dem verwegen fahrenden Oldie mithalten. Ich musste einmal mehr aber abreissen lassen, da es mir doch ein wenig zu gefährlich schien, die Bremsen loszulassen. Zu allem Unglück verlor ich noch meine Satteltasche, weil sich eine Schraube gelockert hatte. Damit verlor ich den Anschluss an die Gruppe endgültig und meine Kollegen aus den Augen. Nachdem ich die Satteltasche gefunden und im Rucksack verstaut hatte, nahm ich die Fahrt wieder auf. Unten angelangt, wartete ich und rief laut nach meinen Kollegen. Zudem versuchte ich es mit einem Anruf auf dem Handy. Doch keiner meldete sich. Entweder hatten sie das Gerät ausgeschaltet oder sie hörten es nicht. Meine Kollegen warteten aber weiter oben auf mich, da diese vorher abgebogen waren. 

Als ein Wanderer daher kam, fragten sie den, ob er einen kleinen, dicken Biker gesehen habe. Wie ich später vernommen habe, war seine Antwort ein Aufsteller für mich. 

                                             „Nein, das wisse er nicht mehr, ob es ein kleiner, dicker Biker gewesen sei.

                                            Er sei nur einem Biker begegnet, der freundlich gegrüsst und zudem grüne Michelin-Reifen am MTB aufgezogen habe.  

Da wussten Sie, dass er mich gesehen hatte. Sie nahmen mit mir darauf telefonischen  Kontakt auf und so trafen wir uns wieder zur Weiterfahrt.

73  Zeitreise

 

Vor 112 Jahren – die Rücktrittbremse

   

Dem Deutschen Ernst Sachs kommt seine Lehre als Werkzeugmacher zu-ute, als er in Schweinfurt eine Fahrradnabe erfindet, die den Freilauf ermöglicht, das Rollen des Velos ohne Betätigung der Pedale. Jetzt kann man vor allem bergab die Beine auch mal ruhen lassen. Allerdings lässt sich mit Hilfe der Beine auch nicht mehr bremsen. Die Handbremsen sind nicht sehr effizient. Diesen Nachteil behebt Sachs 1903 mit einer weiteren Erfindung, der Rücktrittbremse.

                                                                                                   Er lanciert diese mit einer beispiellosen Pressekampagne und hat Erfolg.

                                                                                                   Seine „Torpedo-Nabe“ bleibt bis in die 1980-er Jahre die meistproduzierte Rücktrittsnabe der Welt.

74  im Wandel der Zeit

 

 Es ist kaum zu glauben, wie die Zeit vergeht. Vieles hat sich verändert in den letzten 25 Jahren. Galt damals ein Rad mit zwölf Gängen noch etwas, fahren heute bereits Buben auf schnittigen Rädern mit 27- oder 30 Gängen. Längst sind auch die Bremskabel von der Bildfläche verschwunden bzw. verlegt worden. Es greift niemand mehr zum Schalten nach unten. Die Schaltung ist längst in den Bremshebeln integriert. Vorne weisen die Räder drei Ketten-blätter auf und hinten ist ein Ritzelpaket von 9, 10 oder mehr Kränzen üblich und erst noch ab 11 oder 12 Zähnen. Wer will diese Gänge treten ?  Die Pneus sind leicht und schmal wie Collés und erst noch billiger. Und erst die Rahmen ! Noch gibt es den soliden Stahlrahmen, doch immer mehr wird dieser durch Alu oder Carbon abgelöst. Niemand muss sich mehr die Schuhplatten annageln. Vorgedrehte Gewindelöcher für die Schrauben ermöglichen ohne viel handwerkliches Geschick das Befestigen für Look- oder SPD-Systeme. Einsätze in den Rennhosen aus

Hirschleder sind den hygienischen Kunststoffeinsätzen gewichen. Hose und Trikot sind schon lange nicht mehr aus

   Holzfelge, Wechsel Oscar Egg 1922 und Karbidlaterne     Wolle, sondern aus Lycra oder anderem atmungsaktivem Material. Die Würstlihelme haben ergonomisch gestalteten

                                                                                                         Helmen Platz gemacht. Kaum einer führt noch eine Pumpe mit sich. Ist auch nicht nötig, denn in der Satteltasche befindet sich die praktische Luft patrone. Vom Computer ganz zu schweigen. Nebst Angaben zu Kilometer, Zeit und Höhenmesser, werden auch die Daten wie Tourenzahl, Durchschnittsgeschwindigkeit und sogar die verbrauchten Kalorien angegeben. Kartenlesen wird auch nicht mehr verlangt, dank GPS findet man jeden Weg spielend (meistens).

 

Vor mehr als 30 Jahren hat auch das Mountain-Bike Einzug gehalten. Ausgestattet mit Federgabel vorne und hinten und einer noch kleineren Uebersetzung wird jede Steigung spielend und erst noch im Sattel gemeistert. Die Bremsgummis sind den Scheibenbremsen gewichen. Vor allem bei den MTB und den Quervelos haben diese schnell Einzug gehalten. Das ist ein echter Fortschritt. Der Dreck bleibt nicht mehr zwischen Bremsgummi und Gabel hängen, zudem ist die Bremsleistung unabhängig davon, ob es regnet oder trocken ist. Kann mir vorstellen, dass dann in einigen Jahren eine Langzeitstudie aufzeigen wird, dass auch der Verbrauch an Felgen rasant sinkt, da diese nicht mehr durch laufende Abnützung, sondern nur noch durch Schläge beschädigt werden können.  

 

Auch im Umfeld der Vereine hat sich Einiges geändert. Diese erhalten nicht mehr automatisch Nachwuchs, man muss etwas tun dafür. Gab es früher nebst den Schützen und der

Musikgesellschaft nur noch den Veloclub im Dorfe, so sind heute viel mehr Möglichkeiten geboten, sich sportlich zu betätigen. Nebst dem Unihockey und dem Turnverein kann auch Volleyball gespielt werden. In der näheren Umgebung buhlen auch Fussballclubs und Eishockeyvereine um die Jungen. 

Weit mehr haben aber die Vereine unter dem Individualismus zu leiden. Waren es vorerst noch die Triathleten und Biker, die eigene Wege gingen, so sind es nun die Skater, Surfer oder andere Extremsportler, die sich nicht mehr einem Verein oder Verband anschliessen wollen.  

 

Wie mir Ehrenmitglied Max Bolliger  erzählte, waren früher die Rennen wahre Volksfeste. Man blieb nach der Preisverteilung noch lange beisammen und dies bei Tanz und Musik. Dies ist seit langem nicht mehr so. Oft geht man nur noch hin, wenn es zu einem Podestplatz gereicht hat oder schickt einen Kollegen, um den Check oder das Couvert abzuholen.

Vorbei sind die Zeiten, als es noch Polstersessel, Ständerlampen oder Turnschuhe Grösse 46 zu gewinnen gab. Alles ist aufwändiger und verkommerzialisiert worden.

Eine Veranstaltung kann noch so klein und fein sein, wenn es nicht rentiert, wird der Anlass gestrichen. Wegen einigen hundert Franken Gewinn wird kein Rennen mehr durchgeführt. Doch genau das braucht es ! Startgelegenheiten schaffen in der Region ist die beste Nachwuchsförderung. Was bringt es einem Junior oder Anfänger, wenn er im Frühjahr ins Tessin oder nach Genf an die ersten Rennen gefahren wird, um dann bereits an der ersten Steigung oder bei der ersten Tempoverschärfung abgehängt  zu werden ?

Wenn es ganz schlecht läuft, muss er aufgeben oder trifft nach Kontrollschluss ein. Dasselbe gilt auch für die Quers. Die Latte an einem Nat. Quer ist hoch. Wer sich der Ueber-rundung entziehen will, muss bereits etwas in den Beinen haben. An den kant. Rennen ist es zwar ohne Kondition und Können auch nicht möglich, sich vorne zu platzieren, doch wird man klassiert und hat anhand der Rangliste die Möglichkeit, die Fortschritte (oder auch nicht) nachzuvollziehen. 

75  schneller als die Eisenbahn

 

Im Sommer 2013 fragte mich ein Kollege, ob ich mal mit ihm in den Neuenburger Jura komme zum Biken. Genauer gesagt, er habe an den Creut du Van gedacht und da wolle er nicht alleine hinfahren. Ich sagte gerne zu, denn ich kannte die Gegend nur vom Wandern her. Das war aber schon lange her, denn bereits 1979 kam ich dort vorbei, als wir von Nyon aus alles auf den Hügelkreten des Juras bis nach Hause marschierten. Ich wusste aber auch, was da auf uns wartete.

Da waren nur steile Aufstiege und unendliche viele Kuhweiden mit Steinmauern. So luden wir die Bikes in Olten in den Zug und stiegen erst in Neuenburg wieder aus. Dem See entlang fuhren wir bis Boudry. Nach kurzer Fahrt durch die Rebberge hinauf, waren wir bald einmal im Wald. Der Areuse folgend durchfuhren wir die gleichnamige Schlucht. Dort war es ein wenig kühler und angenehmer als in der Hitze auf den Feldern und Rebbergen. Die Fahrt führte auf guten Wegen und über viele Brücken. Erst ganz oben wurde es ein wenig steiler, aber es war alles noch machbar. Weiter oben verengte sich der Pfad und bald einmal mussten wir absteigen. Nicht weil es so steil war, sondern weil viele faustgrosse Steine und schräg führende Wurzeln uns dazu zwangen. 

So kehrten wir um und befuhren die gut einigermassen fahrbare Naturstrasse, um auf einem Umweg doch noch zur Ferme Robert auf 1‘295 m.ü.M. zu gelangen. Nur wenige Meter danach ging es noch steiler hinauf und wir kamen ins Schwitzen. Das soll ja gesund sein, doch wenn es wie ein Bächlein hinunter rinnt, wird es unangenehmer. Mein Kollege Philipp fuhr locker voraus, er war gut im Schuss und ist immerhin ganze 26 Jahre jünger als ich. So fuhr ich einfach meinen Tritt und staunte nicht schlecht, als ich hinter mir Stimmen hörte und von einem Duo überholt und sogar abgehängt wurde. Es waren zwei Biker, die sicher nur wenig jünger waren als ich. Die Moral sank ein wenig und oben klagte ich meinem Kollegen, dass ich auch nicht mehr das bringe, was ich mir erhoff hatte.

 

                                                                                                   

Er tröstete mich mit dem Hinweis, dass ich mich nicht zu schämen brauche, das seien zwar auch ältere Semester gewesen, doch hatten die beiden ein Elektromotörli am Bike.

Das war mir nicht aufgefallen, gesehen hatte ich es nicht, weil die beiden ziemlich rasch an mir vorbeizogen und gehört hatte ich die Beiden auch nicht. So bestaunten wir die

Aussicht auf dem Creut du Van, verpflegten uns nahe am Abgrund und knipsten eine Foto für die Nachwelt. Nachdem wir die Federgabel eingeschaltet hatten, fuhren wir in

einer rassigen Abfahrt bis zum See hinunter. Nachher folgten wir auf flachen Trails dem Ufer entlang bis Neuenburg. Vorher tankten wir noch in einem Restaurant auf und Philipp

ging unweit davon barfuss bis zum Hals im See baden. Ich getraute mich nicht, denn ich hatte früher schon die Feststellung gemacht, dass man beim Baden mit überhitzten und angesäuerten Beinen oft den Krampf im Fuss oder im Bein kriegt. Das wäre dann im tiefen Wasser draussen blöde heraus gekommen. Nach 71 Kilometern und genau 1'151 m

Höhendifferenz ging eine tolle Tour in Neuenburg zu Ende. Da wir nicht im voraus wussten, wann wir wieder in Neuenburg ankommen, konnten wir die Billets für den Transport der Bikes  auch nicht im voraus reservieren. So gingen wir auf gut Glück am Bahnhof an den Billetschalter und kauften zwei Velokarten. Als die Dame am Schalter fragte, welchen Zug wir nehmen wollen, antwortete Philipp wahrheitsgemäss, den Nächsten. Sie stellte uns die beiden Tickets aus, wir bezahlten und fuhren rasch aufs Perron. Dort stand bereits der Zug, der uns nach Olten führen sollte. Es reichte gerade noch und wir stiegen ein. Das war aber knapp ! Als wir ein wenig verschnauft und uns gesetzt hatten, schauten wir die Tickets an. Oh Schreck, diese waren nicht für diesen Zug gültig, sondern erst für den Nächsten. Die Frau hatte wohl selber nicht daran geglaubt, dass es uns noch auf diesen Zug reichen würde.

Zum Glück kam kein Kondukteur vorbei und wir konnten uns seine Fragen und Bemerkungen ersparen.

76 schon wieder einen Plattfuss Dass man hie und da eine Scherbe einfährt oder einen Nagel erwischt, das kann passieren. Da darf man sich nicht ärgern, das gehört mal dazu. Im Grossen und Ganzen darf ich mich wirklich nicht beklagen, wegen den bisher eingefangenen Plattfüssen. Wenn man aber innerhalb einer Woche gleich deren zwei oder drei erwischt, fängt man sich zu hintersinnen. Fluchen nützt nichts und ärgern noch weniger. So macht man sich Gedanken, was wohl dazu führte.Als ich letzten Sommer mit dem nigelnagelneuen Rennrad zusammen mit meinem Kollegen Richtung Solothurn fuhr, um den Balmberg seit langem wieder einmal zu befahren, war die Welt für uns noch in Ordnung. Wir kamen gut hinauf, machten uns aber Gedanken wegen der überaus steilen Abfahrt nach Welschenrohr hinunter. Auf der Karte hatte ich gesehen, dass die Strasse fast überhängend war, mit 25 – 26 % Steigung bzw.in diesem Falle Gefälle war das auch nicht weit daneben.Ich konnte es nie richtig laufen lassen, denn nach jeder Geraden wartete eine mehr oder weniger enge Spitzkurve auf uns. Weil ich also viel bremsen musste, wurde die Felge immer heisser und plötzlich verlor ich Luft am Hinterrad. Ich stieg ab, um den Schlauch zu wechseln. Doch das war leichter gesagt, als getan. Die Felge war so heiss, dass ich diese nicht mit blossen Händen anfassen konnte. Ich musste einen Brunnen oder einen Bach suchen zum Abkühlen. Da weit und breit weder das Eine, noch das Andere vorhanden war, machte ich zu Fuss auf den Weg ins Tal hinunter.Es war so steil, dass ich in den Rennschuhen kaum laufen konnte. In der Aufregung vergass ich sogar, meinen vorausfahrenden Kollegen mit dem Handy über mein Pech zu informieren. Weiter unten hatte ich zwar noch immer kein Wasser gefunden, doch war die Felge inzwischen so weit abgekühlt, dass ich einen Schlauchwechsel machen konnte. Mein Kollege kam mir entgegen und half mir. Da ich keine Verletzung am Schlauch feststellen konnte, nahm ich an, dass das Plastik-Felgenband geschmolzen sei und den Schlauch erhitzt habe, was zu einer Blase führte. So fuhr ich anderntags zu meinem Velomech und erklärte ihm mein Anliegen. Er montierte mir das verlangte Stoff-Felgenband. Da er aber nur ein viel zu Breites hatte, musste er es mit der Schere auf die notwendige Breite zuschneiden. Es war eine „Gfätterliarbeit“ und es gefiel mir vom ersten Moment an nicht. Hie und da hatte es eine Einbuchtung oder war ausgefranst.

Keine Woche später fuhr ich mit einem anderen Clubkollegen und Namensvetter recht zügig vom Niesenberg hinunter. Fast unten angelangt, entwich mir die Luft von Neuem. Obwohl ich viel weniger bremsen musste, als am Balmberg, war die Felge erneut heiss geworden. Ich war megahässig und wechselte den Schlauch erneut. So suchte ich wieder den Velomech auf und nun klappte es. Er zog mir ein neues und ganzes Textil-Felgenband auf, das bis heute hielt. Auf einer der letzten Touren fing ich zwar noch einen Nagel ein, doch damit konnte ich leben. Diesmal hatte niemand Schuld an meinem Pech.

77  Umweg über den Grenchenberg

 

 Im August 2014 waren Markus und ich gut in Form. Wir wollten etwas Aussergewöhnliches machen und wählten eine anspruchsvolle Rennvelo-Tour aus. Da wir Beide den Wettbewerb im Hobby-Rad-Cup bestritten, freuten wir uns, endlich mal auf Kilometer und vor allem auf Höhenmeter zu kommen. Ueber Oensingen fuhren wir durchs Tal  bis Gänsbrunnen und dann auf den 1‘006 m hohen Binzberg. In rassiger Abfahrt ging es nach Court. Dort mussten wir einige Meter zu Fuss gehen, denn die bauten wieder einmal zwischen Radweg und Hauptstrasse. Bald ging es steil hinauf, weiter oben wurde es noch steiler und da die Strasse wenig Kurven aufwies, schien es, als ob man geradeaus in den Himmel hinauffahre. Da ich hinten nur einen 25-er Kranz als kleinsten Gang aufgelegt hatte, musste ich ziemlich beissen. Die Beine gingen ja noch, aber als Bürogummi fehlte es mir ein wenig an der Kraft in den Armen. Alleine vom Bleistiftstemmen gibt es dort keine Mäuse ! Immerhin, wir erreichten das erste Flachstück und die Kuhweiden oberhalb des Waldes. Von dort aus ging es nur noch ein wenig bergauf auf den oberen Grenchenberg

(1‘348 m.ü.M) , viel flach und dann abwärts bis zum unteren Grenchenberg auf 1‘295 m.ü.M).  Dort holten wir uns erst mal Atem und tranken etwas. Als wir anhielten, um den Windstopper anzuziehen, sahen wir einen Biker von der andern Seite herauffahren. Der junge Deutsche hielt bei uns an und stieg ab. Er war total kaputt. Er hatte ein Bike mit einem Stahlrahmen und erst noch hinten und vorne zwei vollbepackte Taschen angebracht. Als wir ihm halfen, das Velo an die Hausmauer zu stellen, mussten wir beide zugreifen, so 

schwer war der Göppel. Wir fragten ihn nach dem woher und wohin und vernahmen, dass er von Genf aus eine mehrtägige Tour unternommen hatte. Ein Kollege  habe ihm diese Route ausgesucht. Wir erklärten ihm, dass er sich dabei einen der steilsten und längsten Jura-Uebergänge gewählt habe. Er wollte nach Köln fahren und da hätte er mit der Passage des oberen oder des unteren Hauensteins oder der Pierre Pertuis sicher leichtere Pässchen aussuchen können. Er freute sich aber, als wir ihn ein wenig vertrösten konnten mit dem Hinweis, es sei nicht mehr weit bis zur nächsten Abfahrt. Er solle über Moutier und Delsberg fahren bis nach Basel und dann alles dem Rhein entlang. So sei für ihn dieser Pass das letzte grössere Hindernis gewesen. Nach der langen Abfahrt nach Grenchen hinunter schmerzten mich die Hände vom vielen Bremsen mehr als die Beine.

Relativ flach ging es über Solothurn und durchs Gäu endlich der Heimat zu. So fand eine tolle Tour über immerhin 124 km und mit 1‘680 Höhenmetern einen schönen Abschluss.

78  red täitsch

 

Vor drei Jahren fand in Bern die EM der Mountainbiker statt. Für mich war klar, dass ich mit der SBB anreisen und mir die Show ansehen würde. Die Rennen führten rund um das  Bundeshaus  und waren spannend, übersichtlich und schnell. Oft entschieden nur wenige Zentimeter über Sieg oder Niederlage. Bei den Damen wurde die Italienerin Eva Lechner überlegene Siegerin. Nach der Siegerehrung gab sie der Presse noch Interviews und verteilte Autogramme. Da nahm ich allen Mut  zusammen und näherte mich ihr. Auf Italienisch, meiner Muttersprache, sagte ich zu Ihr: Complimenti Eva, hai fatto una gara veramente bella. Tanti auguri per la vitoria e il titolo Campionessa d’Europa. Sie hörte sich mein Sprüchli an und bemerkte wohl, dass ich – mangels Gelegenheit - einen Akzent hatte. Sie bedankte sich für die Gratulationen und meinte:    

                                                       Red täitsch, da versteh di äh

 

Das war aber eine Klatsche. Ich hatte fast noch feuchte Augen vom Zuhören der schönsten aller Nationalhymnen und mir erst noch grosse Mühe gegeben für eine perfekte Aussprache, und nun dies. In der Hektik hatte ich nicht daran gedacht, dass Eva Lechner wohl Italienerin war, aber noch mehr ist sie Südtirolerin und auch in Eppan wohnt;  und die sprechen dort deutsch. Da bei mir Politik im Sport nichts zu suchen  hat, kam ich gar nicht auf die Idee, dies zu differenzieren. Wenn man aber weiss, wie die Flamen und Wallonen zueinander stehen, kann man sich vorstellen, dass die Südtiroler sich wohl ebenso gut mit den andern  Italienern verstehen. Das vom Südtiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer weiss ich zwar nur aus den Geschichtsbüchern, dass aber vor rund 50 Jahren von den Separatisten  Hochspannungsmasten in die Luft gesprengt wurden, bleibt mir noch in bester Erinnerung. Da sind die Rivalitäten zwischen Bern und Jura sowie Baslern und Zürchern nur Nasenwasser.

79  Rückblick

 

 Als ich 1966 in den VC Born Boningen aufgenommen wurde, wurde ich gleich als Aktuar vorgeschlagen und gewählt. Mein Vorgänger Edgar Wyss hatte kurz zuvor demissioniert, da er seine Berufslehre in Basel machte und es ihm oft nur schwer möglich war, mit Zug und Bus rechtzeitig zu den  Versammlungen nach Boningen zu gelangen. Wir waren drei 17-jährige KV-Stifte die zur Wahl standen. Doch das war schnell entschieden, Urs wollte vor allem Rennen fahren und Titus hatte vor, nach der Lehre nach Zürich zu ziehen. So blieb es an mir hängen. Die ersten 16 Jahre durfte ich dem Verein als Aktuar und Sekretär dienen. Damals gab es noch keine Computer und die Protokolle nahm man noch nicht mit dem Diktiergerät auf, sondern notierte diese in der Stenographenschrift. Zum grossen Glück für mich, denn dadurch kam ich zu noch mehr Uebung darin, was sich an der LAP auch

mit der  Bestnote auszahlte. Die Protokolle wurden an der Versammlung noch vorgelesen und genehmigt. Erst danach wurden diese von Hand ins Protokollbuch reingeschrieben. 

Die Fotokopierer waren noch nicht erfunden, man arbeitete  mit Durchschlagpapier oder schrieb die Ranglisten und Serienbriefe auf eine Matrize, um diese dann auf dem Ormig-Umdrucker zu vervielfältigen. So nach ca. 50 - 60 Exemplaren wurde das Ergebnis immer schwächer. Dann gab man noch einen „Sprutz“ Alkohol dazu und erhöhte den Druck noch mehr. Bald einmal war Schluss, die Zitrone war ausgepresst und musste durch eine Neue (Matrize) ersetzt werden.  

        

Ich mag mich noch gut daran erinnern, dass ich für das Nat. Rad-Quer vom 19. Oktober 1969 gegen vierhundert Bettelbriefe schrieb und dies alles  auf einer alten Erika- Schreibmaschine. Es gab weder eine Korrekturtaste, noch war es eine elektrische Maschine mit Textspeicher. Den Text musste ich nach einem Dutzend Schreiben nicht mehr ablesen, den kannte ich bald in- und auswendig. Als damals (noch) scheuer Jüngling ermöglichte mir Präsident Peter Wyss, viele wertvolle Kontakte mit der Presse, den Behörden, der Polizei, Verbänden, Vereinen und Sponsoren. Alles Dinge, die nicht nur mir, sondern auch dem Verein  weiter geholfen haben. Das mir geschenkte Vertrauen war gross, die Erwartungen aber ebenso. 

Nach unglaublichen 28 Jahren an der Spitze des Vereins rückte Peter Wyss 1982 zur Seite, um mir als Präsident Platz zu machen. Dieses Amt übte ich gerne aus. Nebst unzähligen Rennen durfte ich mit meinen Kollegen im Vorstand das traditionelle Jura-Derby vierzig Jahre lang immer mehr ausbauen. Der Lottomatch wurde mir von Anfang an anvertraut. Dieser wurde zuerst im Clublokal, dem Rest. Linde abgehalten. Es hatte viel zu wenig Platz und die Leute spielten auf dem Klavier, dem Zigaretten-Automaten, auf dem WC, dem Lavabo, in der Küche und auf der Estrichstiege. Lautsprecher hatte es  keinen. In der Mitte des Lokals stand Kari, der die Zahlen nochmals in allen Ecken des Hauses weitergab. Das war kein idealer Zustand und deshalb waren wir froh, dass wir nach vielen Jahren ins Restaurant St. Urs zügeln konnten. Die Preise mussten zwar von der Empore hinunter getragen werden, aber wir hatten mehr Platz und auch mehr Erfolg. Wenn es jedoch ein besonders kalter Winter war, mussten wir aber noch einen Zuschlag für die Heizung bezahlen. Mit der neuen Mehrzweckhalle, der Schnäggehalle, war uns noch mehr geholfen, bot diese doch Platz für 400 – 500 Personen, auch konnten wir mit dem Führen der Wirtschaft in eigener Regie etwas zusätzlich verdienen.  

Nach 16 Jahren als Präsident, übernahm Manfred Wyss dieses Amt, denn es wurde nach der Demission des Kassiers keiner gefunden. Mir als Ehrenpräsident fiel kein Zacken aus der Krone, mich als Kassier zur Verfügung zu stellen. Am Lottomatch und am Jura-Derby war ich sowieso dabei. Die restliche Arbeit konnte ich in den letzten 18 Jahren aber immer so einteilen, wie es mir passte. Es interessiert niemanden, ob ich die Buchungen am Montagmorgen machte oder am späten Samstag-Abend. Vor allem aber betrachtete ich diese Wahl als grosser Vertrauensbeweis mir gegenüber. In der Zwischenzeit haben es mit Ueli Brasser, Fritz Thüler, nochmals Ueli Brasser,  Nicole Kappeler  und Jürg Schoch weitere Präsidenten mit mir versucht. Es war mir eine Freude, all mein Wissen weiter zu geben und diese auch zu unterstützen. 

Das Bulletin war eines meiner Lieblingskinder (nebst Nicole und Elvira). Darum freut es mich sehr, dass mit Elvira Beck eine junge, aufgestellte und mit einem besonderen Flair ausgestattete Frau die Redaktion des vereinsinternen Nachrichtenblattes übernommen hat. Ein erster Anfang für die Uebergabe ist gemacht. Nun liegt es am Vorstand, weiter zu planen. Gerne bin ich nach wie vor, immer zu jeder Auskunft bereit und helfe nach wie vor mit, einfach ein bisschen weniger und unter weniger Druck und Stress.

Zum Schluss gilt es zu danken und zwar nicht nur denjenigen, die mir keine Steine in den Weg gelegt, sondern vor allem denen, die mich in allen Belangen unterstützt haben, die an mich geglaubt und mir den Rücken stützten. Vor allem meiner Gattin Iris und Tochter Nicole danke ich aufrichtig und herzlich. Sie haben mir nicht nur geholfen, sondern mussten oft  meine Abwesenheit in Kauf nehmen. Sie waren meine grössten Fans und sind es immer noch. Vielen, vielen Dank, es war trotz Allem eine schöne, spannende und interessante Zeit !

80  Die Pin - Phase           (Bilder siehe Leiste oben)

Vor 25 Jahren kamen die Pin's auf. Jeder Verein, der etwas auf sich hielt, liess einen Pin prägen. und verkaufte diesen, was nicht zuletzt der Vereinskasse gut tat.

 

Wir wollten da auch mitmachen und wirklich, bald einmal was das Sujet geschaffen und für gut befunden worden. 500 Pins wurden bestellt und trafen auch ein. Für einen Fünfliber pro Stück verkauften wir diese und brachten alle unter die Leute. Ein Mitglied verkaufte sogar hundert Stück und ich machte es genau so. Für den Verein war das ein Erfolg. Klar war ich stolz, wesentlich zum guten Gelingen beigetragen zu haben. Es hat aber alles seinen Preis ! Die meisten Pin's verkaufte ich am Arbeitsplatz. Es gab da viele Radsportfreunde und wenn es kein Radler war,  dann kaufte er diesen wohl mir zu liebe. Bald zeigte sich aber, dass ich damit ein Eigentor geschossen hatte, denn jeder der mir einen Pin abkaufte war auch in einem Verein. Entweder war er bei den Fuss- oder Faustballern, der Feuerwehr, den Turnern, im Schachclub oder bei den Hornussern. Auch die andern Veloclubs machten da mit und die Musikvereine ebenso wie die Eishockeyvereine oder die Landhockeyaner und die Schützen. Jeder kam auch bei mir vorbei und erwartete, dass ich ihm auch einen abkaufen würde. Klar machte ich das, hatte er mir doch auch einen abgekauft. Doch, wenn ich dem Verein 20 Stk abgekauft und diese dann verschenkt hätte, wäre ich billiger davon gekommen.  (Bild 1 oben links. Radfahrer mit grosser Nase. Wer dazu Modell gestanden ist, weiss man nicht mehr.)

 

Die zweite Serie liess nicht lange auf sich warten. Dieses Mal war ein Querfahrer das Sujet. Ich weiss sogar noch, wer dazu Modell gestanden hat: Es war Hansruedi Büchi, ein Nationalfahrer aus dem Zürcher Oberland. Die Pin's liessen wir numerieren, was damals gross in Mode war. Jeder wollte die Nummer 1 oder 13 oder seinen Jahrgang oder seine Glückszahl. Auch diese 500 Stk setzten wir sofort ab.

 

Dadurch ermuntert, liessen wir die dritte Serie produzieren. Diesmal war ein Mountainbiker drauf. Damit wollten wir mit der Zeit gehen. Auch dieser Pin kam gut an und es wurden erneut alle unter die Leute gebracht.

 

Aus Anlass des 20-Jahr-Jubiläums des Jura-Derbys liessen wir sogar 1'000 Stk prägen. Diese verkauften wir aber nicht, sondern verschenkten diese an die Teilnehmer. Den Rest verschenkten wir an unsere Inserenten, Gönner und Sponsoren. Das fand auch guten Anklang und brachte viel PR und Goodwill.

 

Nur ein Jahr später wurde unser Mitglied Maria Heim Schweizer-Meisterin auf der Strasse bei der Elite. Aus diesem Grunde wurden weitere 500 Stk mit ihrem Konterfei angefertigt. Einige Dutzend davon erhielt Maria zu ihrer Verfügung, den Rest verkauften wir wiederum. Den daraus erzielten Gewinn durften wir an der GV in einem Couvert stolz an das neue Ehrenmitglied überreichen.

 

Der Fan-Club unseres Quer-Weltmeisters Dieter Runkel gab noch einige Serien heraus. Diese fanden zwar wegen der Bedeutung des Titels noch die gebührende Beachtung, dann war die Pinomanie vorbei. Gerade rechtzeitig haben wir die Entwicklung richtig gedeutet. Fast von einem Monat auf den andern wollte niemand noch etwas von Pin's wissen. Heute kann man im Ricardo jeden Pin für nur einen Franken kaufen.

 

 

 

81  auf dem falschen Fuss erwischt

 

Als langjähriger Kassier des Vereins musste ich mir viel anhören. Die Einen behaupteten, ich sei ein Geizhals, die andern sagten, ich meine das Vereinsver-mögen sei eine heilige Kuh oder sogar, es gehöre mir, weil ich darauf bedacht war, so wenig wie möglich davon auszugeben.

 

Meine Mutter hat mir immer gesagt, dass man von den Reichen sparen lerne. So erzählte sie mir, dass es kurz nach dem zweiten Weltkrieg auch in der Schweiz noch Bettler gegeben habe, die von Haus zu Haus zogen, um eine warme Suppe zu erhalten oder auch um Geld zu heischen. Sie war Köchin bei industriellen Herrschaften in Hägendorf. Diese hatten im Chuchigänterli eine kleine Schale, die mit Ein- und Zweiräpplern gefüllt war. Als nun ein Bettler vorbei kam, der um ein Almosen bat, gab sie ihm eine ganze Handvoll davon. Klar, dass die Schale bereits nach einer Woche leer war. Darauf angesprochen, erzählte sie ihrer Arbeitgeberin , wie es dazu kommen konnte. Diese tadelte sie zwar nicht, stellte aber unmissverständlich klar, dass diese Menge an Kleingeld mehr als ein halbes Jahr hätte ausreichen sollen. Ein Batzen oder ein Fünfer waren bereits damals nicht viel, doch dass man mit noch kleineren Münzen und erst noch einzeln abgegeben eine Freude bereiten wollte, schier ihr pingelig und geizig.

 

Wie sagt doch das Sprichwort:  Wer den Pfennig nicht ehrt, ist das Talers nicht wert. 

Das stimmt zwar, aber sie meinte dazu: Bei den Reichen lehrt man sparen.

 

Doch was will man, diese Worte sind mir geblieben und so blieb ich halt nicht nur privat, sondern auch im Verein recht sparsam. Mit den "faulen" Sprüchen konnte ich gut leben es war ja alles nur zum Wohle des Vereins und dagegen war nun mal nichts einzuwenden.

 

Einige Male musste ich mich ein wenig aufregen wegen Ausgaben, die nicht nötig gewesen wären. Doch grossen Aerger oder Unstimmigkeiten gab es nie und die Mitglieder waren mit mir und ich mit ihnen zufrieden.

 

Zweimal wurde ich aber doch ausgebremst und auf dem falschen Fuss erwischt. Das erste mal war an einem Lottomatch. Ich stand am Buffet, um etwas zu holen. Vor mir stand Dani, ein Helfer, der auch den ganzen Abend bis Mitternacht im Einsatz war. Er bestellte ein Bier und zückte sein Portemonnaie. Ich sah das und sagte zu ihm: Die Verpflegung der Helfer können wir uns noch leisten. Du musst Dein Bier sicher nicht bezahlen. Steck den Geldbeutel wieder ein. Wenn Du dann das fünfte Bier geholt hast, reden wir wieder darüber. Der Wirt hörte dies und nickte mir zu. Man glaubt es kaum, nach dem Anlass kam der Wirt zu mir und berichtete, dass Dani an jenem Abend wirklich fünf Bier getrunken habe. Klar habe ich mich geärgert, aber nicht nur wegen Dani, sondern auch wegen mir, der so leichtfertige und unüberlegte Sprüche klopft. Ueber den Schaden wollen wir gar nicht diskutieren. das waren weniger als zehn Franken wenn man vom Einstandspreis aus geht.

 

Das zweite mal war ganz zum Schluss meiner Karriere als Kassier und Geizhals, da ging es um einen hundert mal höheren Betrag:

Wir legen jährlich einen bestimmten Anteil aus dem Gewinn eines Anlasses in die Reisekasse. Wenn diese geäufnet ist, was so alle zwei Jahre der Fall ist, laden wir alle Helferinnen zu einer Clubreise ein. Wenn der Topf besonders gut gefüllt ist, reicht es zu einer zweitägigen Reise, sonst geht es halt nur einen Tag ab auf die Walz. Der Car wird vom Verein bezahlt, ebenso die verschiedenen Ausgaben für Bahnen, Schiffsreisen, Museums- oder Tierparkbesuche sowie Essen und Getränke.

An der letzten Zweitagesreise war es besonders schön. Da wir nach Oesterreich reisten, organisierten wir am Abend auf der Alm oben eine Hüttengaudi. Unsere Frauen zogen die besten Dirndl an und sorgten für Stimmung. Der Apéro liess nichts zu wünschen übrig, das Menu noch weniger und die Getränke auch nicht. Die Musik spielte auf und es wurde gelacht und getanzt bis Mitternacht.  Der Verein liess sich nicht lumpen und ich kündigte an, dass alles bezahlt werde, auch die Getränke und zwar bis und mit Dessert. Dann überliess ich das Feld den Jungen und ging schlafen.

 

Als in den frühen Morgenstunden die Letzten die Hütte verliessen, war immer noch kein Dessert aufgetischt worden. Ob dies wohl vergessen oder mit Absicht immer weiter hinausgeschoben wurde, weiss ich bis heute noch nicht. So kam es, dass ich als Kassier die Rechnung erhielt, bei der die Getränke für die Zecherei weit höher ausfielen, als Apéro und Essen zusammen.

 

Im Nachhinein habe ich mich aber nicht mehr gross geärgert und machte gute Miene zum bösen Spiel, denn diejenigen, die dabei gewesen sind, haben dies alles mehr als verdient. Falls es ein Streich sein sollte, dann ist dieser wirklich vollauf gelungen oder wurde meine Gutmütigkeit nur ausgenützt ?